akademie-rs.de - Meldungen http://www.akademie-rs.de/ de akademie-rs.de Tue, 20 Oct 2020 18:38:25 +0200 Tue, 20 Oct 2020 18:38:25 +0200 Typo3 news-902 Mon, 08 Jan 2018 09:36:00 +0100 Das Abendmahl /programm/meldungen/einzelansicht/news/das-abendmahl Kunst spielt bei der Akademie der Diözese eine wichtige Rolle. Doch Kunst braucht Förderer. Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele Freunde der Akademie zu den Förderern gehörten.  

Eine etwas andere, da transformierte und sinngemäße bildliche Darstellung des Themas Abendmahl hat die Böblinger Künstlerin Iris Wöhr-Reinheimer (*1958) für den Speisesaal des Tagungszentrums Hohenheim geschaffen. Ihre Aufgabe bestand darin, einen Gemälde-Fries mit intensivem Kolorit in das etwas nüchterne und farblich zurückgenommene postmoderne Ambiente des Speisesaals zu installieren. Die extremen Maße von 1 Meter x 20 Meter waren die besondere Herausforderung, vor die die Künstlerin gestellt wurde. Entstanden ist eine abwechslungsreiche Abfolge von verschiedenen Tischszenen, die dem Alltag entlehnt wurden.

Aus Anlass des Frieses wurden von der Künstlerin Gouachen (€ 350,-) und Linoldrucke (€ 175,-) gefertigt, die an der Rezeption des Tagungszentrums Hohenheim zum genannten Vorzugspreis erworben werden können.

Der umlaufende Fries gibt unserem Speisesaal eine besondere Note und Atmosphäre. Zur Finanzierung des Kunstwerks wäre uns eine Unterstützung in Form einer Spende sehr willkommen. Bankverbindung des Akademievereins:  DE77600201000000001400, BIC SCHWDESSXXX. Gerne stellen wir Ihnen auf Wunsch eine Spendenbescheinigung aus.

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Newsletter Dezember 2017
news-903 Thu, 14 Dec 2017 09:46:10 +0100 Das „eine" Afrika gibt es nicht /programm/meldungen/einzelansicht/news/das-eine-afrika-gibt-es-nicht Woran denken wir, wenn wir „Afrika“ hören? Und woran denken wir eben nicht? Was und wie wird über Afrika berichtet und welche Gegennarrative gibt es? Darüber ist im Tagungshaus in Weingarten diskutiert worden. Der afrikanische Kontinent besteht aus über 50 Ländern, in denen mehr als 1,1 Milliarden Menschen leben. Trotz der enormen Vielfalt des Kontinents ist die Afrikadarstellung in den europäischen Massenmedien jedoch meist durch drei K's geprägt: Kriege, Krankheiten und Katastrophen. Länder so unterschiedlich wie Somalia und Südafrika, Tunesien und Tansania, Ägypten und Äquatorialguinea werden alle zum gleichen Konstrukt "Afrika" homogenisiert. Aber auch afrikanische Repräsentationen des Kontinents besitzen keinen privilegierten Zugriff auf Wirklichkeit.


Vom 8. bis 10. Dezember fand im Tagungshaus Weingarten eine Tagung zum Thema „Mediale Bilder von Afrika“ statt. Sie wurde organisiert von Heike Wagner, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie  Ivo Ritzer, Valerie Hänsch und Johanna Rieß von der Universität Bayreuth und beschäftigte sich damit, wie wahrgenommene Wirklichkeiten konstruiert und dekonstruiert werden und welche Rolle verschiedene Medien dabei spielen können.

Johanna Rieß hob in ihren einleitenden Worten hervor, dass eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Ländern und Menschen nötig sei, die Opfer-Ästhetik, von der das massenmediale Afrikabild vorwiegend geprägt sei, dies aber nicht zulasse. Nadine Siegert (Bayreuth) sprach über eine notwendige Dekolonisierung des Blicks. Dies gelinge aber nur, wenn sich Betrachterinnen und Betrachter darauf einließen und eine bewusste Reflexion über das Gesehene in Gang komme.

„Die weiße Massai“ – Konservierung rassistischer Stereotypen

Julia Dittmann (Berlin) sprach in ihrem Vortrag über die „weiße“ Frau im afrikanistisch imaginierten Raum des okzidentalen Blockbusters. Eines ihrer Beispiele war der Film „Die weiße Massai“, der in Deutschland Millionen KinobesucherInnen zu verzeichnen hatte. Im Film, so Dittmann, werde die „weiße“ Frau als hegemonial konstruiert. Die afrikanistische Filmfigur Lemalian werde zum Blickobjekt und abgewertet. Dies mache den Film rassistisch, er führe das koloniale Stereotypendenken über Afrikanerinnen und Afrikaner fort.

Veye Tatah (Dortmund), Herausgeberin der Zeitschrift AFRICA POSITIVE, sprach über die mediale Darstellung Afrikas und deren Folgen. Sie forderte einen Perspektivenwechsel. Tatah wuchs in Kamerun auf. Ihre primäre Referenz der Identifizierung war dabei ihr Land und andere Referenzen. „Erst in Deutschland wurde ich zur Afrikanerin“, so Tatah. Diese Kategorisierung zeige, dass in Deutschland kein differenziertes Bild bestehe und die 54 Länder auf dem afrikanischen Kontinent auf einen Punkt homogenisiert würden. Dies allein mache deutlich, dass das mediale Bild von Afrika höchst undifferenziert und oberflächliches sei. Wenn ein Bericht mit „Ebola in Afrika“ anstatt mit „Ebola in Liberia, Guinea und Sierra Leone“ überschrieben sei, schade das den anderen Ländern. Tatah forderte, die einseitige Berichterstattung zu einer vielfältigen zu machen. Nur so könnten die vermeintlichen Wirklichkeiten dekonstruiert werden. Es ginge jedoch keinesfalls darum, die Probleme der afrikanischen Länder schön zu färben oder gar zu verschweigen, doch die Berichterstattung und die Bilder müssten ausgewogen und vielfältig sein. Gerade die Vielfältigkeit, die auf dem afrikanischen Kontinent vorhanden sei, werde medial nicht dargestellt. Die medialen Bilder von Afrika reduzierten sich fast ausschließlich auf die genannten drei großen Ks. Diese einseitige Berichterstattung hätte u.a. weniger Direktinvestitionen in afrikanischen Ländern, Diskriminierung der in Europa lebenden Afrikanerinnen und Afrikaner und die Vermeidung der Darstellung moderner Städte- und Wirtschaftszentren zur Folge. Die Zeitschrift AFRICA POSITIVE möchte hierzu ein Korrektiv sein und die Berichterstattung diversifizieren.

