Zwischen Abschied und Neuanfang

Eine persönliche Geschichte über Verlust, Flucht und das Ankommen in einer neuen Gesellschaft

Im Sommer hat Nilofar Adib ein mehrwöchiges Praktikum an unserer Akademie gemacht. Lesen Sie hier Ihre Geschichte - über den Verlust ihres Vaters, die Machtübernahme der Taliban, die Trennung von ihrer Heimat und ihrer Familie sowie über den Neuanfang in Deutschland.

Vor meiner Flucht hatte ich in Afghanistan bereits studiert. Anschließend arbeitete ich als Sozialarbeiterin beim International Rescue Committee, kurz IRC. Diese Arbeit war für mich sehr wichtig, weil ich andere Menschen unterstützen und zugleich Verantwortung für meine Familie übernehmen konnte.

Mein Vater hatte für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die GIZ, gearbeitet. Er war erst 42 Jahre alt, als er auf dem Weg zur Arbeit ums Leben kam. Nach seinem Tod war ich diejenige, die den Lebensunterhalt unserer Familie sicherte. Die Trauer über seinen Verlust war noch frisch, als sich unser Leben ein weiteres Mal grundlegend veränderte

Meine schönsten Erinnerungen an Afghanistan sind eng mit meiner Familie und besonders mit meinem Vater verbunden. Ich denke auch gerne an die Zeit zurück, in der ich studieren, arbeiten und ein selbstständiges Leben führen konnte. Afghanistan ist meine Heimat. Deshalb sind dort trotz aller schmerzhaften Erlebnisse viele wertvolle Erinnerungen und ein wichtiger Teil meines Lebens geblieben.

Der Tag an dem Herat fiel

An den 12. August 2021 erinnere ich mich noch sehr genau. Ich saß am Fenster meines Zimmers, tief in Gedanken versunken und voller Trauer über den Tod meines Vaters. Plötzlich hörte ich Schüsse und Explosionen. Ängstlich und nervös nahm ich mein Handy in die Hand. Eine Nachricht nach der anderen traf ein. Alle meine Freunde schrieben denselben Satz: "Herat ist gefallen."

Ich konnte es nicht glauben. Immer wieder sah ich auf mein Handy, als befände ich mich in einer anderen Welt. Vor Angst war ich wie erstarrt, und Tränen liefen mir über das Gesicht. Die Trauer um meinen Vater war noch nicht vergangen, da kam ein weiterer Schmerz hinzu, der kaum zu ertragen war.

Auf allen Nachrichtenseiten wurde dieselbe Meldung wiederholt. Ich hatte das Gefühl, dass von meiner bisherigen Welt nichts mehr übrig geblieben war. Wie konnte das geschehen? Was würde nun aus uns jungen Menschen werden? Welches politische System würde kommen? Noch immer konnte ich kaum begreifen, dass die Schüsse und Explosionen, die ich hörte, Wirklichkeit waren.

In politischen Analysen war von einem Neuanfang die Rede. Doch diese Worte gaben mir keine Hoffnung. Immer wieder sagte ich mir: "Das kann nicht wahr sein. Wir wollen das nicht."

Schließlich beschloss ich, das Haus zu verlassen. Mein Herz war voller Angst und Sorge, aber ich konnte nicht länger in meinem Zimmer bleiben und einfach nichts tun. Ich nahm ein Taxi und fuhr in die Innenstadt. Als wir den Hauptplatz erreichten, sah ich bewaffnete Männer mit langen Bärten durch die Stadt patrouillieren. Mir saß ein Kloß im Hals, und erneut liefen mir Tränen über das Gesicht. Ich wollte diese neue Wirklichkeit weder akzeptieren noch glauben.

Warum ich Afghanistan verlassen musste

In den folgenden Tagen wurde die Situation immer schwieriger. Unter der Herrschaft der Taliban hatten Frauen kaum noch Rechte und Freiheiten. Wir durften nicht mehr arbeiten, lernen oder selbst über unser Leben entscheiden. Auch ich musste zu Hause bleiben.

Nach dem Tod meines Vaters hatte ich die Verantwortung für den Lebensunterhalt meiner Familie übernommen. Nun konnte ich diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. Ich sah für mich und meine Geschwister keine sichere Zukunft. Die Entscheidung, Afghanistan zu verlassen, war deshalb keine freie Entscheidung. Sie war die einzige Hoffnung auf Sicherheit und ein menschenwürdiges Leben.

Die Flucht war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie und sein vertrautes Leben, um in einem fremden Land wieder bei null anzufangen. Ich fragte mich, ob ich in einer neuen Gesellschaft akzeptiert werden würde, ob Menschen mit einer anderen Kultur und Religion mich aufnehmen würden und ob ich dort meinen Platz finden könnte. Trotzdem wusste ich, dass mir kein anderer Weg blieb.

Unser Weg nach Deutschland

Weil mein Vater für die GIZ gearbeitet hatte, schrieb ich nach seinem Tod eine E-Mail und stellte einen Antrag für meine Familie. Schließlich erhielten wir Visa für Deutschland. Nach der Bestätigung rief uns eine zuständige Person an und sagte, dass wir nach Kabul kommen müssten.

