| Newsletter März 2026

Vom Diözesanbildungsheim zur Stätte des demokratischen Dialogs

75 Jahre Akademiegeschichte - ein aufschlussreicher Vortragsabend

Von Daniel Meier

Am 17./18. Februar 1951 fand die erste Veranstaltung der Akademie Rottenburg-Stuttgart im Christkönigsheim in Hohenheim statt. Exakt 75 Jahre später zeichnete eine Abendveranstaltung die Geschichte der Akademie nach – von den Anfängen bis in die Gegenwart, eingebettet in die Geschichte der katholischen Akademiearbeit in Deutschland.  

Die Akademie der Diözese Rottenburg‑Stuttgart entstand nach 1945 im Spannungsfeld zweier Modelle, berichtete Dr. Oliver Schütz aus Ulm: Zwischen einem dialogorientierten Ansatz engagierter Laien und junger Priester sowie einem instruktiven Schulungsmodell der Kirchenleitung. Während Erstere einen offenen Austausch über Glaubens‑ und Gesellschaftsfragen forderten, setzte das Ordinariat zunächst auf ein Diözesanbildungsheim zur „Schulung der breiten Volksmassen“. Zusätzlichen Druck erzeugte die bereits 1945 gegründete Evangelische Akademie Bad Boll, die als Vorbild und Herausforderung wirkte.

Laboratorium für Themen des Zweiten Vatikanischen Konzils

Erst unter Bischof Leiprecht kam 1950 Bewegung in die Pläne. 1951 fand in Hohenheim die erste Tagung statt, die bereits den später prägenden Charakter zeigte: Dialog, Offenheit und Einbezug Nicht‑Katholischer. Trotz kirchlicher Vorbehalte etablierte sich die Akademie als „Stätte lebendiger Begegnung zwischen Kirche und Welt“. Landesmittel, ein hauptamtlicher Direktor (Alfons Auer) und ein eigener Akademiebau (1965) stärkten ihre Ausrichtung. Die Akademie wurde zu einem Laboratorium für Themen des Zweiten Vatikanischen Konzils und prägte die Öffnung der Kirche zur Welt. Bis heute stehen drei Elemente im Zentrum: die Tradition der Tübinger Schule, die Mündigkeit der Laien und die dialogische Vermittlung zwischen Kirche und Gesellschaft – verbunden mit einer Kultur der Gastfreundschaft, symbolisiert durch die sprichwörtliche „Nasszelle“.

Welchen Weg gingen die Akademien der anderen Bistümer? Lina-Marie Ostertag aus Münster zeichnete den Weg der katholischen Akademien von ihren Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart nach. Nach dem Krieg entstanden die Akademien als Orte des Wiederaufbaus und der Verständigung zwischen Kirche und Welt. Sie wandelten sich rasch von Schulungsstätten zu Dialogräumen, in denen Menschen aus Kirche, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam Fragen der Zeit diskutierten. Dieses Dialogmodell war richtungsweisend: Es stärkte nicht nur den Austausch zwischen Religion und Moderne, sondern machte sichtbar, dass auch die Kirche von der Welt lernen könne. Damit wurden die Akademien zu Brücken zwischen Glauben, Bildung und demokratischer Kultur.

Verlust der Selbstverständlichkeit uns Neubestimmung der Rolle

Bereits in den 1960er Jahren setzte jedoch eine Krise ein: Mit wachsender gesellschaftlicher Pluralisierung und abnehmender kirchlicher Autorität verloren die Akademien an Selbstverständlichkeit und mussten ihre Rolle neu bestimmen. Heute stehen sie erneut vor der Herausforderung, ihre Relevanz zu beweisen – in einer Zeit kirchlicher Umbrüche, finanzieller Kürzungen und gesellschaftlicher Spaltung.

Ostertag betont, dass die Akademien sich immer wieder neu erfinden müssen, ohne ihren Ursprung zu vergessen: Sie sollen Bildungsorte bleiben, die demokratische Teilhabe, offene Debatte und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein fördern. Dabei sind sie „Schwellenorte“ der Kirche – Schnittstellen, an denen innerkirchliche Selbstverständnisse hinterfragt und Impulse für das gesellschaftliche Zusammenleben entwickelt werden. Anhand des Beispiels der „Münsteraner Streitgespräche“ zeigt die Referentin, wie zeitgemäße Akademiearbeit aussehen kann: Formate, die Kontroversen zulassen, Bürgerinnen und Bürger aktiv einbeziehen und so ein Bewusstsein für demokratische Streitkultur schaffen.