Perspektivwechsel durch „Africa narrative“

Auch Roukaya Kasenally (Nairobi), Senior Adviser der African Media Initiative, forderte einen Perspektivenwechsel, ein „Africa narrative“. Sie betonte erneut, dass Afrika kein Land sei, sondern ein Kontinent mit 54 Ländern, von denen die meisten schon 50 Jahre Unabhängigkeit gefeiert hätten. Dies sei immer wieder bewusst zu machen. Es sei dringend mehr Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen Ländern nötig. So könnten die Menschen voneinander profitieren und ein eigenes afrikanisches Narrativ weiterentwickelt werden. Vor allem müssten die afrikanischen Medien stärker hervortreten, die Reporterinnen und Reporter besser geschult werden. Das Ziel sei, dass Afrika nicht nur durch die eurozentristische Brille gesehen werde, sondern Afrikanerinnen und Afrikaner sollten ihre Länder und ihren Kontinent selbst darstellen.

Medien schaffen Bilder

Im letzten Block der Tagung ging es um mediale Darstellungen von Migration. Sissy Helf (Frankfurt) betonte, dass wir zwar glaubten, über Migration Bescheid zu wissen. Doch wir wir würden nur unsere Erfahrungen und Vorstellungen zum Thema kennen und projizieren. Als Mediennutzerinnen und -nutzer brauche man stets das Bewusstsein, dass Medien Macht besitzen und scheinbare Realitäten schaffen. Die lokale Ebene, also z.B. die Gepflogenheiten, unter denen ein Bild entstanden ist, müssten immer miteinbezogen werden, um die Darstellung einordnen zu können.

Dia Tagung hat gezeigt, dass es das „eine“ Afrika nicht gibt und dass sich die Darstellung der afrikanischen Länder keinesfalls auf die negativen Punkte beschränken darf. Ausgewogenheit und Bewusstsein sind nötig, um eine Homogenisierung zum Konstrukt „Afrika“ und eine Konservierung des kolonialen Blicks zu verhindern. Dies zu erreichen ist Aufgabe der Medien, der Politik und eines jeden Einzelnen. (Ramona Platz)

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Newsletter Dezember 2017
news-901 Thu, 07 Dec 2017 11:53:59 +0100 Großer Bedarf an Islam-Beratung /programm/meldungen/einzelansicht/news/grosser-bedarf-an-islam-beratung Im Februar 2015 startete das Projekt Islamberatung. Es steht mittlerweile in seinem dritten Jahr – und das mit überwältigendem Erfolg. Die Jahrestagung zum Thema Flüchtlingsarbeit zog nun Bilanz. Es ist bereits eine Institution geworden - das Islamberatungsprojekt der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung und der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl. Das im Februar 2015 zunächst für zwei Jahre eingerichtete Beratungsangebot steht mittlerweile in seinem dritten Jahr – und das mit überwältigendem Erfolg: Nachdem zu Beginn der ersten Projektphase als Maßgabe für den Erfolg des Projekts eine Anzahl von rund 15 bis 20 Beratungsanfragen für einen Zeitraum von zwei Jahren in den Raum gestellt worden war, befindet sich das Projekt nun in seiner zweiten Phase und kann nach drei Jahren auf fast 100 Beratungen in ganz Baden-Württemberg zurückblicken. Und ein Ende der Nachfrage ist derzeit nicht in Sicht.

Um über die vergangenen Beratungen Bilanz zu ziehen, wurde am Projektbereich „Islam-Beratung und –Fortbildung“ von Dr. Hussein Hamdan die Jahrestagung der Islamberatung ins Leben gerufen: Hier soll ein Mal pro Jahr bei einer eintägigen Thementagung  interessiertem (Fach-)Publikum die Gelegenheit gegeben werden, in aktuelle und zentrale Themenschwerpunkte der Beratungen Einblick zu nehmen und über sie zu diskutieren. Darüber hinaus dienen die Jahrestagungen der Vernetzung kommunaler und kirchlicher, aber auch muslimischer Akteure.

Erfahrungen aus fast 100 Islamberatungen ausgewertet

Die Jahrestagung 2017 fand am 13. November im Tagungszentrum der Akademie in Stuttgart-Hohenheim statt und wurde nach den Grußworten der Akademiedirektorin, Dr. Verena Wodtke-Werner, sowie der Bereichsleiterin für den Bereich Gesellschaft an der Robert Bosch Stiftung, Ottilie Bälz, und des Referatsleiters für interkulturelle Angelegenheiten des Landesministeriums für Soziales und Integration, Dr. Max Bernlochner, durch einen Rückblick des Projektleiters, Dr. Hussein Hamdan, im Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Pattar von der Hochschule Kehl eingeleitet: Hamdan berichtete, dass es Beratungsanfragen verschiedener Institutionen gegeben habe: So stammten die Klienten des Islamberaters vorwiegend aus dem kommunalen oder kirchlichen Bereich. Es habe aber auch vereinzelte Anfragen muslimischer Akteure gegeben und auch Anfragen aus Einrichtungen auf Landesebene. In der ersten Zeit habe sich die Aufmerksamkeit der Anfragenden oftmals der Frage gewidmet, wie mit dem islamischen Verband Milli Görüş in Bezug auf Kooperationen umgegangen werden kann. Der verband zeige sich auf Ebene der örtlichen Moscheegemeinden vermehrt dialogoffen und kooperativ, wird jedoch in Baden-Württemberg – anders als in anderen Bundesländern – noch immer vom Verfassungsschutz beobachtet. Demgegenüber häuften sich derzeit Anfragen, die sich auf den DITIB-Verband beziehen. Daneben gebe es laufend Anfragen, die themenspezifisch ausgerichtet sind und auch konkrete Problemlagen benennen, etwa das Ringen eines Gemeinderats um ein islamisches Gräberfeld auf dem örtlichen Friedhof.

