| Newsletter Okt 2025

Wasserextreme als Gefahr für unsere Demokratie?

Über die Dimensionen und Folgen von Wasserextremen - weltweit und in Deutschland

Wasser ist so lebensnotwendig wie es auch lebensbedrohlich sein kann. Welche Erfahrungen im Umgang mit Wasserkrisen und -konflikten gibt es auf globaler Ebene? Wie wirken sich Wasserextreme auf unsere eigene Gesellschaft und unsere demokratischen Prozesse aus? Und wie lässt sich ein vorausschauender Umgang mit Wasserextremen gestalten? Im Austausch zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft widmete sich die Tagung dem gemeinsamen Nachdenken und Lernen über die unterschiedlichen Dimensionen und Folgen von Wasserextremen.

Einführend referierte Prof. i.R. Hans Gebhardt (Heidelberg) über Wasserkonflikte in globaler Perspektive. Sein zentraler Befund: Die weltweite Wassernutzung sei vor allem in Trockengebieten problematisch, dort komme es häufig zur Übernutzung und zu einer nicht nachhaltigen, oft ökonomisch unvernünftigen Nutzung – besonders in vielen afrikanischen Staaten, in denen eine nachhaltige Bewirtschaftung schwer umzusetzen ist. Staudämme galten lange als Lösung zur Steuerung von Wasserverfügbarkeit, etwa bei saisonalem Überschuss. Ihre Bewertung sei jedoch differenziert, erläuterte Gebhardt: „In Flusssystemen mit mehreren Anrainerstaaten wie Ober-, Mittel-, und Unterlieger können sie politisch konfliktbeladen sein. In anderen Regionen, etwa in Europa, erfüllen sie wichtige Funktionen – etwa in der Energieversorgung zur Regulierung von Grund- und Spitzenlasten“. Eine pauschale Bewertung sei daher nicht möglich, sie hänge stark vom regionalen Kontext ab.

Zwischenstaatliche Wasserabkommen als Hoffnungszeichen

Trotz bestehender Herausforderungen sieht der Experte Hoffnungseichen: So existierten zahlreiche zwischenstaatliche Wasserabkommen, etwa zwischen Jordanien und Saudi-Arabien oder zwischen Israel und Jordanien. „Auch wenn nicht alle Vereinbarungen effektiv umgesetzt werden, zeigen erfolgreiche Beispiele, dass Kooperation möglich ist und zur Entschärfung von Nutzungskonflikten beitragen kann“, sagte Gebhardt.

Dr. Benjamin Schraven vom German Institute of Development and Sustainability (IDOS) in Bonn referierte am Beispiel Wasser über klimabedingte Migration. Zunächst sei die Migration ein komplexer, multifaktorieller Prozess, der von wirtschaftlichen, politischen und soziokulturellen Faktoren beeinflusst wird. „Armut allein ist kein zentraler Treiber internationaler Migration – im Gegenteil: extreme Armut kann Migration eher verhindern, da dafür Ressourcen, wie Geld oder soziale Netzwerke, notwendig sind. Arme Menschen migrieren vor allem innerhalb ihres Landes oder ihrer Region“, sagte Schraven.

Keine Massenflucht nach Europa

Der Klimawandel wirke sich durchaus auf Migration aus, sei jedoch meist kein alleiniger Auslöser. Die klimabedingte Migration finde überwiegend innerhalb betroffener Regionen statt, die Migration aus Westafrika nach Europa werde eher von politischen und wirtschaftlichen Gründen als vom Klimawandel bestimmt. „Eine Massenflucht nach Europa infolge des Klimawandels ist derzeit nicht zu erwarten“, erklärte der Wissenschaftler. Allerdings sei in Europa mit einer zunehmenden Binnenmigration infolge klimatischer Veränderungen zu rechnen – etwa durch den Anstieg des Meeresspiegels oder Naturkatastrophen wie Überflutungen. Hoffnung mache ihm die zunehmende Versachlichung der Debatte über Klima und Migration – „weg von überzogenen Alarmismen hin zu einer differenzierten Betrachtung, auch als Vorbild für andere gesellschaftliche Diskurse.“

Über verschiedene Arten von Wasserkonflikten informierten Dr. Hannah Kosow und Janina Moschner von der ZIRIUS Universität Stuttgart, Ladenburger Kolleg „Zukünftige Wasserkonflikte in Deutschland“. So gebe es Ressourcenkonflikte (z. B. um Verteilung, Zugang und Schutz von Wasser), Governance-Konflikte (wer trifft Entscheidungen?) und Framing-Konflikte (ob und wie ein Problem überhaupt als Konflikt wahrgenommen wird). Die Politik reagiere hierauf unterschiedlich – auf Bundesebene etwa mit der Nationalen Wasserstrategie, auf kommunaler Ebene mit individuellen Lösungsansätzen im Umgang mit den Folgen des Klimawandels.

Planspiele für tragfähige Lösungen in Deutschland

Die beiden Wissenschaftlerinnen empfahlen, künftig frühzeitig alle relevanten Akteure wie Landwirtschaft, Industrie, Verbraucher:innen, Tourismus und Naturschutz an einen Tisch zu bringen, um tragfähige, faire Lösungen zu entwickeln, bevor Konflikte eskalieren. Ein bewährtes Instrument dafür seien Planspiele, in denen reale Problemstellungen simuliert und Perspektiven getauscht werden. Trotz bestehender Herausforderungen gebe es Anlass zur Zuversicht: So verfüge Deutschland über stabile demokratische Strukturen, eine gute Tradition interkommunaler Zusammenarbeit im Wassersektor (z. B. Zweckverbände), sowie ein vergleichsweise starkes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung. Diese Grundlagen könnten helfen, künftige Wasserkonflikte konstruktiv und gemeinschaftlich zu bewältigen

In den  Workshops ging es am Nachmittag über den Umgang mit Wasserextremen in Baden-Württemberg, die kommunale Wasserplanung, eine gelingende Klimakommunikation und eine auch theologisch gegründete Wasserethik. Unter dem Motto „Jetzt ins Handeln kommen“ diskutierten Thekla Walker (Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg), Dr. Natalie Pfau-Weller (stellvertretende  Vorsitzende vom Arbeitskreis Umwelt- Klima und Energiewirtschaft der CDU-Landtagsfraktion und PD Dr. Nils Franke vom Wissenschaftliches Büro Leipzig „Strategien gegen die Krisen“. Es moderierte Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen
Antisemitismus und für jüdisches Leben (Stuttgart).

Die Tagung wurde vom Fachbereich Migration und Menschenrechte der Akademie (Dr. Konstanze Jüngling) und dem Fachbereich Ethik - Naturwissenschaft- Theologie (Fabian Jaskolla) organisiert, in Kooperation mit dem Staatsministerium Baden-Württemberg und der Landeszentrale für Politische Bildung in Stuttgart.

Sehen Sie hier die Interviews mit den Referierenden auf unserem You-Tube-Kanal.