als einer von rund 2.500 Menschen besuchte ich im September in Bonn den wohl größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas, den 55. Deutschen Historiker[:innen]tag. Ich erlebte spannende Debatten, traf alte und neue Kooperationspartner:innen – und freute mich besonders, dass mit Antje Flüchter eine Kollegin zur neuen Vorsitzenden des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands gewählt wurde, die der Akademie seit mehr als 25 Jahren verbunden ist.
Eines der großen Themen des Kongresses war die Zunahme von Angriffen auf die Freiheit der (Geschichts‑)Wissenschaft – nicht nur in autoritär regierten Staaten wie Russland, Ungarn oder den USA, wo Trump & Co. momentan versuchen, kritische Darstellungen zur US-amerikanischen Geschichte (und dazu zählt zum Teil schon die Thematisierung der Sklaverei) aus den Museen und den Lehrplänen zu tilgen. Auch hierzulande sind in den letzten Jahren vermehrt Angriffe auf einzelne Forschungszweige und individuelle Historiker:innen zu beobachten. Die AfD und andere rechtspopulistische bis rechtsextreme Akteur:innen haben es insbesondere auf die NS-Erinnerungskultur, aber auch auf die Geschlechtergeschichte und auf postkoloniale Ansätze abgesehen.
Es ist deshalb wichtig und gut, dass sich neue Netzwerke wie die „Historiker*innen für eine demokratische Gesellschaft“ bilden, um die Freiheit der Geschichtswissenschaft gemeinschaftlich gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, Delegitimierungsversuche und politische Einmischung zu verteidigen – und dass es außeruniversitäre Institutionen gibt, die kritischer und differenzierter Forschung den Rücken stärken. Die Akademie, die sich mit ihren katholischen Schwesterakademien gerade erst klar gegen die extreme Rechte positioniert hat, ist schon lange ein solcher Ort, an dem Positionen etwa aus den Feldern der Geschlechterforschung sowie post- und dekoloniale Ansätze offen diskutiert werden. Soeben geschehen ist das zum Beispiel bei der 30. Tagung des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit. Mitte November diskutieren wir bei einer Tagung und einem Abendvortrag, welche Auswirkungen u.a. rechtsextreme Angriffe auf die Erinnerungs- und Bildungsarbeit von Gedenkstätten haben, und fragen eine Woche später auf einer weiteren Tagung samt Abendvortrag kritisch nach der historischen Entwicklung der katholischen Sexualmoral. Die diesjährigen Afrikagespräche widmen sich der Frage nach einem neuen Rohstoffkolonialismus, während wir uns im Januar beim dritten Workshop der Reihe „Baden-Württemberg (post-)kolonial“ mit der Rolle der Kirchen im Kolonialismus beschäftigen.
Ich würde mich freuen, Sie bei der einen oder anderen Gelegenheit zu sehen.
Es grüßt Sie herzlich,
Ihr