Hamdan resümierte  als gewinnbringendsten Faktor der Islamberatungen, dass Konflikte im kommunalen Bereich durch die Beratungen auch tatsächlich ausgetragen werden und das jeweilige Gegenüber besser eingeordnet werden könne. Dabei gehe es nicht vor allem darum, eine grundsätzliche und für alle Situationen gültige Lösung zu präsentieren. Sondern es komme darauf an, die unterschiedlichen Parteien miteinander ins Gespräch zu bringen und Lösungsansätze gemeinsam zu erarbeiten. Die Lösungen selbst müssten durch die Arbeit vor Ort auf den Weg gebracht werden. Um den offenkundig hohen Beratungsbedarf Rechnung tragen und auch vermehrt prozessbegleitend und längerfristig für die Anfragenden zur Verfügung stehen zu können, sollen ab 2018 drei neu ausgebildete Co-Berater an der Seite des Islamberaters stehen. Diese werden sich – neben allgemeinen Beratungsleistungen – auch auf einzelne Themenbereiche, etwa die Frage der religiösen Betreuung von Geflüchteten oder islamisches Familienleben,  spezialisieren.

Flüchtlingsarbeit ist aktuell das zentrale Thema in den Kommunen

Ein besonderes Augenmerk richtete Hamdan auf die Inhalte der Anfragen in jüngster Zeit: vor allem das Thema Flüchtlingsarbeit auf kommunaler Ebene. Aus diesem Grund befasste sich die diesjährige Jahrestagung mit dem Thema „Engagement in der Flüchtlingsarbeit mit und für Muslime“. Dass diese  Thematik eine hohe gesellschafts- und sozialpolitische Aktualität besitzt, belegte die hohe Teilnehmerzahl eindrücklich: So diskutierten rund 70 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus unterschiedlichen Kontexten über Fragen des Umgangs mit Motivationen und Gestaltungsmöglichkeiten muslimisch-religiösen Engagements in der Flüchtlingsarbeit und reflektierten die Chancen, die sich durch dieses Engagement sowohl den muslimischen Akteuren selbst, als auch der Gesellschaft bieten. Darüber hinaus wurde die Rolle muslimischer Akteure in der Flüchtlingsarbeit in den Blick genommen: Wie engagieren sich muslimische Verbände und Gemeinden überhaupt? Welche Kooperationsmöglichkeiten bestehen auf kommunaler Ebene?

Die Islamwissenschaftlerin Julia Gerlach ging dieser Thematik auf den Grund. Sie hat in der 2017 bei der Bertelsmann Stiftung erschienenen Broschüre „Hilfsbereite Partner: Muslimische Gemeinden und ihr Engagement für Geflüchtete“ deutschlandweit Good-Practice-Beispiele zusammengetragen, die deutlich machen, wie sehr sich muslimische Gemeinden und Initiativen für Geflüchtete engagieren: Anhand von zehn exemplarischen muslimischen Projekten und Initiativen aus ganz Deutschland verortete Gerlach das Engagement von Musliminnen und Muslimen in der Flüchtlingshilfe auf unterschiedlichen Ebenen: So engagieren sie sich nicht nur als persönliche Vorbilder, die den Neuankömmlingen die Besonderheiten islamischen Lebens in Deutschland veranschaulichen, sondern darüber hinaus als Seelsorger und auch als Unterstützer im Alltag.Dabei sind die Projekte selbst so verschieden, wie sich die konkrete Situation vor Ort und der daraus resultierende Bedarf darstellen: Das Spektrum reicht von der Al-Nour-Gemeinde in Hamburg, deren geographische Nähe zum Hamburger Hauptbahnhof bereits 2015 ein Nothilfe-Programm für Geflüchtete bedingte, über den Verein Inssan in Berlin, der mit dem Projekt „Wegweiser“ ein Jugend-Mentorenprojekt für Geflüchtete ins Leben gerufen hat, bis hin zur neu entstandenen Gemeinde in Merseburg, der es gelungen ist, das komplexe, gesellschaftliche Miteinander in der ostdeutschen Stadt positiv zu prägen.

Fehlende Strukturen und Frusterlebnisse sind herausfordernd

Julia Gerlach ging in der Analyse der von ihr untersuchten Gemeinden darauf ein, dass durch die hohe Anzahl der Neuankömmlinge in Deutschland nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die muslimischen Gemeinden selbst stark verändert worden seien und sich wandelten: Viele Gemeinden seien stark gewachsen. Andere Gemeinden hätten sich durch den Anstieg an arabisch-stämmigen Muslimen in ihrer Struktur deutlich verändert. Dabei komme es vermehrt auch zu Konflikten wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe. In ihrem Vortrag veranschaulichte Gerlach die Herausforderungen, mit denen sich die Gemeinden konfrontiert sehen: So sei ein zunehmender Bedarf an Betreuung der Ehrenamtlichen selbst spürbar; darüber hinaus eine Professionalisierung der Arbeit der Gemeinden nötig, um etwa die muslimische Sozialarbeit samt den erforderlichen Strukturen – die es bisher kaum oder gar nicht gebe – aufzubauen und eine bessere Vernetzung der jeweiligen Akteure zu ermöglichen. Überdies sei es dringend erforderlich, das Engagement muslimischer Gemeinden in der öffentlichen Wahrnehmung besser zu würdigen.

Allgemein diagnostizierte Gerlach – ähnlich wie bei anderen in der Flüchtlingsarbeit engagierten Gruppen und Einzelpersonen – auch in Bezug auf die muslimischen Gemeinden das Nachlassen der Motivation und der Euphorie auf Grund von Frusterlebnissen, aber auch wegen Veränderungen innerhalb des öffentlichen Diskurses: Gerade muslimische Jugendliche seien auf Grund der fehlenden Anerkennung ihres gesellschaftspolitischen Engagements zunehmend enttäuscht. Dies biete einerseits Anknüpfungspunkte für radikal-islamische Strömungen. Andererseits werde so auch Vorurteilen der muslimischen Community gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft Vorschub geleistet, die durch die Vorbildfunktion der Ehrenamtlichen ggf. auch an die Geflüchteten weitervermittelt werden könnten. Als eine weitere Herausforderung zeigten sich laut Gerlach aber auch struktur-spezifische Auseinandersetzungen zwischen „alteingesessenen“ und neu angekommenen Muslimen, etwa in Bezug auf unterschiedliche Gemeindeverständnisse. Außerdem wandle sich die Rolle der Geflüchteten zunehmend: Von „Bittstellern“ würden sie zu selbstbestimmten Akteuren im Alltag. Auch die Beurteilung der Frage, inwieweit die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Migranten der Gastarbeiterzeit es überhaupt geschafft hätten, sich in die deutsche Gesellschaft tatsächlich zu integrieren, führe zu Reibungspunkten.

