Von Daniel Meier
Wer bin ich? Welche Werte habe ich? Welche Vorbilder habe ich? Für die Behandlung der großen Lebensfragen bleibt im schulischen Alltag oft nur ein kleines Zeitfenster. Dabei ist es so wichtig, dass vor allem junge Menschen angeleitet werden, sich damit zu beschäftigen. Um zu lernen, was wirklich relevant ist im Leben und wer ich einmal sein möchte. Und um zu erfahren, welche Einstellungen und Rollen mir als Kind mit in die Wiege gelegt wurden – und was später hinzugekommen ist. Durch Eltern, Freunde, durch Filme oder andere Medieninhalte.
Um genau solche Fragen zu klären, haben Stefanie Jebram aus dem Projekt „RespACT“ und die Theaterpädagogin Larissa Probst einen mehrstündigen Workshop konzipiert, den sie unter anderem seit drei Jahren regelmäßig in Zusammenarbeit mit Respekt Coach Katrin Strobel vom Internationalen Bund Nordbaden mit allen sechsten Klassen der Gemeinschaftsschule in Bammental umsetzen. Theaterpädagogische Elemente und kleinere schauspielerische Darstellungen wechseln sich ab mit Phasen der Einzel- und Gruppenreflexionen sowie Diskussionen im Plenum. Es geht um das Thema Identität zwischen „Ich und Wir“. Was bedeutet das konkret?
Wer bin ich - ein Mädchen oder die jüngste Tochter?
„Ich bin“ steht 20-mal auf dem Blatt Papier, was jeder und jede in die Hände bekommt – und es gilt, die zwei Wörter individuell zu ergänzen. Doch was bin ich denn eigentlich? Zunächst einmal ein Mädchen, oder doch erstmal die jüngste Tochter? Der beste Freund, oder der Sänger einer Schülerband? Technisch unbedarft oder eine Sportskanone? Oder eine Mischung aus allem? Die persönlichen Angaben bieten auf jeden Fall Gesprächsstoff – sofern ein junger Mensch sie preisgeben möchte. Verpflichtend ist es nicht, Auskunft über das Geschriebene zu geben.
Fester Bestandteil jedes Workshops: Die Namensrunde. Die Thematisierung des eigenen Namens bietet den passenden Einstieg, um über Persönliches ins Gespräch zu kommen. „Was habt Ihr als Erstes von euren Eltern mitbekommen?“, fragt Stefanie Jebram in die Runde. Die Familie wird genannt, das eigene Zuhause – und eben der eigene Name. Die meisten würden ihren Namen mögen, etwa zwei Drittel wüssten um die Bedeutung, resümiert Jebram aus den bisherigen Workshops - „aber bisweilen kommen große Verletzungen zum Vorschein, wenn zum Beispiel der eigene Name von Lehrenden wie Lernenden immer wieder falsch ausgesprochen wird.“ Auch wenn meistens keine bösartige Absicht dahinterstehe – der Name sei so eng verknüpft mit einem Menschen, dass die wiederholt unkorrekte Aussprache auf einer sehr persönlichen Ebene verheerend wirken könne. Umso wichtiger sei die Sensibilisierung.
Das Recht auf die richtige Aussprache des eigenen Namens
Da wirkt der Workshop oft noch lange nach. Es kommt vor, dass sich ein Kind ein Jahr später meldet und sagt: „Ich habe ein Recht drauf, dass mein Name richtig ausgesprochen wird“, berichtet eine Lehrerin. Und es traut sich zu sagen: „Das verletzt mich, wenn jemand das zu mir sagt.“ Nicht nur in dieser Sicht empfindet das Team der Lehrenden den Workshop zur Identität als „extrem nachhaltig“. Und durch die theaterpädagogischen Elemente entsteht bei aller Ernsthaftigkeit der Themen eine lockere Atmosphäre. Und so schließt sich heute die Nachbarin der Beschreibung „Ich bin Ukrainerin“ mit den Worten an „Ich bin eine deutsche Kartoffel“, und der nächste kontert mit dem schlichten, und dann doch berührenden „Ich bin ein Mensch“.
