Von Annamaria Koridze
Ein neues Land, eine fremde Sprache, eine ungewohnte Kultur – wie fühlt sich das an? Welche Ängste und Sorgen begleiten den Alltag? Diese und viele andere Fragen stellen sich Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind. Im Alltag kämpfen sie mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten – auf der Suche nach dem Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Nun kamen unterschiedlichste Menschen mit Migrationsbiografien aus dem Osten Europas und darüber hinaus in Bad Urach zusammen. Anlass war das Seminar „Gemeinsam in Deutschland – Aktivismus und Erfahrungen in den Exil- und Diasporagruppen östlicher Nachbarländer“, eine Kooperation zwischen der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB BW), dem Ukrainischen Atelier für Kultur und Sport (UAKS e.V.) und dem Landesverband (post)migrantischer Organisationen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Europa, insbesondere der beobachtbaren Polarisierung infolge des Russland-Ukraine-Kriegs, hatte sich die Veranstaltung zum Ziel gesetzt, einen Raum für erste Begegnungen, für Austausch und die Reflexion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den eigenen Migrationserfahrungen zu schaffen.
Austausch – reflektiert und zukunftsorientiert
Im Mittelpunkt standen die kritische Auseinandersetzung mit der Sowjetgeschichte sowie der Aufbau langfristiger Netzwerke, um nachhaltige Zusammenarbeit zu ermöglichen – auch im Hinblick auf einen möglichen Aktivismus in die jeweiligen Herkunftsländer hinein. Die länderübergreifende Kommunikation gewinnt in diesem Kontext zunehmend an Relevanz, um gegenseitiges Verständnis zu stärken und gemeinsame Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Durch die Förderung interkulturellen Austauschs und gezielten Networkings markierte die Auftaktveranstaltung einen wichtigen Meilenstein für den Dialog, die kritische Reflexion über historische und aktuelle Herausforderungen und die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven. Menschen aus Afghanistan, Armenien, Burkina Faso, Belarus, Georgien, Iran, Kasachstan, Lettland, Russland und der Ukraine teilten ihre Erfahrungen und knüpften wichtige Verbindungen. Das Haus auf der Alb in Bad Urach, eine renommierte Bildungsstätte für Demokratie und interkulturellen Dialog, bot dabei einen geeigneten Rahmen, um einen reflektierten und zukunftsorientierten Austausch zu fördern.
Konzipiert und organisiert wurde das Seminar durch die Migrations- und Osteuropa-Expert:innen Afina Albrecht (UAKS), Tengiz Dalalishvili (LpB BW) und Dr. Konstanze Jüngling (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart). Unterstützt durch neun Referent:innen aus den verschiedensten Bereichen, wurde das Seminar zunächst eingeleitet durch ein lockeres Kennenlernen und Austauschen der Migrationsgeschichten aller Teilnehmenden. Fragen wie „Welchen Herausforderungen musste ich mich bei meiner Ankunft in Deutschland stellen?“ und „Warum bin ich hergekommen?“ füllten den Raum. Schnell kristallisierte sich heraus, dass der Kern dieser ganzen Thematik die Migration ist.
Ein Weg voller Hürden
Aber was bedeutet eigentlich Migration? Identitätsfragen, Integration und der eigene Bezug zum Herkunftsland spielten in dieser Debatte eine entscheidende Rolle. Eben dieser Austausch zu persönlichen Lebenssituation machte schnell deutlich: Die Annäherung interkultureller Menschen ohne Empathievermögen ist nicht möglich. Jede:r Teilnehmende definierte ihre/seine eigene Migrationsgeschichte individuell, keine ähnelte der anderen. „Ich versuche den Menschen zurückzugeben, was die Menschheit mir gegeben hat“, erläuterte ein Teilnehmer auf die Frage hin, wie er sich selbst in Bezug auf seine Integration sehe.
Das Seminar entwickelte sich schnell in eine Richtung des einfühlsamen Miteinanders und der Wertschätzung füreinander – durch gemeinsame Bewusstseinsbildung darüber, dass alle Teilnehmenden die Erfahrung eint, einen hürdenvollen Weg gegangen zu sein, um am Ende Deutschland die eigene Heimat nennen zu können.
Alle Vorträge der Referent:innen, sowie neue Gesprächskonzepte wie das „Talking by Walking“ zu den Bad Uracher Wasserfällen trugen zu einer regen und harmonischen Kommunikationsführung bei. Der zivilgesellschaftliche Anteil verschiedenster Akteur:innen mit eigener Zuwanderungsgeschichte rahmte das Seminar und bereicherte das Lernen voneinander. Der Austausch über das Zusammenleben innerhalb und zwischen den Exil- und Diasporagruppen aus der „östlichen Nachbarländern“ (Russland eingeschlossen) sowie die Wertschätzung des sozialen Engagements der Teilnehmenden legten wertvolle Bausteine für eine demokratische Gesellschaft.