Chancen für die Moscheegemeinden und die Gesellschaft

Gleichwohl bewertete Gerlach das Engagement muslimischer Gemeinden in der Flüchtlingshilfe als Chance – für die Gemeinden selbst, aber auch für die Gesellschaft: Die Moscheegemeinden würden einerseits durch den Zuwachs an Mitgliederzahlen gestärkt. Andererseits würden sie durch die Herausforderungen dazu ermuntert, professionelle Strukturen aufzubauen, an denen es in der Dialogarbeit mit kommunalen Einrichtungen und kirchlichen Trägern bisher gefehlt habe. Durch das Engagement in der Flüchtlingsarbeit gelinge es vielerorts außerdem, sich tendenziell mehr mit der Gesellschaft zu identifizieren und sich besser in gesellschaftspolitische und gemeinschafsbildende Prozesse eingebunden zu fühlen. Dies komme auch der Gesellschaft zu Gute, die nun von der Expertise der seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten und deren Familien profitieren könne. Zudem sei das muslimische Engagement eine Chance für die Gesellschaft,  zu erkennen, dass muslimisches Leben in Deutschland „schlichtweg dazu gehört“.

In  der Diskussion wurde in den Blick genommen, dass zahlreiche muslimische Initiativen einen Projektcharakter haben, mit dem auch Fragen der Finanzierung eng verknüpft seien: So sei vielerorts nicht klar, ob die vielfach durch Förderprogramme finanzierten Projekte auch weiterhin extern gefördert werden oder mangels der notwendigen finanziellen Ressourcen beendet werden müssen.

Die Podiumsdiskussion am Nachmittag widmete sich dem Austausch zwischen Akteuren aus verschiedenen Kontexten: So waren – moderiert von Neu-Co-Beraterin Christina Reich – sowohl Hussein Hamdan und Julia Gerlach, als auch der Vertreter des Integrationsbeauftragten aus Mannheim, Marc Phillip Nogueira, und die Vorsitzende des DITIB-Frauenverbandes Württemberg, Aysun Pekal, miteinander im Gespräch. Zu Beginn wurde hervorgehoben, dass viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit allgemein – aber auch in der muslimischen Flüchtlingsarbeit im Speziellen – ihr Engagement als Privatpersonen und unabhängig von ihrem persönlichen, religiösen oder kulturellen Hintergrund begonnen haben. Aus diesem Grund sei auch in den jeweiligen Moscheegemeinden die Arbeit in der Flüchtlingshilfe mitunter stark personenabhängig und werde erst im Laufe der Zeit durch Vernetzungsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen zu konkreten und planbaren Projekten. Darüber hinaus wurden auch die Bedingungen und die spezifischen Merkmale muslimischer Flüchtlingshilfe auf kommunaler Ebene nochmals eingehender beleuchtet. Letztlich widmete sich die Diskussion außerdem der Erwartungshaltung der Gesellschaft an die muslimischen Akteure einerseits und den strukturbedingt eingeschränkten Möglichkeiten, diesen Erwartungen nachkommen zu können, andererseits. Beide Dimensionen wurden zunächst auf dem Podium, aber auch später in der offenen Diskussionsrunde mit den Tagungsteilnehmern hitzig diskutiert.

Die Kommunen nehmen das Engagement der muslimischen Akteure wahr

Bei einem  „Offenen Forum“ konnten verschiedene Akteure ihre konkreten Projekte und Initiativen im Bereich der Flüchtlingshilfe an Stellwänden präsentieren. Außerdem bestand für die Tagungsteilnehmerinnen und –teilnehmer die Möglichkeit zum persönlichen Gespräch und zum lockeren Austausch mit den jeweiligen Verantwortlichen. In den sich anschließenden Arbeitsgruppen präsentierten vier kommunale Initiativen die Bandbreite ihrer Erfahrungen. Dabei kam deutlich zum Ausdruck, dass sehr wohl innerhalb der Kommunen wahrgenommen wird, dass es gerade bei den ortsansässigen Moscheegemeinden zahlreiche Menschen gibt, die sich unter anderem aus religiöser Motivation heraus in der Flüchtlingsarbeit einsetzen. Es wurde aber auch noch einmal darauf eingegangen, wie groß die jeweiligen Herausforderungen gerade für muslimische Vereine auf Grund der Ehrenamtsstruktur und mangelnder finanzieller Ressourcen in der Praxis tatsächlich sind. Muslimische Akteure in der Bewältigung dieser Herausforderungen zu unterstützen und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, wurde in den vorgestellten Kommunen als durchweg positiv und gewinnbringend für alle Beteiligte erfahren. Daher sollte in der Praxis ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, den konkreten Bedarf vor Ort zu benennen und sich daran zu orientieren, um die Bildung von Parallel-Strukturen zu vermeiden. In der Bewertung muslimischen Engagements sollte es vor allem als wichtig erachtet werden, Verallgemeinerungen mit Differenziertheit zu begegnen.

In der Förderung muslimischen Engagements kann es sich für die Entwicklung der Gesellschaft als entscheidend erweisen, Wege zu finden, aus der Willkommenskultur eine Anerkennungsstruktur zu schaffen: Auf diese Weise könne es gelingen, dass die Helferinnen und Helfer die Würdigung erfahren, die Ihnen auf Grund ihrer gesellschafts- und sozialpolitischen Wirkung zukommt. Immer wieder Menschen aus unterschiedlichen Kontexten zur Mithilfe zu bewegen, muss dabei als eine originäre Aufgabe im Bereich kommunaler Verantwortung verortet werden. Ebenso sollte – gerade auf kommunaler Ebene – immer wieder auf die strukturellen Unterschiede zwischen Moscheevereinen und etwa kirchlichen Wohlfahrtsverbänden hingewiesen und die entsprechende Sensibilität in Bezug auf die  Erwartungshaltung an den Tag gelegt werden.

