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Liebe Leserin, lieber Leser,

wir schreiben das Jahr 1993. Dr. Gebhard Fürst, damals Akademiedirektor, schuf eine Stelle, die in der Akademienlandschaft einzigartig war: Sie sollte den Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie fördern. Ich hatte das Glück und die Aufgabe, diese Stelle über die Jahre zu entwickeln und die Leitidee „Vom Gegeneinander zum Miteinander“ lebendig werden zu lassen.

Konflikt- und Entwicklungspotenzial kann man an der Kontroverse „Evolution oder Schöpfung“  exemplarisch nachzeichnen – auch in der Tagungsarbeit. Zwar hatte sich die hohe Theologie mächtig ins Zeug gelegt, um sich von einem Entweder-Oder zu einem Sowohl-als-Auch durchzuringen. Die Möglichkeit eines solchen Miteinanders hatte sich allerdings noch nicht herumgesprochen. Mit ihrem wörtlichen Bibelverständnis wehrten sich die Kreationisten auf der einen, die exklusiven Evolutionisten auf der anderen Seite. Dieser Streit triggerte 2006 den sogenannten „Neuen Atheismus“, der nicht nur den Gottes- und Schöpfungsglauben verdammte, sondern bereits den Respekt vor dem Gottesglauben lautstark verteufelte.

Vor diesem Konflikthintergrund Gesprächsmöglichkeiten anzubieten, war eine spannende und spannungsreiche Aufgabe. Erleichtert wurde dies durch das Metanexus-Institut in Philadelphia, das interdisziplinäre Gesprächsgruppen weltweit förderte. In Deutschland konnten wir deren Zahl von 3 auf 25 erhöhen und damit dem Miteinander von Naturwissenschaft und Theologie einen merkbaren Schub verleihen.

Vielleicht waren es diese und andere Bewegungen, die nach dem Höhepunkt im Darwinjahr 2009 die aggressive Brisanz aus dieser Auseinandersetzung genommen haben. Der neue Atheismus ist verstummt, und die Fixierung auf die Naturwissenschaften konnte aufgebrochen werden, da eine Bühne bereitet war für das Eigentliche der Schöpfungserzählungen: ihre befreiungstheologische Utopie einer menschenwürdigen Welt.

Aber der vermeintliche Friede bleibt ein gefährdeter Friede: Die Bühne muss immer wieder neu ihre Tragfähigkeit unter Beweis stellen, damit die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften keine neue Einbruchstelle für den Gottesglauben wird. Wird die Theologie mit ihrem christlichen Menschen- und Weltverständnis dazu beitragen, das aktive Eingreifen in die Evolution in Richtung auf technisch optimierte Wesen oder künstliche Superintelligenz zu bereichern, ohne technikskeptische Spielverderberin zu sein?

Über meine Jahre an der Akademie, über Fragestellungen von einst und von heute, habe ich in diesem Interview gesprochen. Das Schauspiel, die Dialoge auf der großen Bühne gehen weiter, Vorhang also auf für meinen Nachfolger: für Fabian Jaskolla!

Es grüßt sie herzlich

 

 

Dr. Heinz-Hermann Peitz
Fachbereichsleiter
Fachbereich Naturwissenschaft und Theologie

 

  

Die nächsten Veranstaltungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mittendrin

Liebe Freundinnen und Freunde der Akademie,

wer einmal heiliggesprochen ist, darf sich im Paradies nicht auf entrücktes Frohlocken beschränken; er hat bleibende Pflichten für die Zurückgebliebenen hienieden. Tausende Schutzpatrone gibt es, die angerufen werden in Nöten aller Art. Jede Krankheit hat ihren Spezialisten oder die Spezialistin, und über die Medien wachen der Erzengel Gabriel (Radio), die Heilige Klara (Fernsehen) und Franz von Sales über alles Gedruckte.

Nur ausgerechnet das katholischste Medium – wenn man „katholisch“ wie üblich als „allumfassend“ übersetzt –, hat in den ewigen Sphären noch keine/n Verantwortliche/n: das Internet. Zwar wurde der Kirchenlehrer Isidor von Sevilla dafür schon mal ins Rennen geschickt, aber er lebte im sechsten und siebten Jahrhundert. Seine Distanz zu heute erschien dann doch zu groß und der alte Herr schlecht zu vermitteln.

Aber jetzt. Demnächst wird Carlo Acutis heiliggesprochen, ein Italiener, der 2006 im Alter von 15 Jahren an Leukämie starb und seit seiner Seligsprechung in einem Glasschrein zu Assisi liegt, trendig bekleidet mit blauem Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen.

Zu Lebzeiten, so heißt es, hat Carlo Acutis nicht nur täglich die Messe besucht, sondern auch im Internet alles gesammelt und online ausgestellt, was weltweit über Wunder mit geweihten Hostien zu finden war, und er hat Webseiten gebastelt, etwa für seine Kirchengemeinde. Zwei Wunder hat er als Seliger bereits gewirkt, und an Verehrung der Gläubigen für den „Cyber-Apostel“ oder „Influencer Gottes“ fehlt es auch nicht – weder in Assisi, noch in Sozialen Medien und Blogs. Viele dort sehen ihn auf gutem Weg, Patron des Internets zu werden, den Jugendlichen von heute ein leuchtendes Vorbild.

Die katholische Kirche, man sieht es, geht mit der Zeit. Das ist doch schon mal tröstlich. Und dieser Newsletter – nein, das war jetzt kein Text fürs Sommerloch! – geht in die großen Ferien. Wir wünschen Ihnen entspannte, angenehme Wochen und gute Erholung vor einem Herbst, der politisch ungemütlich werden könnte. In acht Wochen lesen Sie uns hier wieder. (pk)

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Persönliches

 

Fabian Jaskolla

Fabian Jaskolla ist neuer Leiter des Fachbereichs Naturwissenschaft und Theologie. Geboren 1997 in Mülheim/Ruhr, hat er im Bachelor Sozialwissenschaften, katholische Religionslehre und Bildungswissenschaften an der Uni Duisburg-Essen studiert, danach einen Master in Religion und Ethik in Kiel abgeschlossen. Im Oktober 2022 hat er den Master Christentum in Kultur und Gesellschaft, das Diplom für Christliche Sozialwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialethik, sowie ein Theologisches Ergänzungsstudium angetreten. Mehr im nächsten Newsletter!

 

 

  

  

 
 
 

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