| Newsletter November 2026

Macht. Autorität. Verantwortung.

Perspektiven für Demokratie, Teilhabe und professionelle Praxis

Von Linda Huber

Macht hat keinen besonders guten Ruf. Wir verbinden sie schnell mit Despoten und Diktatoren, mit den großen Namen der Weltpolitik und den Tech-Giganten, die sie in Hülle und Fülle zu besitzen scheinen. Gleichzeitig kennen viele Menschen das gegenteilige Gefühl: Angesichts komplexer gesellschaftlicher Probleme, globaler Krisen und immer neuer Herausforderungen fühlen sie sich machtlos und ohnmächtig.

Doch Macht ist nicht nur etwas, das „die da oben“ haben. Sie begegnet uns überall dort, wo Menschen miteinander handeln und Entscheidungen treffen: in Behörden und Organisationen, in Schulen und Jugendhäusern, in der Sozialen Arbeit, in Vereinen und Kirchen – und auch im ganz persönlichen Alltag. Macht ist ein Kräfteverhältnis zwischen Menschen. Sie kann Handlungsspielräume eröffnen oder begrenzen. Und deshalb kommt es darauf an, wie wir mit ihr umgehen, betonte deshalb Prof. Dr. Juliane Sagebiel in ihrem Impulsbeitrag für den Fachtag „Macht. Autorität. Verantwortung. Praxis im Spannungsfeld gestalten“ am 1. Oktober in Stuttgart-Hohenheim. 

Fachkräfte und Multiplikator:innen aus unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit, der Kinder- und Jugendarbeit, Schule, Bildungsarbeit, Verbandsarbeit, Kirche und Polizei kamen zusammen, um sich mit unterschiedlichen Formen und Dimensionen von Macht auseinanderzusetzen, Machtprozesse besser zu verstehen und die eigene Macht zu reflektieren.

Von der Machtanalyse zum verantwortungsvollen Handeln

In ihrem Impulsvortrag machte Prof. Sagebiel deutlich: Macht zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen. Sie steckt in gesellschaftlichen Strukturen ebenso wie in Organisationen, Regeln und Verfahren. Wer über Wissen, Geld, Informationen oder Beziehungen verfügt, hat andere Handlungsmöglichkeiten als jemand, dem diese Ressourcen fehlen. Auch die Möglichkeit, über den Zugang zu Unterstützung zu entscheiden, Bewertungen vorzunehmen oder Regeln anzuwenden, schafft Macht. Zugleich sei Macht keinesfalls einseitig oder unveränderlich. 

Wie wichtig es deshalb ist, Machtverhältnisse zu erkennen, um sie produktiv gestalten oder verändern zu können, betonte deshalb auch Mathieu Coquelin, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. Er zeigte auf, wie sich Machtverhältnisse im beruflichen Alltag konkret untersuchen lassen, um verschiedene Perspektiven und mögliche Folgen abzuwägen, die richtige Balance zwischen Kontrolle und Orientierung zu finden und Entscheidungen gut zu begründen. 

Demokratie braucht Menschen, die mit Macht umgehen können

Auch im gemeinsamen Podiumsgespräch machten die beiden Referierenden deutlich: Macht ist nicht grundsätzlich etwas Negatives. Sie ermöglicht schafft Handlungsmöglichkeiten und strukturiert eine soziale Ordnung, die gemeinsames Handeln überhaupt erst möglich macht. Für die Demokratie sei sie damit unerlässlich. Doch sie brauche Menschen und Institutionen, die ihre Macht wahrnehmen – und bereit sind, sie verantwortungsvoll auszuüben. Denn gerade in Zeiten von Unsicherheit, wachsender Komplexität und dem Gefühl, Kontrolle zu verlieren, könnten insbesondere autoritäre Figuren attraktiv wirken, weil sie klare Orientierung, einfache Antworten und das Versprechen von Ordnung vermitteln – auch wenn dies mit der Einschränkung demokratischer Mitbestimmung und individueller Handlungsspielräume einhergeht.

Sagebiel und Coquelin forderten deshalb dazu auf, sich zu organisieren und die eigene Handlungsmacht so einzusetzen, dass Schwächere geschützt, Beteiligung ermöglicht, Ressourcen gerecht verteilt und Veränderung angestoßen werden können. Dabei sei es entscheidend, miteinander ins Gespräch zu kommen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten, Kompromisse auszuhandeln und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das stärke demokratische Kultur nachhaltig.

Machtverhältnisse erkennen und nutzen

Am Ende geht es bei einem verantwortungsvollen Umgang mit Macht nicht darum, Macht abzuschaffen. Das wäre weder möglich noch wünschenswert. Es geht vielmehr darum, Machtverhältnisse zu reflektieren und sich der eigenen Macht bewusst zu werden.

Dazu boten am Nachmittag  Workshops und Gesprächsforen die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu reflektieren und konkrete Impulse für die Praxis mitzunehmen – etwa, wie die Methode des Forumtheaters dazu eingesetzt werden kann, mit Kindern und Jugendlichen über Macht und weitere Themen ins Gespräch zu kommen. 

Der Workshop zu Männlichkeiten und Macht zeigte auf, wie bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit beeinflussen, wem in unserer Gesellschaft besonders häufig Deutungs- und Entscheidungsmacht zugesprochen werden und lud dazu ein, eigene Männlichkeitsbilder zu hinterfragen.

Im Gesprächsforum „Partizipation“ wurde diskutiert, was Beteiligung bedeutet, wenn sie tatsächlich heißt, Entscheidungsmacht zu teilen oder abzugeben. Wo beginnt echte Teilhabe – und wo bleibt Beteiligung lediglich symbolisch?

Im Gesprächsforum zu Polizei und Autorität ging es schließlich um ein ganz besonderes Machtverhältnis: Polizei verfügt über staatliche Autorität und besondere Befugnisse, ist gleichzeitig aber auf Vertrauen, Akzeptanz und Kooperation angewiesen. Im Mittelpunkt der Gespräche zwischen dem LKA und den Teilnehmenden standen Fragen nach Verhältnismäßigkeit, Dialog und einem verantwortungsvollen Umgang mit institutioneller Macht.

Macht bewusst einsetzen, heißt Verantwortung übernehmen

Am Ende gemeinsam von der Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg, dem Landeskriminalamts Baden-Württemberg, der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, der Evangelischen Akademie Bad Boll und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart veranstalteten Fachtags blieb also die Erkenntnis: Verantwortungsvoller Umgang mit Macht beginnt bei der Bereitschaft, die eigene Macht zu erkennen – und sie so einzusetzen, dass Menschen handlungsfähig bleiben oder handlungsfähiger werden. Denn Macht entsteht nicht nur durch Hierarchien, sondern auch durch Kooperation und Solidarität.