Insgesamt zeigte diese Jahrestagung, dass die Initiativen und Projekte in der Arbeit mit Muslimen und für Muslime erst in ihren Anfängen begriffen sind und alle Beteiligten auch in Zukunft vor vielfältigen Herausforderungen stehen werden. Diese gemeinsam zu bewältigen, sollte als Aufgabe der Gesamtgesellschaft – und in ihr kirchlicher, muslimischer und säkularer Akteure – wahrgenommen werden. Es wurde aber auch deutlich, dass das muslimische Engagement auch ein breites Spektrum an Chancen bietet – wenn die Beteiligten denn gewillt sind, diese Chancen zu nutzen.  (Ottilie Bitschnau)

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Newsletter Dezember 2017
news-900 Wed, 06 Dec 2017 12:38:20 +0100 Die Insekten sterben /programm/meldungen/einzelansicht/news/die-insekten-sterben Der Befund ist alarmierend und die Notwendigkeit groß, rasch zu handeln: Warum sterben die Insekten? Was kann und muss die Politik tun, um die Artenvielfalt zu retten? Alle reden vom Verschwinden der Insekten. Sollen uns Fake News in die Irre führen, oder handelt es sich um Tatsachen? Insektenforscher wie Dr. Lars Krogmann warnen seit längerem vor dem Insektensterben und können sich dabei auf durchaus belastbare Daten stützen. In unserem Video-Interview kommt er zu Wort. Bis zu unserer Veranstaltung am 20. Februar im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim im Rahmen der Reihe "Nachgefragt“ wird Karl-Heinz Lieber vom baden-württembergischen Umweltministerium konkret benennen können, welche Gegenmaßnahmen die Landesregierung plant. Da auch die Landwirtschaft ganz wesentlich von dem Problem betroffen ist, wird Gerhard Glaser, der Vizepräsident des Landesbauernverbandes, seine Perspektive in die Debatte einbringen. Werden Umwelt- und Agrarinteressen nachhaltig zusammen kommen?

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news-899 Wed, 06 Dec 2017 11:37:50 +0100 Die Digitalisierung betrifft uns alle /programm/meldungen/einzelansicht/news/die-digitalisierung-betrifft-uns-alle In rasantem Tempo verändert sich unsere Berufswelt. Diesem weltweiten Umbruch kann sich keiner entziehen. Entscheidend ist, ob und wie wir den Wandel gestalten. Die Dieselautos werden verschwinden, die Elektromobilität wird kommen. Die Frage ist nur, wie schnell sich der Wandel vollzieht und wie stark er die Autoregion Stuttgart durchrüttelt. Sind wir darauf vorbereitet oder stolpern wir ohne Konzept in die digitale Revolution? 

Dabei ist das Auto nur einer von vielen Branchen, in dem bisherige Gewissheiten nicht mehr gelten. Der Chef der Deutschen Bank etwa hält die Hälfte seiner Mitarbeiter für ersetzbar durch Roboter. In anderen Wirtschaftsbereichen drohen ähnlich grundlegende veränderungen. Das schafft Verunsicherung, Ängste, Abwehrreflexe. Zu Recht? Oder ist es nicht vielmnehr so, dass wir eben ganz neue berufliche Aufgaben finden werden – neue Arbeitsfelder,  neue Techniken, neue Herausforderungen, die gemeistert werden können und die Welt zusammenwachsen lassen?

Die Akademie stellt sich der digitalen Herausforderung für unsere Gesellschaft.  „Arbeit 4.0 – Wie werden wir künftig leben?“ fragen wir bei einer Podiumsdiskussionam Mittwoch, 17. Januar 2018 um 19 Uhr im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim. Bischof Dr. Gebhard Fürst wird dabei erstmals die Position des Bistums Rottenburg-Stuttgart zu diesem Thema darlegen. Gemeinsam mit Professor Thomas Bauernhansl, dem  Leiter des Instituts für industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb  der Universität Stuttgart, Johannes Schmalzl, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart,  und der stellvertretenden DGB-Landesvorsitzenden Gabriele  Frenzer-Wolf diskutiert er über Chancen und Gefahren der Digitalisierung. Dazu laden wir Sie herzlich ein.

Der Abend in Hohenheim ist der Auftakt zu mehreren Veranstaltungen der Akademie zu diesem Thema. Eine Tagung beschäftigt sich mit dem Thema, ob es bei der wirtschaftlichen Transformation nur um mehr Effizienz gehen kann oder nicht verstärkt die Möglichkeiten des Teilens von Gütern in den Blick genommen werden sollte (22./23. Februar in Stuttgart-Hohenheim). Wir fragen den Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Professor Peter Dabrock: „Wer trägt die Verantwortung für die Handlungen autonomer Systeme?“ (13. Juni im Tagungshaus im ehemaligen Kloster in Weingarten, Kreis Ravensburg) und sprechen über den Preis von „KI“, der Künstlichen Intelligenz, wenn unvorstellbare Datenmengen immer stärker unsere Gesellschaft beeinflussen (15. Juni in Stuttgart-Hohenheim).Wir würden uns freuen, wenn Sie uns auf dieser Reise in unsere Zukunft begleiten würden. (Barbara Thurner-Fromm)

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news-896 Wed, 06 Dec 2017 00:00:00 +0100 Dr. Abraham Kustermann geehrt /programm/meldungen/einzelansicht/news/dr-abraham-kustermann-geehrt Der frühere Akademie-Direktor Dr. Abraham Peter Kustermann (Waldenbuch) ist zum Ehrenmitglied des Geschichtsvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart ernannt worden. Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Prof. Dr. Claus Arnold (Mainz), ernannte Kustermann im Rahmen des Studientages Katholische Theologie in Tübingen 1817-2017, im Theologicum der Universität zum Ehrenmitglied. Der  frühere Akademiedirektor (2001 - 2009) ist Gründungsmitglied des Vereins.

In der Würdigung heißt es, der 1944 in Rottweil geborene Abraham Peter Kustermann habe sich als  Gründungsmitglied des Geschichtsvereins in dessen ersten Jahren besonders um den Aufbau des Rezensionsteils des Rottenburger Jahrbuchs für Kirchengeschichte verdient gemacht.