Gegen Mitternacht wurden wir erneut angerufen und sollten unseren genauen Aufenthaltsort mitteilen. Anschließend holten uns Menschen ab, die wir vorher nicht gekannt hatten. Wir begegneten ihnen an diesem Tag zum ersten Mal. Sie begleiteten uns auf dem Weg von Kabul nach Pakistan. Diese Reise legten wir mit dem Auto zurück.

Meine Mutter, meine kleine Schwester Sosan, mein Bruder Navid und Emran und Yasiamin  die waren bei mir. Mein Bruder Omid musste bereits in Afghanistan zurückbleiben. Navid begleitete uns bis Pakistan und hatte ebenfalls ein Visum erhalten. Am Tag unseres Abflugs durfte er jedoch nicht mit uns nach Deutschland fliegen. Wir mussten ihn in Pakistan zurücklassen. Diese plötzliche Trennung war für unsere ganze Familie sehr schmerzhaft.

Ein schmerzhafter Abschied

Als das Flugzeug schließlich abhob, spürte ich eine große Schwere in meinem Herzen. Ich saß neben meiner Mutter und sah, wie sie langsam in sich zusammensank. Sie weinte unaufhörlich. Ihr Schmerz galt ihren Söhnen Navid und Omid, von denen sie nun getrennt war.

Auch meine kleine Schwester Sosan fragte immer wieder: "Wann kommen Navid und Omid?" Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich konnte nur sagen: "Habt Geduld. Ich habe mein Bestes getan." Doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass diese Antwort nicht genügte.

Ankommen in Deutschland

Als wir Deutschland erreichten, begegnete uns eine völlig neue Welt. Zuerst möchte ich Deutschland und allen Menschen danken, die uns geholfen haben. Sie haben uns die Möglichkeit gegeben, in Sicherheit zu leben und ein neues Leben zu beginnen.

In Vaihingen an der Enz lernte ich viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennen. Sie erklärten mir die Regeln und Gesetze dieses Landes und halfen mir, mich Schritt für Schritt in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Ihre Unterstützung gab mir Kraft und neue Hoffnung. Heute haben meine Geschwister hier die Möglichkeit zu lernen, sich weiterzuentwickeln und an ihrer Zukunft zu arbeiten.

Der Neuanfang war trotzdem schwierig. Ich musste eine neue Sprache lernen, eine andere Kultur verstehen und mein Leben von Grund auf neu aufbauen. Integration braucht Zeit. Sie bedeutet nicht nur, die Sprache und die Regeln eines Landes zu lernen. Sie bedeutet auch, Vertrauen aufzubauen, sich angenommen zu fühlen und langsam einen neuen Platz im Leben zu finden.

Ich begegnete auch Menschen, die Migrantinnen und Migranten nicht akzeptieren wollten. Manche lehnten unsere Anwesenheit ab, und manchmal waren bereits ihre Blicke verletzend. Diese Ablehnung und Gleichgültigkeit taten weh.

Am schwersten ist für mich jedoch die Trennung von meinen Brüdern. Omid musste in Afghanistan bleiben. Navid war bis Pakistan bei uns, durfte dann aber nicht mit uns nach Deutschland fliegen. Meine Gedanken sind oft bei ihnen. Auch meine Mutter macht sich große Sorgen um ihre Söhne und weint nachts. Diese Trennung belastet unsere Familie bis heute.

Mein Blick auf Afghanistan

Wenn ich heute an Afghanistan denke, empfinde ich Trauer, Schmerz und Enttäuschung. Solange die Taliban an der Macht sind, sehe ich nur wenige Möglichkeiten für Freiheit, Bildung und Entwicklung, besonders für Frauen und Mädchen.

Trotzdem liebe ich Afghanistan, denn es ist und bleibt meine Heimat. Ich wünsche mir, dass dort eines Tages Frieden herrscht und alle Menschen zusammenhalten, unabhängig von ihrer Familie, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrem Geschlecht. Ein Land kann sich nur entwickeln, wenn seine Menschen ohne Krieg und Angst leben, die gleichen Rechte haben und gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten können. Die Hoffnung auf ein freies und friedliches Afghanistan möchte ich nicht verlieren.

Meine Wünsche für die Zukunft

Ich habe bereits in Afghanistan studiert. Trotzdem muss ich in Deutschland noch einmal von vorne anfangen. Zurzeit mache ich ein Praktikum bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dieser Schritt hilft mir dabei, neue Erfahrungen zu sammeln und meinen Weg in Deutschland weiterzugehen.

Ich möchte die deutsche Sprache gut lernen und Sozialwissenschaften studieren. Später möchte ich wieder im sozialen Bereich arbeiten und andere Menschen unterstützen. Für meine Zukunft wünsche ich mir ein selbstständiges Leben in Sicherheit und Würde.

Mein größter Wunsch ist, dass meine Familie eines Tages wieder vereint ist und auch meine Brüder in Sicherheit leben können. Unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Dennoch hoffe ich, dass wir unser Ziel erreichen und uns ein neues Leben mit Sicherheit, Würde und Zuversicht aufbauen können.