„Ein bisschen weniger ,Ich‘ und mehr ‚Wir‘.“ So lautet eine hergebrachte Maxime fürs tägliche Leben. Heute indes stellen wir fest: Das Problem sind die „Wirs“. Es sind die immer zahlreicheren Gruppen in der Gesellschaft, die sich egoistisch konstruieren, nicht an Gemeinschaft interessiert, sondern am Gegensatz, die sich in selbstdefinierter Identität zusammen-, dafür aber „die“ anderen ausschließen. Und mehr als das: Sie lassen die anderen nicht sein, wie sie sind, sondern ziehen aus, sie zu bekämpfen. Die Militanz der einzelnen „Wirs“ nimmt zu. Die „Wirs“ sind das „Ich“ von heute.
Wohin das führt, ist am Eklatantesten derzeit im Nahen Osten zu sehen, wo ein israelisches „Wir“ und ein palästinensisches „Wir“ in offensichtlich ungebremster gegenseitiger Tötung aufeinanderstoßen. In den gesellschaftlich ohnehin polarisierten USA lässt die Wiederwahl Donald Trumps zum Präsidenten Schlimmstes befürchten – mit nicht nur verbalen Auswirkungen auch auf Europa und Deutschland.
In der aufgewühlten, auch noch identitär-moralisch geladenen Atmosphäre des allgemeinen „Gegen“ verschwindet das Bewusstsein dafür, dass ohne ein übergeordnetes Bezugssystem jede Gesellschaft auseinanderfliegt.
An dem Tag, an dem Sie diesen Newsletter in Ihrem Postfach vorfinden, ehren wir einen Menschen, der sich genau für diesen Bezugsrahmen ins Getümmel der Politik und des ethischen Diskurses wirft: den israelischen Philosophen Omri Boehm. Gegen alle identitären Fragmentierungen macht er unbeirrbar den Kant’schen Gedanken der universalen Menschenwürde geltend. Dieser Gedanke definiert den Menschen nicht von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Religion, einer Ethnie her; er betrachtet ihn auch nicht eingeschränkt als Anhänger:in irgendeiner „Wahrheit“, die sich anders anfühlt als die eigene, sondern nimmt den Menschen abstrakt – und damit universal – als Menschen ernst. Dieser Universalismus, der nicht theoretisch bleibt, sondern – gut kantianisch – in ein „unbedingtes Sollen“ führt, ist für Omri Boehm das einzige, das uns retten kann.
Zusammen mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen verleihen wir an Omri Boehm den Ethik-Preis, der nach dem großen katholischen Moraltheologen Alfons Auer benannt ist. Über die Feier werden wir natürlich berichten. Wenn Sie bis dahin Näheres wissen wollen über das Denken Omri Boehms und die Hintergründe unserer Preisverleihung, empfehlen wir hier das Video, das wir zur Vorbereitung in Tübingen aufgezeichnet haben.
Es grüßt Sie herzlich