Als Direktor der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart war er von 2000 bis 2010 Mitglied des Vorstands des Geschichtsvereins und von 2005 bis 2010 dessen erster stellvertretender Vorsitzender. Schon zuvor hat er sich als Akademiereferent wichtiger historischer Themen wie der Geschichte des Landjudentums in Württemberg angenommen. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Forschung liegt bei der Theologiegeschichte, der er sich in seiner maßgeblichen Dissertation über den Tübinger Theologen Johann Sebastian Drey und weiteren Beiträgen vor allem zu Tübinger Theologen des 19. Jahrhunderts gewidmet hat. Nicht zuletzt war er der Ideengeber für die neue Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Der Geschichtsverein, so die Würdigung,  ehre mit Abraham Peter Kustermann "einen genauen Forscher und Meister des Wortes, der sachbezogen und zugleich menschlich verbindlich in Verein und Diözese gewirkt hat." (Maria E. Gründig)

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news-898 Mon, 27 Nov 2017 12:44:24 +0100 Familien brauchen mehr Flexibilität /programm/meldungen/einzelansicht/news/familien-brauchen-mehr-flexibilitaet Die "Rushhour" im Familienzyklus bringt viele Familien durch Mehrfachbelastung in massiven Stress. Hier ist die Politik gefragt, sich mehr um das Wohl von Eltern und Kindern zu sorgen. Die Hohenheimer Tage der Familienpolitik feierten ihr erstes Jubiläum: Bereits seit 10 Jahren kommt man darüber ins Gespräch, wie Deutschland familienfreundlicher werden kann.
Das Thema der diesjährigen Tagung, die unter der Leitung von Christina Reich (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart) sowie Heike Lipinski und Dr. Stephanie Saleth (beide FamilienForschung Baden-Württemberg) stattfand, war „Das Wohlergehen von Familien in Deutschland“.

Im ersten Vortrag der Tagung hob Prof. Dr. Hans Bertram (Berlin) hervor, dass man sich auf die UN- Menschen- und Kinderrechte beziehen müsse, um das Wohlergehen definieren zu können. Wenn man über das Wohlergehen aus Sicht der Eltern sprechen würde, käme man nicht umhin, die Alleinerziehenden in ihrer oft ökonomisch prekären Lage zu thematisieren. Johanna Wilmes (Frankfurt) legte den Fokus auf die Sicht von Kindern und betonte, dass Kinder vor allem sichere Rahmenbedingungen und Wahlmöglichkeiten bräuchten. In den nachfolgenden Denkwerkstätten wurde über Kinder mit Fluchterfahrungen (mit Nora Iranee), das Vereinbarkeitsdilemma moderner Väter (mit Dr. Claudia Zerle-Elsäßer), Armutsgefährdung von Familien (mit Dr. Stephanie Saleth) und gesundheitliches Wohlergehen von Eltern und Kindern (mit Petra Rattay) diskutiert.

Die „Rushhour im Familienzyklus“

Unter den TeilnehmerInnen sorgten im weiteren Verlauf der Tagung vor allem zwei Vortragsthemen für Gesprächsbedarf: Digitalisierung und alternative Arbeitszeitmodelle als neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Carsten Große Starmann (Gütersloh) sprach über Gefahren, doch vor allem über Möglichkeiten für Familien in der digitalen Gesellschaft. Die Digitalisierung könne den Familienalltag etwa durch vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten, Zeitersparnis durch Abbau bürokratischer Hürden oder durch neue Möglichkeiten bezüglich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.

Über die Flexibilisierung der Arbeitswelt als gewinnbringenden Faktor für Familien sprach auch Dr. Martin Bujard (Wiesbaden). Bujard stellte das Konzept des „atmenden Lebenslaufs“ vor. Die „Rushhour im Familienzyklus“ fordere von Politik und Wirtschaft nicht nur eine flexiblere Gestaltung von Arbeitszeiten, sondern auch das Denken in längeren Arbeitszeiträumen. In der „Rushour“ sei die Belastung für Eltern enorm hoch, da neben der Berufsarbeit eine intensive Zeit der Familienarbeit anstehe. Um diese Situation zu entzerren, schlägt Bujard vor, „atmende Lebensläufe“ durch politische Maßnahmen zu fördern. Dies bedeute, dass sich die Arbeitszeit der Eltern während der ersten Jahre nach der Geburt des Kindes zum Beispiel um 20 Prozent reduzieren ließe. Die Arbeitszeit könne dann beispielsweise durch ein längeres Arbeiten im höheren Alter wieder „aufgeholt“ werden. Ein Vorteil sei auch, dass Mütter und Väter Betreuungs- und Arbeitszeiten besser aufeinander abstimmen könnten. Im von Bujard visuell dargestellten Lebenslauf war außerdem exemplarisch ein „sabbatical year“ um das 50. Lebensjahr herum eingezeichnet.

Es braucht Mut für neue Wege

Im Podiumsgespräch zur Familienfreundlichkeit in Deutschland betonte Petra Mackroth vom Bundesfamilienministerium in Berlin, dass mehr getan werden müsse, um aus Anspruch Wirklichkeit werden zu lassen. Dies gelte vor allem im Hinblick auf Alleinerziehende und auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie forderte mehr Mut für neue Wege in der Familienpolitik und griff damit erneut den „atmenden Lebenslauf“ auf. Am Schluss war klar: Deutschland muss familienfreundlicher werden und um dies zu erreichen sind Konzepte nötig, die den Anforderungen gerecht werden, mit denen sich Familien heute konfrontiert sehen. (Ramona Platz)

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news-897 Wed, 22 Nov 2017 14:23:54 +0100 Bücher unterm Weihnachtsbaum /programm/meldungen/einzelansicht/news/buecher-unterm-weihnachtsbaum Der Literaturwissenschaftler Dr. Michael Krämer hat in Hohenheim einen kurzweiligen Überblick über die aktuelle deutschsprachige Literatur samt Geschenktipps gegeben. "Es geht immer um alles!" lautet der Titel der Akademie-Literaturreihe. Doch bei diesem Weihnachts-Special hätte man die Überschrift abwandeln können in "Es geht immer um alle". Denn mit einer Handvoll Bücher wollte (und konnte) sich Dr. Michael Krämer nicht begnügen. Mit einem großen Koffer voll literarischer Neuerscheinungen ist er ins Tagungszentrum gekommen. Alle mitgebrachten Bände hat er gelesen, viele davon vorgestellt, und seine Zuhörer sind ihm bei seiner kurzweiligen Tour d`Horizon gerne gefolgt.
Dass das Bücherlesen weiterhin im Trend liegt, beweisen aktuelle Branchenzahlen, die zu Beginn der Veranstaltung Akademiedirektorin Dr. Verena Wodtke-Werner nannte. So belegt das Buch erneut einen guten 14. Platz im Ranking der häufigsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen, das 51 Aktivitäten erfasst. 18,8 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren lesen nach Feierabend „häufig“ Bücher (2015: 19,7 Prozent), 27,5 Prozent lesen immerhin „gelegentlich“ (2015: 28,3 Prozent). 28,5 Prozent vertreiben sich die Zeit „selten“ mit einem Buch (2015: 27,8 Prozent), 25,2 Prozent lesen „nie“ (2015: 24,2 Prozent). Trotz der Rückgänge spielt das Buch also noch immer für fast die Hälfte der Deutschen eine größere Rolle bei der Freizeitgestaltung.

