Von Clara Springer
Die Tagung fand am 14. und 15. November 2025 im Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart statt. Anlass war der 20. Jahrestag des Fundes der sterblichen Überreste von 34 Opfern des KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausen auf dem Gelände des heutigen Stuttgarter Flughafens. Veranstaltet wurde die Tagung auf Initiative der KZ-Gedenkstätte Echterdingen-Bernhausen und ihrer Träger, der Stadt Filderstadt und der Stadt Leinfelden-Echterdingen, gemeinsam mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e. V. (VGKN). Vor dem Hintergrund des Rechtsrucks in Deutschland und Europa, eines zunehmenden Antisemitismus und geschichtspolitischer Polarisierung wurden aktuelle gesellschaftspolitische und fachliche Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit in den Blick genommen.
Haupt- und Ehrenamtliche aus Gedenkstätten, Vertreterinnen und Vertreter der Kommunen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus historisch-politischer Bildung und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um Entwicklungen in der Erinnerungskultur zu diskutieren und Perspektiven auszutauschen. Eine Führung von Dr. Nikolaus Back durch die Gedenkstätte „Wege der Erinnerung“ in Filderstadt, die an das KZ-Außenlager Echterdingen-Bernhausen erinnert, eröffnete die Tagung.
20 Jahre Gräberfund am US-Airfield
Dr. Nikolaus Back erinnerte an den 19. September 2005, als bei Bauarbeiten auf dem US-Airfield sterbliche Überreste entdeckt wurden und sich rasch ein Zusammenhang zum früheren KZ-Außenlager abzeichnete. Das Medieninteresse war enorm, ebenso die Resonanz von Überlebenden und Angehörigen. Back schilderte die Herausforderungen der erneuten Bestattung, die aufgrund religiöser Vorgaben exakt am Fundort und in unveränderter Lage erfolgte. Die feierliche Wiederbeerdigung fand große Aufmerksamkeit. Das überregionale Interesse an dem historischen Ort ebbte danach jedoch ab. Back zeichnete die Entstehung der Gedenkstätte nach – von Recherchen mithilfe alliierter Luftbilder und des Natzweiler-Nummernbuchs über Besichtigungen anderer Erinnerungsorte bis hin zu gestalterischen Entscheidungen, die den schwierigen Standortbedingungen wie Lärm und Sicherheitsauflagen gerecht werden mussten.
Steinige Wege und lokale Erinnerungskulturen
Dr. Marco Brenneisen stellte die Entstehung der Echterdinger Gedenkstätte in den größeren Kontext der Erinnerungsgeschichte zu den Natzweiler-Außenlagern. Er zeigte, dass Erinnerung an diesen Orten stets grundlegende Fragen aufwirft: Wer erinnert, an wen, wo und mit welchem Ziel? Der Wissenschaftlicher Leiter der KZ-Gedenkstätte Sandhofen/VGKN führte durch verschiedene Phasen: die unmittelbare Nachkriegszeit, geprägt von ehemaligen Häftlingen und französischen Behörden; die 1950er Jahre, in denen deutsche Gedenkzeichen häufig vage blieben; sowie die 1980er Jahre, als Studierende der PH Ludwigsburg erstmals systematisch zu den Außenlagern forschten. Seit den 1990er Jahren entstanden zunehmend Gedenkorte außerhalb von Friedhöfen, oft mit kommunaler Unterstützung. Die Entwicklung der Gedenkstätte Echterdingen sei ein Beispiel für diese „steinigen Wege“, auf denen lokale Erinnerungskulturen wachsen – häufig gegen Widerstände, getragen aber vom Engagement vieler (ehrenamtlicher) Akteurinnen und Akteure.
Gedenkstättenarbeit im aktuellen gesellschaftlichen und politischen Kontext
Im öffentlichen Abendvortrag zeigte Deborah Hartmanndie gegenwärtigen Spannungen der deutschen Erinnerungskultur auf. Die Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz betonte, dass jüdische Perspektiven in öffentlichen Debatten noch immer zu wenig Gewicht erhalten, obwohl Überlebende nach 1945 zentrale Grundlagen der Holocaustforschung legten und frühe Formen des Gedenkens initiierten. Viele dieser Stimmen seien jedoch als „unbequem“ wahrgenommen worden, gerade weil sie früh und nachdrücklich auf Verstrickungen hinwiesen und institutionelle Formen der Erinnerung einforderten. Exemplarisch erinnerte sie an Joseph Wulf, der sich unermüdlich für die Errichtung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte in der Villa am Wannsee einsetzte, dessen Engagement jedoch zu seinen Lebzeiten weitgehend unbeachtet blieb. Hartmann beschrieb die Entwicklung von der Selbstorganisation der Überlebenden über den erinnerungspolitischen Aufbruch der 1960er Jahre bis zur staatlich geförderten Erinnerungskultur seit den 2000er Jahren. Diese Institutionalisierung führe zu Stabilität, teils werde der Holocaust allerdings nicht mehr als „Störfaktor“ wahrgenommen.
