29.06.2026

„Ort des zivilisierten Streites und des Christseins auf Augenhöhe“

Festakt zum Jubiläum der ältesten katholischen Akademie in Deutschland mit Ministerpräsident a.D. Winfried Kretschmann

Von Dr. Daniel Meier

75 Jahre Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart: Eine Festveranstaltung hat am gestrigen Donnerstagabend (25.6.), Wegbegleiter:innen der Akademie in einem festlichen, dialogischen und musikalischen Rahmen im Tagungszentrum Hohenheim zusammenzugeführt. Ministerpräsident a.D. Winfried Kretschmann würdigte dabei die Akademie als Ort zur „Stärkung des Nervensystems der Demokratie“ und auch des innerkirchlichen Dialogs.   

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In seiner leidenschaftlichen Reflexion über das Wesen der Demokratie rief Kretschmann die radikale Verschiedenheit des Menschen als Grundherausforderung des demokratischen Diskurses in Erinnerung.  Die Kombinationsmöglichkeiten des Erbguts seien größer als die Anzahl der Atome im Universum – jeder Mensch sei somit „ein Unikat und ein schöpferischer Neuanfang. Und jeder kann deshalb denken, sprechen und handeln, wie vor ihm noch keiner gedacht, gesprochen oder gehandelt hat“, erklärte der frühere Biologielehrer.

"Erstaunt, wie Kompromisse funktionieren"

Unter Rückgriff auf Hannah Arendt betonte Kretschmann, dass die Organisation dieser absoluten Verschiedenheit die eigentliche Aufgabe der Politik sei. Konflikte seien dabei nichts Negatives, sondern zwangsläufige Folge der Pluralität. Ein „zivilisierter Streit“ setze jedoch voraus, dass man den anderen als Gleichen respektiere. „Wir müssen die anderen nicht schätzen oder bewundern, aber wir sollten uns achten und auf Augenhöhe agieren.“ Und anstatt vorschnell negativ über Kompromisse zu urteilen, könne man doch „in Wirklichkeit erstaunt sein, weil das nämlich nach wie vor funktioniert.“

Damit dieser Austausch gelinge, benötige die Gesellschaft einen intakten öffentlichen Raum – das „Nervensystem unserer Demokratie“. Als idealtypischen Ort hob Kretschmann die kirchliche Akademie hervor – „wo man sich eben nicht nur trifft, sondern begegnet. Mit dieser Haltung der Offenheit, etwas erreichen zu wollen, in diesen Diskursen etwas bewirken zu wollen, nicht etwas zerreden zu wollen, sondern sich in Freundschaft zu begegnen und das Stück an Objektivität in der Weltsicht, in der subjektiven Meinung des anderen herausfinden. Das ist das freundschaftliche Gespräch, das hier stattfinden kann“, erklärte der ehemalige Ministerpräsident und Kuratoriumsmitglied der Akademie.

Inspiration durch „religiöse Resonanzerfahrung"

Mit ihrer „religiösen Resonanzerfahrung“ inspiriere die Kirche dabei Gesellschaft und freiheitliche Demokratie, indem sie die göttliche Resonanz in unserer Welt bezeuge und ein Leben in Resonanz anstoße. Kretschmann erinnerte daran, dass  bereits die allererste Tagung der Akademie im Februar 1951 Männer und Frauen des politischen Lebens zusammengeführt hatte. Doch nicht nur für die Gesellschaft böte die Akademie einen offenen Raum, vielmehr ermögliche sie auch der Kirche selbst ein „zeitgemäßes Christsein auf Augenhöhe, im Dialog, in Eigenverantwortung und in der Freiheit des Christenmenschen.“

Bischof Krämer: „Unverzichtbare und markante Stimme"

In seinem Grußwort würdigte Bischof Dr. Klaus Krämer, wie die Akademie „auf vorbildliche Art und Weise in die Gesellschaft hineinwirkt und bewusst über den kirchlichen Raum hinaus reicht.“ Mit dem, was die Akademie durch ihre Veranstaltungen zu Glaubens- und Lebensfragen anbiete und anstoße, werde sie „zu einer unverzichtbaren und markanten kirchlichen Stimme und diskursiven Wirkmacht in die Gesellschaft hinein. „In Zeiten, in denen Gefährdungen der Demokratie wahrzunehmen sind, Menschenrechte im Kontext von Migration und Flucht bedroht sind, gesellschaftlicher Zusammenhalt bröckelt, ethische Orientierung verloren zu gehen droht, Krieg zu einer erschreckenden Selbstverständlichkeit geworden ist, Multilateralismus in den internationalen Beziehungen unterminiert wird, sind Impulse und zuweilen auch Imperative der Menschlichkeit mehr als gefragt“, erklärte der Bischof.