Dem Zeitgeist zum Trotz - die Lyrik lebt

So viele Bücher wie Michael Krämer werden aber natürlich die wenigsten lesen. Was angesichts der Fülle erstaunte: Wie viel Details, Namen und Handlungsstränge Krämer auswendig zu referieren wusste. Viel Lesenswertes hat er bei seiner Lektüre gefunden – und mehrere interessante Trends ausgemacht: „Noch nie gab es so viele zeitgeschichtliche Bücher“ stellte der Literaturwissenschaftler fest. Sie lösten die Erzählungen über den ersten Weltkrieg ab, über den kaum noch geschrieben würde. Zudem gebe es viele historische Romane; auch das  Thema „Heimat“ – oft in Bezug auf den ländlichen Raum  - beschäftige Autoren zunehmend. Ebenfalls Religion rücke als Thema nach vorn. Nicht zuletzt: Die Lyrik lebt.  Krämer lobte besonders die Gedichte Ossip Mandelstamms und die Sprachschönheit in Doris Runges neuem Band, der den luftig-leichten Titel trägt: „man könnte sich ins blau verlieben“.  (Barbara Thurner-Fromm)

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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news-894 Mon, 20 Nov 2017 09:49:00 +0100 Bedingt urteilsfähig /programm/meldungen/einzelansicht/news/bedingt-urteilsfaehig Die Verwaltungsgerichte werden derzeit von einer nie dagewesenen Welle von Asylverfahren überrollt. Die damit verbundenen Probleme werden vor allem bei jungen Richtern abgeladen. Seit 25 Jahren findet in Hohenheim die Fortbildungstagung für Verwaltungsrichter- und -richterinnen statt. Förmlich überrannt wurde die Akademie aber nun bei einer Tagung, die dem jährlich stattfindenden Traditionstreffen erstmals vorgeschaltet wurde und der „Einführung in die Grundlagen des Flüchtlingsrechts“ diente. Junge Richterinnen und Richter aus der ganzen Bundesrepublik waren angereist. Fast allen gemeinsam war, wie eine spontane Umfrage ergab, dass sie in ihrem Studium mit dem Asylrecht überhaupt nicht in Berührung gekommen waren, nun aber tagein, tagaus in diesem Bereich  Recht sprechen sollten.

Für Professor Dr. Harald Dörig, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, ist das Asylrecht zwar „eines der interessantesten Gebiete, über die man in Deutschland urteilen kann, weil die Entscheidungen hohe gesellschaftliche Relevanz haben und einen Bezug zum Völkerrecht haben und man zu praktisch jedem Land der Welt in Kontakt gebracht wird und viel vom Leben mitbekommt“.  Doch diese eher idealtypische Beschreibung stößt sich mitunter hart an der Realität.

Allein dieses Jahr schon 320 000 neue Klagen

Die Zahlen, die Dörig nannte, belegen dies. Seit 1990 sind in Deutschland demnach 4,5 Millionen Asylanträge bearbeitet worden. Allein in den letzten beiden Jahren waren es  aber 890 000 (2015) und 280 000 (2016); das entspricht der Gesamtbevölkerung Estlands. Im laufenden Jahr ist die Zahl zwar weiter rückläufig; aber noch immer wollen europaweit die meisten Asylbewerber nach Deutschland. Und da das Dublin-Verfahren politisch nicht mehr funktioniere, gebe es auch kaum eine Möglichkeit, Asyl-Suchende in andere EU-Länder weiter zu reichen.  Viele der abgelehnten Asylanträge liegen nun bei den Verwaltungsgerichten. Gab es 2016 rund 69 000 Asylklagen, so sind es dieses Jahr bereits 320 000 Fälle. „Das ist nicht zu schaffen, sondern ein Kollaps mit Ansage“, stellte Dörig fest. Zwar werden bundesweit 2000 neue Richter eingestellt, „doch angesichts der Fallzahl müssten es 10 000 sein“, rechnete Dörig zum Beleg für die aktuelle Belastung der Gerichte vor.

Hinzu kommt: Das Asylrecht ist kompliziert. „Kenntnisse des deutschen Rechts reichen nicht aus, denn 80 bis 90 Prozent des Asylrechts sind europäisches Recht, das sich oft nicht aus sich selbst erklärt, sondern oft politischen Kompromissen der EU-Länder geschuldet ist. Das reiche von der Sprache bis zu den Einflüssen unterschiedlicher Rechtssysteme. Gleichwohl warnte Dörig davor, „es ist keine Lösung, nur Vorlagen an die europäischen Gerichte zu schreiben“. Er ermuntere die überwiegend jungen Richter, selber zu entscheiden und damit eine gemeinsame Rechtsprechung von unten her aufzubauen.

Die Richter auf Probe spüren den Druck, schnell zu entscheiden

Im Alltag, das zeigte der große Gesprächsbedarf, stoßen die jungen Richter dabei auf vielfältige Probleme. Es fehle an Strukturen für Entscheidungen, wurde gesagt; der Großteil der klagenden Asyl-Bewerber stamme aus Syrien, Afghanistan und Irak. Oft fehle es an belastbaren Informationen über die Lage vor Ort, Sprachprobleme und kulturelle Unterschiede erschweren das Verständnis, zumeist werden Einzelrichter-Entscheidungen verlangt, der Austausch mit erfahreneren Kollegen ist deshalb nicht immer gegeben. Eine weitere Schwierigkeit ist die Masse der Fälle, die vor allem Richter auf Probe zu entscheiden haben. Ist da unter dem Blickwinkel der Erfolgsaussicht auf eine feste Stelle nicht besser, möglichst viel möglichst schnell zu entscheiden? Oder muss man sich im Hinblick auf die Einzelfallgerechtigkeit nicht leisten, möglichst fundiert und gründlich zu arbeiten?

