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Sommerakademie 2025

Historische Verflechtungen, globale Verstrickungen: zum Thema „Kleidung, Mode und Textilien zwischen Kultur, Konsum und Klima“.

Von Johannes Kuber

Wolodymyr Selenskyj trägt bei seinem Besuch im Weißen Haus – wie übrigens lange vor ihm schon Winston Churchill – Militärkleidung statt Jackett und handelt sich damit eine demütigende Schelte seines amerikanischen Amtskollegen ein. Der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu filmt Minuten vor seiner Festnahme eine Ansprache an die türkische Bevölkerung und bindet sich dabei demonstrativ in aller Ruhe die Krawatte. Als sich Joschka Fischer 1985 in Turnschuhen als erster grüner Minister vereidigen lässt, sorgt das für Empörung, und Angela Merkels Dekolleté beim Opernbesuch in Oslo wird 2008 zu einem mittleren Skandal hochgeschrieben.

Kleidung ist politisch, das zeigen die Beispiele. Und das auch jenseits der großen Bühne – man denke an Kopftuchdebatten, mediale Zerrbilder vom jogginghosentragenden Arbeitslosen oder die Irritationen, die es noch immer auslösen kann, wenn Männer Röcke tragen (Frauen in Hosen sind mittlerweile unverdächtig). Welche Kleider wir uns kaufen und wie lange wir sie tragen, hat außerdem direkte Auswirkungen auf globale Konsumkreisläufe. Doch wer weiß schon, durch welche Hände sein neues T-Shirt im Produktionsprozess gegangen ist, wie viel Wasser dafür verbraucht, wie viele Treibgase dafür ausgestoßen wurden? Trotz stärker regulierter Lieferketten bleiben prekäre Arbeitsverhältnisse und Umweltbelastungen oft unsichtbar.

Über solcherlei Fragen haben sich Menschen vergangener Zeiten eher weniger Gedanken gemacht. Überlebensnotwendig waren Kleider schon vor zehntausenden Jahren – doch fast von Anfang an waren sie zugleich mehr als nur eine funktionale zweite Haut: Früh waren sie auch mit sozialen und symbolischen Bedeutungsebenen verwoben, etwa zur Abgrenzung von anderen Gruppen oder zur symbolischen Verfestigung gesellschaftlicher Hierarchien. Und spätestens mit der Erfindung des Nadelöhrs vor rund 40.000 Jahren, so meinen manche Fachleute, war aus Kleidung auch Mode geworden.

Über die Jahrtausende wandelten sich Materialien, Produktionstechniken, Schnitte und Moden permanent. Modetrends gingen vor allem von den Oberschichten aus, während die einfache Bevölkerung stärker auf Funktionalität und Langlebigkeit achten musste – was heute als „Upcycling“ eine Renaissance erfährt, war lange Zeit in Form des Ausbesserns und Umnähens alltägliche Praxis. Neue Handelsrouten und internationale Kontakte eröffneten Möglichkeiten des Kulturtransfers, und die kapitalistisch-industrielle, globalisierte Herstellung veränderte schließlich ohnehin grundlegend, wie produziert, gehandelt und konsumiert wurde.

Was über alle Zeiten und Kontinente hinweg gleichblieb, war die Verknüpfung des Alltagsgegenstands Kleidung mit Fragen von Identität, Selbstdarstellung und Zugehörigkeit: Immer war Kleidung auch ein Mittel der Distinktion, Repräsentation und Kommunikation – „Kleider machen Leute“. Nicht zuletzt hatte und hat Kleidung auch immer eine Geschlechtsdimension: Es war (und ist zum Teil noch immer) gesellschaftlich genau geregelt, was Frauen und Männer tragen dürfen. Schönheitsideale, Rollenbilder und Praktiken der Scham sind eng verflochten.

Heute ist die Vielfalt textiler Erzeugnisse so groß wie nie zuvor. Angesichts fortbestehender globaler Ungerechtigkeiten und der drohenden Klimakatastrophe beschäftigen sich zugleich viele Menschen intensiver als früher mit der Frage, wie sie sich kleiden wollen. Die Forschung arbeitet intensiv an Möglichkeiten, Produktionsprozesse nachhaltiger und individualisierter zu gestalten und den negativen Auswirkungen von „fast fashion“ entgegenzuwirken – sei es durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, sei es durch das Experimentieren mit regenerativen Materialien wie pflanzlichem Leder oder durch Ansätze zu einer Kreislaufwirtschaft.

Welche Rolle spielte Kleidung in der Alltagsgeschichte der Menschheit? Wann wird aus Kleidung Mode? Und inwiefern sind Moden immer auch Indikatoren gesellschaftlicher Veränderungen? Weshalb trug Dürer Pelz? Wie stieß die Textilindustrie technologische Innovationen an? Wie lassen sich anhand von Textilprodukten globale Verflechtungen sichtbar machen? Ist eine ökologisch und sozial nachhaltige Kleidungsproduktion überhaupt möglich? Welche Signale senden wir mit unseren Klamotten? Und wie sieht die Kleidung der Zukunft aus – smart shirt oder Pilzpulli?

Solchen und ähnlichen Fragen nähert sich die Sommerakademie „Kleider machen Leute – und umgekehrt. Kleidung, Mode und Textilien zwischen Kultur, Konsum und Klima…“ vom 26. bis 30. Juli 2025. Freuen Sie sich auf abwechslungsreiche Vorträge und Gespräche mit Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen, bei denen wir historische Perspektiven mit aktuellen Herausforderungen und Zukunftsfragen verknüpfen. Aufgelockert wird das anspruchsvolle Bildungs- und Kulturprogramm in sommerlich leichter Form durch zwei ganztägige Exkursionen.

Nachdem das Tagungshaus Weingarten leider zum 31.12.2024 seine Pforten schließen musste, findet die Sommerakademie 2025 zum ersten Mal im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim statt, das mit moderner Architektur und dem direkt angrenzenden Botanischen Garten der Universität Hohenheim lockt.

Das endgültige Programm veröffentlichen wir im Lauf des Monats Mai. Wenn Sie sich schon jetzt einen Platz sichern wollen, schreiben Sie uns gern eine Mail an storck@akademie-rs.de.