Von Julia Mutzenbach (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt)
Zur 26. Tagung des Interdisziplinären Forums Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit vom 6. bis 8. Februar 2026 kamen Forschende, Lehrende und Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen, um unter dem Titel „Interne Organisation und Außenkommunikation jüdischer Gemeinschaften“ Fragen der jüdischen Gemeinschaftsbildung in der Frühen Neuzeit zu diskutieren.
Nach den Krisen und Vertreibungen des Spätmittelalters standen jüdische Gemeinschaften vor der Aufgabe, ihre sozialen und religiösen Strukturen neu zu organisieren. Relevant waren dabei die Bedingungen, unter denen gemeinschaftliches Handeln in einer Situation stark verstreuten, teilweise atomisierten jüdischen Lebens aufrechterhalten werden konnte. Ebenso von Bedeutung waren die Wege und Formen, über die jüdische Gruppen ihre eigenen Anliegen gegenüber der nichtjüdischen Umwelt artikulieren und vertreten konnten.
Aktuelle Forschung und digitale Zugänge
Ein zentrales Element der Tagung war die Präsentation laufender Forschungsinitiativen. So präsentierte die DFG-Forschungsgruppe „Aschkenas in neuen Lebenswelten: Akteure, Praktiken und Räume in der jüdischen Geschichte Mitteleuropas während des 15. und 16. Jahrhunderts“ ihre Teilprojekte und den gemeinsamen Forschungsansatz. Das Projekt verbindet interdisziplinäre Methoden mit neuen digitalen Infrastrukturen zur kollaborativen Erschließung von Quellen und überschreitet dabei bewusst etablierte chronologische und räumliche Grenzen.
Die Arbeitsgruppe „Jews and Authorities in Early Modern Europe“ am Center for Jewish History in New York präsentierte ihre Arbeit zu jüdischen Gemeinschaften, ihrer Vernetzung und den Beziehungen zu Herrschaftsträgern. In regelmäßigen digitalen Treffen arbeiten dabei Forschende aus verschiedenen Ländern gemeinsam an Quellen und entwickeln neue Forschungsfragen. Wie digitale Werkzeuge die Forschung erweitern können, zeigte das Projekt „Austria Judaica“. Die umfangreiche Quellensammlung ermöglicht Einblicke in Vorgänge, Konflikte und Netzwerke jüdischer Gemeinden in Niederösterreich und Wien.
Differenzierte Perspektiven auf jüdische Ge-meinschaftsorganisation
Die Tagung bot einen breiten Überblick über Begriffe, Strukturen und Strategien jüdischer Selbstorganisation in der Frühen Neuzeit. Quellen wie Minhagim-Bücher, die lokaltypische Liturgien festhalten, Gemeindestatuten und Protokollbücher ermöglichten neue Einblicke in religiöse Bildung, normative Ordnungen und administrative Strukturen. Begriffe wie kahal, kehilla kedosha oder Landesjudenschaft, die jüdische Gemeinden und deren übergeordnete Institutionen bezeichnen, wurden kritisch hinterfragt. Dabei wurde deutlich, dass Siedlungen, Ortsgemeinden und überregionale Zusammenschlüsse regional sehr unterschiedlich organisiert waren. Auch innergemeindliche Organisationen wie die Chevra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) sowie die Vernetzung einzelner Rabbinate rückten in den Blick. Ebenso wurden die Rollen jüdischer Akteure wie Shtadlanim oder Hoffaktoren beleuchtet, die gegenüber der christlichen Obrigkeit auftraten und jüdische Interessen vertraten. Auch die strategische Nutzung der Gerichte der territorialen und reichsweiten Gerichtsbarkeit wurde thematisiert.
Als Ergebnis zeigte sich, dass kleine Niederlassungen integraler Bestandteil jüdischen Lebens waren und diese Atomisierung flexible Anpassungen notwendig machte, jedoch kein Ende gemeinschaftlich kultureller Praxis bedeutete. Offene Leitfragen betreffen weiterhin die genauere Definition etablierter Begriffe und die Vergleichbarkeit von Entwicklungen verschiedener Regionen. Ein gesamteuropäischer Blick, einschließlich sefardischer Kontexte, bleibt für die Forschung zukünftig unverzichtbar.
Die Konzeption und Leitung der Tagung lagen bei Lisa Astrid Bestle, Rahel Blum, Christoph Cluse, David Lüllemann, Lucia Raspe, Rotraud Ries und Johannes Kuber. Großzügig unterstützt wurde die Veranstaltung vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte Essen.
Die nächste Tagung des Forums ist für den 12. bis 14. Februar 2027 geplant und wird sich mit Fragen von Grenzen und Grenzüberschreitungen befassen.
