Von Johannes Kuber
Wie beeinflussen gesellschaftliche Leitbilder unsere eigenen Wohngewohnheiten? Wie können wir angesichts der Klimakrise nachhaltiger bauen? Ist das Einfamilienhaus ein Auslaufmodell? Wie werden wir in Zukunft wohnen? Diesen und anderen Fragen näherte sich die vom Fachbereich Geschichte organisierte Sommerakademie in Weingarten an fünf Tagen aus den verschiedensten Perspektiven.
Wir alle sind Nomaden und sesshaft nur auf Zeit – so der österreichische Philosoph Reinhard Margreiter in seinem einführenden Vortrag. Momentan jedoch lebten wir – bedingt durch moderne Verkehrstechnik, Arbeitsflexibilität, Tourismus, Flucht und Migration – in einem Zeitalter ganz besonders entfesselter Mobilität. Dem seien wir aber nicht hilflos ausgesetzt, sondern könnten Strategien gegen die moderne Unwohnlichkeit entwickeln und unser Wohnen kreativ gestalten.
Wohnen zwischen Mobilität, Macht und Bürokratie
Der Berliner Kunsthistoriker Matthias Noell zeigte anschließend auf, dass unser heutiges Wohnen vor allem auf Wohnformen und -praktiken des 17. und 18. Jahrhunderts zurückgeht. Wohnen sei dabei nicht nur heute hochpolitisch („Abreißen können wir uns nicht mehr erlauben“), sondern schon immer auch ideologisch aufgeladen gewesen mit Fragen von Macht, Repräsentation oder dem Mensch-Natur-Verhältnis. Er appellierte, sich zu fragen: Worauf können wir verzichten? Können wir „arm“ werden im positiven Sinn, also wohnen ohne Ballast und Repräsentation?
Martina Geiger-Gerlach aus Stuttgart führte mit „Raumwunder“ – ihrer künstlerischen Intervention zum Interimswohnen in Leerständen – eindrucksvoll vor, wie groß die Missstände auf dem Wohnungsmarkt sind, wie schnell sie sich aber teilweise beheben ließen, wenn mehr Menschen und vor allem Behörden motiviert und gewillt wären, kreative Lösungen zu finden. Geiger-Gerlach hatte Mietwohnungen, die zum Abriss bestimmt waren und eigentlich nicht mehr bewohnt werden durften, zu Kunstprojekten samt Wechselausstellungen umdeklariert und so erreicht, dass Geflüchtete dort unterkommen konnten.
Zwischen Tradition und Moderne
Die erste Exkursion führte die Reisegruppe in den malerischen Bregenzerwald. Der niederländische Architekt Willem Bruijn, der seit 20 Jahren in Vorarlberg lebt, präsentierte nicht nur preisgekrönte Bushaltestellen international renommierter Architekt:innen im dörflichen Krumbach, sondern demonstrierte anhand zahlreicher Beispiele, wie Tradition und Moderne zusammengedacht werden können, um nachhaltige und schöne Gebäude zu bauen. Besonders beeindruckt waren viele Teilnehmende von den allgegenwärtigen, modernen Holzhäusern mit ihren sich langsam verfärbenden, sich den Witterungsbedingungen anpassenden und damit selbst schützenden Fassaden.
Wohnen als Spiegel einer Gesellschaft im Wandel
Der dritte Tag der Sommerakademie begann mit mehreren geschichtswissenschaftlichen Beiträgen. Zunächst deklinierte Markus Speidel, Leiter des Museums der Alltagskultur in Waldenbuch, anhand vieler anschaulicher Beispiele durch, dass unsere Bedürfnisse zumindest über die letzten 200 Jahre relativ gleich geblieben sind, und welche von ihnen (zum Beispiel nach Schutz, Licht, Wärme, Hygiene) wir mit unseren Wohnungen befriedigen. Er arbeitete aber auch heraus, dass sich trotz aller Konstanten die konkreten Wohnformen häufig ändern und den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Trends anpassen; als Beispiele nannte er unter anderem die Erfindung des Jugendzimmers oder den Wandel der Küche von der belebten Stube zur funktionalen „Frankfurter Küche“ und heute wieder zurück zur Wohn- oder Schauküche. Das Wohnen sei deshalb auch immer ein Spiegel der Gesellschaft.
Die Bielefelder Historikerin Maren-Sophie Fünderich zeigte in ihrer Untersuchung zum „wohnsüchtigen“ 19. Jahrhundert, wie sehr die Umbrüche in Produktion, Markt und Stil das Wohnen im deutschen Kaiserreich prägten. Seriell und maschinell produzierte Möbel hatten bei den besseren Schichten einen schlechten Ruf, ermöglichten aber immer mehr Menschen aus dem neuen bürgerlichen Angestelltenmilieu, sich modern einzurichten. Wohnzeitschriften als neues Massenmedium, Wettbewerbe, Wohnausstellungen und Warenhaus-Möbelabteilungen bildeten diesen Trend ab und feuerten ihn gleichzeitig an.
Wohnen politisch: Ideologische Einfamilienhäuser, kapitalistischer Wohnungsmarkt
Jan Engelke, Architekt und Dozent in München, arbeitete in seiner Untersuchung der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ in den 1960er und 1970er Jahren heraus, dass Einfamilienhäuser (oder besser Eigenheime) zunächst gar nicht von besonders vielen Menschen gewünscht waren, dass das Eigenheim dann aber politisch gezielt gefördert wurde, weil es dem familienpolitischen Ideal der patriarchalen Kleinfamilie entsprach und es zudem die Eigentümer gleichsam gegen den Sozialismus impfen sollte. Engelke analysierte dabei auch eindrucksvoll, wie die Eigenheime quasi um die Rolle der Hausfrau herum gebaut wurden – Stichwort Herrenzimmer mit Aussicht versus versteckte (Wasch-)Küche. In den 16 Millionen Eigenheimen, die heute in Deutschland stehen, wohnen im Schnitt nur 1,8 Personen; trotzdem werden jährlich weiterhin 100.000 neue errichtet. Engelke plädierte für neue Ansätze, um die vorhandenen Bestände intelligenter und nachhaltiger zu nutzen.
