Von Georg Tiroch
Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen erörterten auf der Tagung „Leben teilen“ in Hohenheim, wie Geschlecht unser Verständnis von Koexistenz und Verantwortung prägt. Die Auseinandersetzung mit Geschlecht als relationaler Kategorie erlaubt den Blick auf alternative Lebensentwürfe und macht marginalisierte Perspektiven zugänglich. Auch die Debatte über caring masculinities, queere Gegenkonzepte sowie Reflexion über Körper- und Sinnlichkeit rückten in den Fokus der Tagung, erweiterten so das Verständnis von Zusammenleben.
Empirische Sozialforschung, literarische und literaturwissenschaftliche Reflexionen
Dass das Patriarchat trotz Homophobie homosozial organisiert ist, machte die Kulturwissenschaftlerin Katja Kauer in ihrem Vortrag deutlich. So richteten Männer ihr Begehren und ihre Triebenergie zu allererst auf andere Männer. Heteromaskulinität basiere auf der bewussten Zurschaustellung heterosexueller Präferenzen, gehe gleichzeitig aber mit der Abwehr und Geringschätzung gegenüber Frauen und Weiblichkeit einher, wie an Schnitzlers „Reigen“ gezeigt wurde. Die Soziolog:innen Diana Lengersdorf und Michael Meuser zeigten hingegen, dass auch Männlichkeitsvorstellungen zunehmend durch Verantwortungsübernahme geprägt werden – finanziell, in Fürsorgebeziehungen und emotional. Dabei stellt sich die Frage, ob Männlichkeiten in ihrer Vielfalt überhaupt noch hegemonial vereinheitlicht werden können.
Weitere literaturwissenschaftliche Analysen ergänzten diese Perspektive. Marvin Braschoß zeigte, wie Klaus Manns Protagonist Andreas in „Der fromme Tanz“ queere Solidaritäten in der Berliner Bohème der 1920er Jahre entdeckt, während Toni Tholen Schreiben und Zusammenleben anhand der Romane des zusammenlebenden Autor:innenpaars Heinz Helle und Julia Weber beleuchtete
Die politische Dimension geteilter Lebensentwürfe
Die Inszenierung von Männlichkeit in politischen Kontexten wurde vielfach thematisiert. Die Propaganda des Islamischen Staates, so Georg Tiroch, bietet identitätsstiftende Angebote für junge Männer, die Stärke und Geborgenheit kombinieren – mit fatalen Folgen. David Meier-Arendt analysierte rechtsaffine Männlichkeiten im Netz, die Empörung und Fatalismus kultivieren, jedoch nicht zwingend zu kollektiver Aktion führen.
Die Aushandlung proletarischer Männlichkeitsideale innerhalb der Roten Armee Fraktion untersuchte Ben-Adrian Rieger, während Olaf Stieglitz und Peter Hintz filmische Narrative der 1970er Jahre analysierten. Filme wie „Midnight Cowboy“ oder „The Deer Hunter“illustrieren, kommentieren und kritisieren die Darstellung vonSolidaritäten, Fürsorge und Gewalt in Krisenzeiten männlicher Identität.
Gemeinsam Leben – auch in Zukunft?
Die Zukunftsperspektive auf Männlichkeiten und Koexistenz beleuchtete Heidi Süß anhand von Transformationsprozessen in der Rap-Musik, die neben problematischen Männlichkeitsbildern, Sexismus, Homophobie sowie Gewaltverherrlichung vermehrt auch zärtliche und fürsorgliche Identitätsentwürfe für Männer bietet. Insbesondere Gruppen wie die Dresdner Rap-Crew 01099 vermeiden traditionelle Macho-Inszenierungen und betonen stattdessen Gemeinschaft und Gerechtigkeit; Rapper wie Apsilon zeigen sich auch verletzlich, was innerhalb und außerhalb der Szene Anerkennung erfährt. Kathrin Kazmaier zeigte in Ursula Le Guins „The Word for World is Forest“, wie Science-Fiction Männlichkeitskonzepte kritisch reflektiert, während Francesca Rieker Mensch-Tier-Beziehungen analysierte, die Geschlecht und Fürsorge neu verhandeln.
Die Vielfalt der Beiträge verdeutlicht, dass tradierte Männlichkeitskonzepte nicht mehr ausreichen, um die Herausforderungen moderner Gesellschaften zu bewältigen.