Aktuelle Debatten – rechtsextreme Angriffe, antisemitische Verschiebungen im Diskurs über Israel oder Forderungen, Gedenkstätten müssten sich zu internationalen Konflikten positionieren – setzten die Einrichtungen zusätzlich unter Druck. Viele Gedenkstätten seien für diese global vernetzten Auseinandersetzungen strukturell nur bedingt gerüstet.
Umkämpfte Räume. Deutsche NS-Erinnerungsorte und ihre Strategien im Umgang mit extrem rechten Aneignungsversuchen
Julia Gilfert zeigte, wie NS-Erinnerungsorte zunehmend zu „umkämpften Räumen“ werden, da rechte Akteure versuchen, Bedeutung, Wahrnehmung und Deutungshoheit zu beeinflussen. Am Beispiel der Wewelsburg bei Paderborn erläuterte die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaften an der Universität Würzburg museale Strategien zur Eindämmung rechtsextremer Mythenbildung – etwa kuratorische Entscheidungen, Objektpräsentationen oder Beleuchtungskonzepte, die emotionalisierende Effekte reduzieren sollen.
Anhand der Gedenkstätte Sachsenhausen verdeutlichte sie, wie stark politische Auseinandersetzungen – insbesondere im Umfeld der AfD – auf die Arbeit vor Ort wirken. Besucherordnungen, Einladungspraktiken und der Umgang mit Anwohnerinnen und Anwohnern seien Teil eines komplexen gesellschaftlichen Geflechts. Neben der Dokumentation Obersalzberg gibt es am Obersalzberg auch Spuren des „Führersperrgebiets“ und dortigen Regierungssitzes. Dadurch besteht, so Gilfert, eine fragile Erinnerungslandschaft ohne deutlich sichtbare Überreste und damit besonders anfällig für rechte Fantasien. Jede Gedenkstätte erfordere individuelle Strategien, stets sollten jedoch demokratische Strukturen gestärkt werden.
Schulische Gedenkstättenexkursionen. Potenziale, Bedingungen, Grenzen
Christian Kuchler, Lehrstuhlinhaber Didaktik der Geschichte an der Universität Augsburg, analysierte Erwartungen und Herausforderungen schulischer Gedenkstättenfahrten. Gesellschaft und Schülerinnen und Schülern verknüpften damit häufig hohe moralische und emotionale Erwartungen, während gleichzeitig zum Teil große Wissenslücken über die NS-Zeit bestehen. Hinzu kämen auch Ängste, etwa die Sorge vor Überwältigung, davor emotional überfordert zu werden oder sich nicht „richtig“ bzw. „angemessen“ zu verhalten. Diese Gemengelage verdeutlicht, wie komplex die Voraussetzungen sind, unter denen Besuche von Gedenkstätten stattfinden. Kuchler plädierte dafür, den historischen Ort in den Mittelpunkt zu stellen und ausreichend Zeit für eigene Erkundungen einzuplanen. Regionale Gedenkstätten könnten besondere Nähe erzeugen, die Perspektive auf die Internationalität der Verbrechen verdeutliche deren europäische Dimension. Kuchler hob die Bedeutung der Auseinandersetzung mit Täterinnen und Täter hervor, um Kontinuitätslinien zu erkennen. Digitale Angebote könnten den Unterricht sinnvoll ergänzen, den Besuch des historischen Ortes jedoch nicht ersetzen.
Was ist ‚gute‘ Gedenkstättenpädagogik? Perspektiven auf professionelles Handeln an Gedenkstätten
Freya Kurek beleuchtete die Grundlagen professioneller Gedenkstättenpädagogik. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und Public History, an der Universität Köln, zeigte auf, wie sich Gedenkstätten von zivilgesellschaftlichen Initiativen zu wissenschaftlich und institutionell verankerten Einrichtungen entwickelten, und diskutierte Professionalität, Haltung und Wirkung pädagogischer Arbeit. Gute Gedenkstättenpädagogik müsse historisch fundiert, methodisch vielfältig und subjektorientiert sein. Sie entstehe in Begegnungsräumen, die Austausch ermöglichen und Fragen des menschlichen Miteinanders am historischen Gegenstand verhandeln. Pädagogische Wirkung bleibe dabei stets offen und nicht vollständig planbar.
Die Diskussionen im Anschluss an die Vorträge waren lebhaft, selbstreflexiv und konstruktiv. Sie machten deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen der heutigen Gedenkstättenarbeit sind und wie wichtig ein kontinuierlicher fachlicher Austausch bleibt.
Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema lohnt sich zudem ein Blick in den ausführlichen Bericht bei H-Soz-Kult.









