Von Detlef Dörner
Wie groß und unbändig ist der Drang nach Freiheit in uns Menschen, in jedem einzelnen von uns? Wie groß war bei Ludwig van Beethoven der Drang nach Freiheit, nachdem 1809 sein Wohnort Wien zum zweiten Mal von Napoleons Truppen besetzt wurde? Wie beeinflussen diese Tatsachen das kreative Schaffen eines Künstlers? Klängen Beethovens Werke – hier konkret: die Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel „Egmont“ – anders, wenn Wien nicht besetzt gewesen wäre?
Im „Egmont“ geht es um den Aufstand der Niederländer gegen die spanische Unterdrückungsherrschaft 1566-68, und dem jungen Wolfgang von Goethe lag die Idee um den Kampf für Freiheit offensichtlich so am Herzen, dass er für die Fertigstellung des „Egmont“ zwölf Jahre benötigte. Kurz vor Beginn der Französischen Revolution kam das Trauerspiel im Januar 1789 in Mainz zur Aufführung, und Goethe hatte der Musik in diesem Stück nicht nur eine besondere Rolle zugedacht. Er erteilte dafür auch ganz präzise Anweisungen.
Unter napoleonischer Besatzung
Das Wiener Burgtheater gab anlässlich seiner Aufführungen des „Egmont“ 1810 einen Auftrag an Beethoven, eine Musik nach Goethes Vorstellungen zu komponieren. Beethoven, ein Verehrer Goethes und selbst ein großer Verfechter der Freiheit, nahm diesen Auftrag dankend an. So entstand die „Schauspielmusik zu Goethes Tragödie Egmont“, die beim diesjährigen „Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd“ zur Aufführung kam. Anlass war das Festivalthema „Freiheit“. Die Akademie nahm diese Aufführung zum Anlass, ihr jährliches Musikforum innerhalb des Festivals zu diesem Thema anzubieten.
Der Philosoph Dr. Reinhard Nowak führte in die komplexe Thematik ein. Ausgehend von Immanuel Kants Satz „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ führte er das Thema weiter aus, beschrieb das Problem der Willkür und brachte Kants Vorstellungen über Freiheit mit dessen Aussage auf den Punkt, dass „die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann“.
Freiheit und die schlechten Ideen von ihr
Seine Ausführungen über Hegels Sicht auf die Freiheit beschloss Nowak mit dessen Satz: „Wenn man sagen hört, die Freiheit überhaupt sei dies, daß man tun könne, was man wolle, so kann solche Vorstellung nur für gänzlichen Mangel an Bildung des Gedankens genommen werden.“ Anhand von Schillers Worten beschrieb er die Widersprüche, die diese Thematik begleitet: „Die Freiheit in allen ihren moralischen Widersprüchen und physischen Übeln ist für edle Gemüter ein unendlich interessanteres Schauspiel als Wohlstand und Ordnung ohne Freiheit“.
Beethoven gestaltete die Freiheitsthematik mit seinen ihm eigenen klanglichen Mitteln. Interessant war zu beobachten, wie er die Vorgaben Goethes umgesetzt hat. Herausfordernd war zum Beispiel die Anweisung Goethes, „Eine Musik, Klärchens Tod bezeichnend“ zu komponieren, ohne dass dieser auf der Bühne gezeigt wurde. Herausragend ist auch die Umsetzung Beethovens von Goethes Anweisung im fünften Akt, einen Dialogabschnitt zu dramatisieren, indem er durch Musik unterlegt wird. Diese Szene mündet in eine traumhafte Musik („…die Musik begleitet seinen Schlummer…“), in der die „Freiheit“ pantomimisch dargestellt wird. Beethoven erfüllte nicht nur die Vorgaben Goethes, sondern fügte zusätzlich zu den geforderten Musiken eine Ouverture und vier Zwischenaktmusiken hinzu. Die Ouverture hat als eigenständiges Werk den Weg als sogenannte „Egmont-Ouverture“ in den Konzertbetrieb gefunden.
Von Goethe und Beethoven zu Serhij Zhadan
Bald nach ihrer Entstehung fand sich die ganze Schauspielmusik regelmäßig in konzertanten Aufführungen im Konzertsaal wieder. Friedrich Mosengeil verfasste extra hierfür passende und von Goethe autorisierte Deklamationstexte. Franz Grillparzer überarbeitete diese Fassung kurze Zeit später. Im Schwäbisch-Gmünder Heilig-Kreuz-Münster führten Sebastian Koch und die Frankfurter Philharmonie dieses Jahr eine erweiterte Fassung auf.
Das Forum endete mit einem Bericht über den ukrainischen Schriftstellers und Träger des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“, Serhij Zhadan, der im Frühjahr 2024 für sich entschied, dass er seine künstlerische Arbeit nur dann fortführen könne, wenn die freiheitliche Ordnung gewahrt bleibe. In diesem Sinne beschloss er, sich der ukrainischen Armee anzuschließen und als Soldat für sein Vaterland zu kämpfen.