Auch die Frankfurter Stadtforscherin Susanne Heeg widmete sich aktuellen Missständen auf dem Wohnungsmarkt und zeigte – statistisch reichhaltig unterfüttert – auf, wie sehr das Grundrecht auf Wohnen durch die Privatisierung insbesondere öffentlicher Wohnungen in Städten, durch die Kommodifizierung von Wohnraum und die damit einhergehende Spekulation eingeschränkt wird, was besonders einkommensschwache Haushalte trifft. Als Gegenmaßnahme schlug sie vor, den Mietwohnungsmarkt wieder stärker zu regulieren, öffentliche Wohnungsunternehmen zu stärken oder neu zu gründen sowie gegebenenfalls auch finanzmarktorientierte Wohnungsunternehmen zu vergesellschaften – wie sie es auch als Mitglied der Expert*innen-Kommission zum Volksentscheid „Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen“ in Berlin geraten hatte.
Die Dresdner Architektursoziologin Ulrike Scherzer gewährte schließlich anhand ihres Buchprojekts „Altweiberwohnen“ anrührende, lustige und ermutigende Einsichten in die Wohn- und Gedankenwelten von sechs älteren, allein lebenden Frauen.
Wohnen im Holzhaus – 2024 n. Chr. und 600 v. Chr.
Am zweiten Exkursionstag erhielt die Reisegruppe im riesigen Werk von SchwörerHaus in Hohenstein-Oberstetten faszinierende Einblicke in die Fertighaus-Produktion, besichtigte Tiny Houses ebenso wie barrierefreie Musterhäuser und sprach mit Werksleiter Jochen Renner über aktuelle Wohntrends und Herausforderungen für die Branche: Die Auftragslage sei aufgrund der Baukrise zurückgegangen, aber beispielsweise dank vieler altersgerechter Umbauten nicht schlecht; ein akuteres Problem sei auch hier der Fachkräftemangel. Nachmittags begab sich die Gruppe in wunderschöner Umgebung auf die Spur der Kelten: zur historischen Höhensiedlung Heuneburg. Wie genau diese lebten und wohnten, musste am Ende aufgrund ihrer schriftlosen Kultur im Spekulativen bleiben.
Digital wohnen – glücklich wohnen?
Der letzte Tag der Sommerakademie stand im Zeichen von lebenspraktischen Fragen, Zukunftsszenarien und Kunst. Jeanette Neidhardt-Rosenberger, Stuttgarter Interior Designerin und Fachplanerin für Wohn- und Architekturpsychologie, ging der Frage nach, was wir zum glücklichen Wohnen brauchen. Sie unterschied dabei zwischen sich wandelnden Wünschen und beständigen Wohnbedürfnissen (etwa Sicherheit, Erholung, Repräsentation oder Ästhetik). Unsere Wohnumgebung wirke körperlich, psychisch und emotional auf uns ein; Einfluss nehmen könnten wir darauf unter anderem durch Raumaufteilung, Farben, Beleuchtung, Naturbezug oder durch Möbel, die Geschichten erzählen.
Der Münchner Journalist Oliver Herwig spürte in seinem Beitrag den Chancen und Risiken des durchdigitalisierten Smart Home nach. Die Industrie locke mit Verheißungen von Komfort, Kostenersparnis und Kontrolle – Versprechen, die Herwig kritisch dekonstruierte: Ständig nötige Updates, schnell alternde Technik und geplante Obsoleszenz ließen am erhofften Komfort- und Kostenvorteil zweifeln. Und wer kontrolliert hier eigentlich wen? Wo landen unsere Daten? Das Smart Home eröffne durchaus interessante Möglichkeiten, sagte Herwig; die große Frage werde aber sein: Wie selbstbestimmt gehen wir mit dieser Technik um?
Den krönenden Abschluss der Sommerakademie bildete wieder ein Vortag der Kunstwissenschaftlerin Ilonka Czerny vom Fachbereich Kunst an der Akademie. Anhand verschiedener Beispiele zeichnete sie nach, wie Wohnen und Arbeiten von Künstler:innen schon jeher ineinandergreifen – vom Ikone gewordenen Dürerhaus in Nürnberg über die Münchner Residenz des „Malerfürsten“ Franz von Lenbach, das Freiluftatelier Monets in Giverny, die Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe oder Otto Dix‘ Zuflucht in der inneren Emigration bis hin zum „digitalen Atelier“ der Stuttgarter Künstlerin und Filmemacherin Gisela Zimmermann.
Letzte Sommerakademie in Weingarten
Die Sommerakademie belegte eindrücklich, was Markus Speidel angemerkt hatte: Dass wir nämlich alle Expert:innen für das Wohnen sind. Nicht nur nach den Vorträgen, auch in den Pausen und an den freien Abenden diskutierten die Teilnehmenden engagiert über die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, aber auch über ihre ganz persönlichen Wohnprobleme und -träume.
Nach fünf Tagen abwechslungsreichen Programms mit vielen Anregungen für das eigene Lesevergnügen waren sich viele Teilnehmer:innen einig: Es wird für sie nicht die letzte Sommerakademie gewesen sein. Allerdings die letzte in Weingarten: Da das dortige Tagungshaus Endes des Jahres 2024 geschlossen wird, wird die Sommerakademie nächstes Jahr voraussichtlich zum ersten Mal im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim stattfinden.