Kultur als Brücke zwischen Kulturen
Wer sind wir ohne die zwischenmenschliche und interkulturelle Brücke zwischen Individuen? Was können wir voneinander lernen? Wie können wir Konflikte konstruktiv bearbeiten oder vermeiden und uns untereinander besser verstehen? Der Workshop „Gemeinsam in Deutschland“ ging eben diesen Fragen auf den Grund, und es entwickelte sich eine Vision von Gesellschaft, in der alle Teilnehmenden interkulturelles Verständnis und gegenseitige Unterstützung wertschätzten.
Das Seminar wurde gefüllt von Gesprächen, die scheinbar mühelos starteten und nahtlos in eine kulturelle und gesellschaftliche Diskussion übergingen. Jede:r der Teilnehmenden konnte neue und wertvolle Inhalte mitnehmen und das eigene Verhalten und Denken in Bezug auf andere kritisch reflektieren.
Der Höhepunkt der Interkulturalität des Seminars wurde durch den Kulturabend gefestigt, an dem verschiedene Teilnehmende traditionelle Tänze, Gesänge oder Gedichte aus ihren Herkunftsländern vortrugen. Besonders beeindruckend war hier, wie ein jeder sich auf die Kultur des anderen einlassen konnte und gemeinsam durch den Abend getanzt wurde. Dieser Abend wurde zu seinem Symbol für ein respektvolles und gesellschaftliches Miteinander.
„Memorial“: die mutige, nie endende Aufklärung über Unrecht
Der letzte Vortrag des Wochenendes jedoch blieb jedem Teilnehmenden nachdrücklich in Erinnerung. Elena Zhemkova, Direktorin von Memorial Zukunft und Mitgründerin von Memorial, sowie Ekkehard Maaß, Gründer der deutsch-kaukasischen Gesellschaft, beantworteten Fragen und erzählten von ihrer beeindruckenden Arbeit und ihrem Engagement.
Die Menschenrechtsorganisation Memorial, welche durch einen „Zufall“, wie Zhemkova berichtete, Ende der achtziger Jahre in der ehemaligen Sowjetunion von einer kleinen Gruppierung gegründet wurde, setzte sich ursprünglich für die Aufarbeitung der stalinistischen Repressionen ein und hat im Laufe der Jahre ihre Arbeit auf die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ausgeweitet. Ziel ist es, das historische Gedächtnis an die Opfer politischer Verfolgung zu bewahren und die öffentliche Aufklärung über vergangenes und gegenwärtiges Unrecht voranzutreiben. Die Arbeit dieser Organisation ist besonders gefährlich, was durch das Verbot in Russland 2021 nur verdeutlicht wird. 2022 erhielt Memorial den Friedensnobelpreis, eine Würdigung für den langjährigen und riskanten Einsatz zur Förderung von Demokratie in Russland und ehemaligen UdSSR-Staaten. Zhemkova illustrierte die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte und den Einsatz für Menschenrechte, verdeutlichte aber, dass es im Hinblick auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine noch einiges zu tun gibt. Mit den Worten „Meine Kollegen und ich werden niemals mit unserer Arbeit aufhören“ setzte sie ein klares Zeichen für die Kraft und den Mut, die sie verkörpert.
Ekkehard Maaß, der selbst jahrelange Flüchtlingsarbeit leistet, definiert sein Engagement wie folgt: „Das Ziel war es, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die kaukasischen Länder miteinander zu verbinden.“ Mit seiner Aussage griff Maaß das zentrale Anliegen des Seminars auf, die interkulturelle Verbundenheit der Menschen, und er verdeutlichte dies mit Beispielen aus seiner Arbeit. „Was bedeutet es für einen Menschen, Heimat, Bindungen und Sprache zu verlassen und nichts zu wissen? Flüchtling sein ist etwas Furchtbares.“ Maaß versuchte durch seine Arbeit, interkulturelle Konflikte zu schlichten, beispielsweise in Erstaufnahmestellen. Sein Bestreben vertiefte er durch die Gründung der deutsch-kaukasischen Gesellschaft. Zudem etablierte er einen literarischen Salon in Berlin, welcher zum einen der Aufklärung dient, zum anderen aber dem Zusammenkommen und dem Miteinander.
Zwei Persönlichkeiten, die für viele Teilnehmenden unvergesslich bleiben. Durch ihren Vortrag verdeutlichte sich einmal mehr der Sinn und Zweck eines länderübergreifenden Workshops, der es sich zum Ziel machte, die Vergangenheit aufzuarbeiten und gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Zhemkova und Maaß zeigten eindrucksvoll, wie unverzichtbar das „Gemeinsame“ für ein gesellschaftliches Miteinander ist – eine Inspiration für alle, die nach Deutschland gekommen sind. Allein können wir das nicht schaffen, wir brauchen die Hilfe von allen – oder in Zhemkovas Worten: „Heute machen Sie alle mir Hoffnung.“