Die Elsenztalschule ist die erste Gemeinschaftsschule im Rhein-Neckar-Kreis. Rund 600 Schülerinnen und Schüler werden von etwa 50 Lehrkräften unterrichtet. Das theaterpädagogische Projekt ist eine unter mehreren Früchten des Respekt-Coaches-Programms. Seit bereits vier Jahren unterstützt Respekt Coach Katrin Strobel die Arbeit von Schulsozialarbeiterin Andrea Weidenbach v.a. mit Projekten im Bereich der Medienbildung, einem Sozialkompetenztraining, der Beschäftigung mit Phänomenen des Alltagsrassismus, der Extremismusprävention und eben dem Workshop zum Thema Identität. Teilweise über eine längere Zeitspanne laufend und stets mit einem ausgeprägt kreativen Anteil, zum Beispiel mit Musik und Malen.
Fremde Expertise und persönliche Erfahrung
Mittlerweile gibt es feste Bausteine, zum Beispiel in der Extremismusprävention, die mit festen Ansprechpartner:innen kontinuierlich wiederholt werden. „Gerade bei den großen Themen wie Extremismus und Alltagsrassismus ist es ausgesprochen wichtig, dass es Menschen von außen sind, die mit den Schülerinnen und Schülern in das Gespräch kommen“, erklärt Schulleiter Ralph Gromer. Da zählten die fremde Expertise und persönliche Erfahrung sehr, wenn zum Beispiel ein Gast mit Migrationshintergrund im Workshop mitwirkt. „Das ist für unsere Jugendlichen dann viel, viel nachhaltiger, als wenn ich reingehe und sage: Ich bin der Geschichtslehrer. Heute sprechen wir über Alltagsrassismus.“ Die Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, dass es in den Klassen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt, manche Jugendliche sich an rechten Ideen orientieren und andere zum religiösen Extremismus tendieren.
Wie reagieren die Respekt Coaches, wenn nun ein Schüler oder eine Schülerin erkennen lässt, dass er zu Hause extremes Gedankengut vermittelt bekommt? „Wenn wir da mit erhobenem Zeigefinger auf die Eltern zeigen, dann haben wir auf der Beziehungsebene gleich verloren“, bilanziert Katrin Strobel. Wichtiger und realistischer sei es, eine Brücke zu bauen, auf deren Basis weitergeredet werden kann. Vor allem gehe es darum, gemeinsam über demokratische Werte zu reden: Und dabei zum Beispiel zu fragen: Wie wollen wir miteinander leben? Wie können wir Empathie füreinander fördern? Und wenn zum Beispiel ein Gast mit Migrationshintergrund von bedrückenden Erfahrungen berichtet, könne ein bestimmtes „Parteithema“ rasch gelöscht werden.
Vorbilder - an wem orientiere ich mich in meinem Leben?
Im Workshop mit der sechsten Klasse geht es weiter mit den Vorbildern – woran orientiere ich mich in meinem Leben? Wessen Gesinnung folge ich nach? Da wechselt der große Bruder als leuchtendes Vorbild im Kampfsport mit einem türkischen Rapper, aber auch Eltern und Großeltern werden in der Runde genannt. Im Gespräch wird deutlich, dass Vorbilder wechseln und soziale Rollen im Laufe der Schullaufbahn verändert werden können. Nächster Impuls: „Wo tanke ich auf in meinem Leben?“ Viele nennen den Sport oder die Musik, eine gewisse „soziale Erwünschtheit“ mancher Antworten ist vermutlich unvermeidbar. Aber es findet sich auch ein Mädchen, das im Zusammensein mit ihrem Vater Kraft findet oder jemand, der gerne schweigend spazieren geht.
Es kommt nicht selten vor, dass das Thema eines Workshops eine gute Ergänzung zum Lehrplan bietet. Das birgt dann durchaus eine Herausforderung, wenn etwa beim Thema Antisemitismus die Erfahrung einer Schülerin zu berücksichtigen ist, die im Gaza-Streifen geboren wurde. Oder es schwingen Probleme aus dem Elternhaus mit, gepaart mit den typischen Identitätskrisen als Jugendlicher. Es ist gut, dass beim Workshop immer jemand aus dem Kreis der Lehrenden dabei ist, der oder die über hilfreiches Hintergrundwissen verfügt. „Im Rahmen der Ganztagesschule sind wir oft zentrale Bezugspersonen für die Jugendlichen. Und die täglichen acht Stunden unter der Woche sind oft mehr Zeit, als sie mit den Eltern verbringen“, erklärt Schulleiter Gromer. Ein Anliegen der Schulleitung ist es auch, regionale Partner mit ins Boot zu holen, zum Beispiel im Bereich von Sport oder Kultur. Als im Anschluss an einen Workshop kürzlich eine Schülerin meinte: „Ich will so gern Theater spielen, wo könnte ich das machen?“, wurde rasch der Kontakt zu einem Jugendtheater in Heidelberg hergestellt.
"Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden"
Und es kommt vor, dass sich ein Workshop gar existenziell auswirkt. So für die beiden Jugendlichen, die kurz vor einer erzieherischen Maßnahme standen, verbunden mit der klaren Perspektive, die Schule bald verlassen zu müssen, falls sich ihr Verhalten nicht ändern würde. Da bildete der Workshop zum Thema Alltagsrassismus, der von Stefanie Jebram in Kooperation mit Derya Şahan von der Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX) im Demokratiezentrum Baden-Württemberg seit Jahren für die 8. Klassen angeboten wird, einen wichtigen Baustein innerhalb vieler weiterer Maßnahmen und sendete ein klares Signal aus im Sinne von ‚Ihr erkennt mein Problem‘. Den Workshop holte Strobel im Rahmen des Respekt-Coaches-Programms an die Schule, nachdem einige Schüler ihr im Pausengespräch erzählten, dass sie sich manchmal im Leben rassistisch diskriminiert fühlten. „Die Jugendlichen hatten das Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden“, resümiert Schulleiter Gromer. „Heute handelt es sich um zwei Jungen, bei denen sich aus meiner Sicht sehr viel verändert hat.“
Vor der Schlussrunde wartet an diesem Freitagvormittag noch eine besondere Aufgabe auf die Schülerinnen und Schüler. Sie dürfen einen kurzen Brief an sich selbst schreiben, der erst am Ende der Schullaufbahn geöffnet wird: Welche Wünsche habe ich für meine Zukunft, welche Ziele? Wie wird die eigene Identität bis dahin gewachsen sein? Und wie hat sie sich verändert, zwischen dem Ich und den Mitmenschen? Bevor es ins Wochenende geht und die Klassenlehrerin die morgens eingesammelten Smartphone wieder verteilt, ist noch Zeit für eine kurze Feedback-Runde: „Mich hat am meisten überrascht, was es alles für Vorbilder gibt“, sagt Lioba. Und Mitschülerin Ayana ergänzt: „Ich fand es schön, dass wir doch eigentlich ganz gut aufeinander abgestimmt sind.“
Zum Hintergrund
Das bundesweite Projekt „RespACT. Vielfalt leben. Haltung zeigen“ widmet sich dem Ziel, Jugendliche durch politische Bildung gegen unterschiedliche Formen von Extremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu stärken. Das friedliche Zusammenleben in einer demokratischen und vielfältigen Gesellschaft steht dabei im Mittelpunkt.
In Kooperation mit Jugendsozialarbeit (Respekt Coaches/Jugendmigrationsdienste) und Schule (Lehrer:innen, Schulsozialarbeit) werden bedarfsorientierte Projekte konzipiert und durchgeführt. Dabei wird sich an den Ressourcen der Jugendlichen orientiert, wozu zum Beispiel Persönlichkeit, Kultur, Familie und Religion zählen. Das Projekt wird vom Bundesfamilienministerium gefördert und durch die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke e.V. (AKSB) koordiniert.
Das Projekt ist Teil des Bundesprogramms „Respekt Coaches“, welches demokratische Werte für junge Menschen erlebbar macht und Respekt, Toleranz und den Abbau von Vorurteilen an Schulen fördert.
Weitere Infos unter:
https://www.akademie-rs.de/ueber-uns/fachbereiche-und-projekte/jebram
Und zum JMD-Programm „Respekt Coaches“:
https://www.lass-uns-reden.de/
https://www.jugendmigrationsdienste.de/jmd/sinsheim
Lesen Sie hier eine gekürzte Fassung des Beitrages in der Rhein-Neckar-Zeitung.