Akademiedirektor Frühbauer: Dankbarkeit und Blick nach vorne

Akademiedirektor Prof. Dr. Johannes Frühbauer zeigte sich sehr dankbar „für all die Jahre erfolgreichen und segensreichen Gestaltens – getragen, durchdrungen und erfüllt  vom göttlichen Wirken des Heiligen Geistes“. In den 75 Jahren ihres Bestehens sei es der Akademie gelungen, vielseitige Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. „Fast acht Jahrzehnte sind geprägt von der fruchtbaren Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen, Universitäten und Instituten, mit der Landesregierung Baden-Württembergs sowie etwa auch mit den drei anderen kirchlichen Akademien in unserem Land“, sagte Frühbauer. Zugleich gelte es nun nach vorne zu schauen und unter anderem zu fragen: „Welche Themen werden in Zukunft gefragt sein? Mit welchen Formaten? Wie kann es gelingen ein junges Publikum anzusprechen und für die Themen der Akademie zu interessieren?

Talkrunde mit Weggefährt:innen

In einer Talkrunde berichteten langjährige Weggefährt:innen der Akademie der letzten Jahrzehnte über ihre persönlichen Begegnungen und Erfahrungen. So schätzt Kathrin Lehmann, Vorsitzende Richterin am Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel a.D. den Austausch auf Augenhöhe mit verschiedenen Akteuren des Migrationsrechts, da dieser helfe, die juristische „Echokammer“ zu verlassen. Als besonders prägend in Erinnerung geblieben sei ihr eine Podiumsdiskussion aus dem Jahr 2006, bei der das Aufeinanderprallen der harten Realität einer russischen Menschenrechtlerin und der bürokratischen Feinheiten der deutschen Rechtsprechung tiefen Eindruck hinterließ.

Der Initiator der „Hohenheimer Tage“, Klaus Barwig berichtete, wie ein Streit zwischen der Kirche und der Landesregierung Baden-Württemberg Anlass zur ersten Tagung war. Bis heute verharre das deutsche Ausländerrecht in seiner Grundannahme oft noch fälschlicherweise in der alten „Rotationsidee“ der Gastarbeiterzeit und es fehle in der Politik eine klare, verlässliche Antwort darauf, wer dauerhaft im Land bleiben dürfe – eine Unklarheit, die den rechten Rand stärke, so Barwig. Zudem engagierte sich die Akademie früh in der Migrationsrechtsbildung für junge Menschen. In diesem Kontext wurde vor 35 Jahren Cem Özdemir als damaliger Sozialpädagogikstudent in die Arbeit eingebunden.

Jugenddialoge in Südamerika und die Akademie als geschützter Ort

Lena Bareiß begleitete internationale Jugenddialoge der Akademie in Bolivien und Ecuador, bei denen deutsche und indigene Jugendliche über ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten, Ängste und Träume sprachen. Während 2019 der Umweltschutz und die „Fridays for Future“-Proteste im Fokus standen, prägten zuletzt der deutsche Rechtsruck und die existenzielle Gewalt bewaffneter Gruppen in Kolumbien die Diskussionen.

Derya Şahan beschrieb die Akademie als verlässliche, prägende Partnerin, die ihr in verschiedenen Lebensphasen – ob als junge Muslimin, als Vorsitzende des Bundes der Muslimischen Frauen oder als Rundfunkrätin – stets als „Türöffnerin“, „Brückenbauerin“ und wertvoller Kompass diente. In einem von Vorurteilen geprägten Alltag fand sie in der Akademie einen geschützten Raum auf Augenhöhe. Für sie sei die Akademie ein Ort, an dem christliche Werte wie Gastfreundschaft und Wertschätzung nicht nur theoretisch besprochen, sondern im gemeinsamen Wirken für die gesamte Gesellschaft aktiv gelebt werden.

Preisverleihung "Promoting Democracy", Lichtkunst und Musik

In einer zweiten Gesprächsrunde nach dem sommerlichen Beisammensein im Foyer und im Garten des Tagungszentrums blickten Barbara Janz-Spaeth als Vorsitzende des Akademievereins und Thomas Löffler als Vorsitzender des Kuratoriums aus ihrer jeweiligen Perspektive auf die Arbeit der Akademie. Die drei Preise im Wettbewerb zur Ausstellung „Promoting Democracy“ gingen an Antje Häusser, Felix Sommer und Erwin Heigl.

Kürzere Dialogforen in den Räumen der Akademie boten zudem Räume für Austausch, Information und Beteiligung. Der Stuttgarter Lichtkünstler Laurenz Theinert tauchte mit seinem Visual Piano den großen Saal mit seinen grafischen Lichtkunst-Elementen in ein glamouröses „Festtagsgewand“. Inspiriert von den visuellen Grafiken musizierten der Geiger Martin Schnabel und der Pianist Martin Schnabel, beide gleichfalls aus Stuttgart.