In Österreich, so berichtete Dörig, gebe es obligatorisch wissenschaftliche Mitarbeiter, die den Richtern zuarbeiten. In Deutschland ist das nur von einem einzigen Gericht bekannt.  Ähnlich überrascht zeigten sich die deutschen Richter auch davon, dass in Österreich der Tenor und die Rechtsmittelbelehrung sämtlicher Entscheidungen zum besseren Verständnis auch in der Muttersprache des Klägers ausgefertigt werden. Davon ist Deutschland weit entfernt, wobei durchaus gesehen wird, dass auch die Anwälte der Kläger und Klägerinnen oft einen überforderten Eindruck machten: Auch sie haben in ihrem Studium nichts vom Asylrecht gehört.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge duckt sich weg

Einen massiven Vorwurf machen die Richter aber auch der Politik: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) arbeite noch immer miserabel; es wurde geschildert, man fühle sich gar nicht wie ein Richter, sondern wie ein Verwaltungsangestellter, weil Anhörungen nicht oder unzureichend gemacht wurden. BAMF-Mitarbeiter beim Gerichtsverfahren zu befragen, gelinge nie, die Behörde antworte zumeist gar nicht.  Die Entscheidungen der schnell, vielfach nur befristet eingestellt und nur mit einer Kurzbleiche versehenen Mitarbeiter seien oft unzureichend, fehlerhaft oder nicht nachvollziehbar. Nun sollen die Richter im Schweinsgalopp die Entscheidungen rechtsstaatlich sicher überprüfen. Nicht nur dabei fühlen sie sich allein gelassen. Eine Richterin, die vor allem Fälle aus Nigeria bearbeitet, schilderte ihren Frust darüber, dass sie immer wiederkehrend die gleichen offensichtlich abgesprochenen Lügen höre, die aber gleichwohl folgenlos bleiben. „Ich kann ablehnende  Entscheidungen bestätigen und so gut begründen wie ich will,  sie bleiben folgenlos, weil trotzdem niemand abgeschoben wird. Meine Urteile sind für die Tonne“.

Verfassungsrichter Ulrich Maidowski fordert Mut von den Asylrichtern

Der Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, Dr. Ulrich Maidowski, ermutigte gleichwohl die Verwaltungsrichter, die Wahlmöglichkeiten ihres Berufes bei der Urteilsfindung zu nutzen. In seinem Vortrag über „richterliches Ethos im Asylverfahren“ warnte er davor, die richterliche Unabhängigkeit hintanzustellen und der Schnelligkeit zu opfern, bis die Klagewelle abgeebbt sei. „Das ist falsch“, sagte er, „gerade in solchen Situationen ist Ethos wichtig.“  Das Grundgesetz schreibe vor, dass Richter nur dem Gesetz unterworfen seien. Allerdings bedeute das nicht, dass man einen Schutzwall um sich aufbauen dürfe. Zur  „richterlichen Überzeugungsbildung“  gehöre das Gebot, fair und transparent zu entscheiden. Zur Freiheit gehöre aber auch, Distanz zu halten –  gleichermaßen zu allen Beteiligten. Um Professionalität und Qualität sicherzustellen, bedürfe es Mut, denn die Sachaufklärung in Asylverfahren könne einen „durchaus an den Rand bringen“. Das gelte etwa für „die Lebenslüge des Asylrechts, dass junge, gesunde Männer sich schon durchschlagen“. Gerade im Hinblick auf Flüchtlinge aus Afghanistan sei „nichts geklärt“. Mut zur Professionalität, so Maidowski, bedeute nicht, dass man gegebenenfalls für statt gegen einen Kläger entscheide. Man müsse aber so arbeiten, dass der strukturell Unterlegene  auf Augenhöhe mit dem Staat ist. (Barbara Thurner-Fromm)    

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Newsletter November 2017
news-889 Mon, 20 Nov 2017 08:25:00 +0100 Eine Ära geht zu Ende /programm/meldungen/einzelansicht/news/eine-aera-geht-zu-ende Stabwechsel nach 37 Jahren im Fachbereich Migration: Klaus Barwig leitet im Januar zum letzten Mal die Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht. Danach geht er in den Ruhestand. Die Bilanz seines Fachbereichs ist beeindruckend. Im Januar 1981 begann Klaus Barwig seine Arbeit an der Akademie - in einem neugeschaffenen  Referat – das sich zunächst Ausländer-, später Migrationsfragen widmete. Es sind unter der Ägide des Diplom-Theologen 37 interessante und spannende Jahre  geworden mit etwa 600 Tagungen, Symposien, Seminaren und Expertengesprächen. Rund 35 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen dazu aus dem In- und Ausland, aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Rechtsprechung, aus Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). Sie diskutierten interdisziplinär und interkulturell von Anfang an, interdisziplinär immer mehr -  im Jubiläumsjahr unserer Verfassung erhob die "Süddeutschen Zeitung" die Akademie deshalb zu einem „Ort der Demokratie“.

 

Barwigs Markenzeichen: Die Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht

Ausgangspunkt waren die 1985 erstmals durchgeführten und bis heute regelmäßig stattfindenden Hohenheimer Tage zum Migrationsrecht. Hieraus ergaben sich im Lauf der Jahre vielfältige kontinuierliche Kontakte und Kooperationen mit einer Reihe von Hochschulen. Daraus hervorgegangen sind Formate wie  jährlich fünf Studienwochen, ein Expertenkreis Migrationsrecht sowie das Wissenschaftliche Netzwerk Migrationsrecht (gegründet 2007 mit derzeit etwa 200 Mitglieder und der Jahrestagung jeweils in Hohenheim). Entstanden ist hier auch die Begleitung der inzwischen an mehr als 30 Hochschulstandorten gegrüneten RefugeeLawClinics, deren Jahrestagung jeweils in Weingarten stattfindet.

Studienreisen führten Klaus Barwig seit 1986 unter anderem in die Türkei (Exodus religiöser Minderheiten), in die  Niederlande und nach Brüssel (Migrationspolitik), nach Polen (1993: Rückübernahmeabkommen Flüchtlinge BRD-Polen und Entschädigungsfrage ehemaliger Zwangsarbeiter), in die Ukraine (1995: Flüchtlingsaufnahme und Beitritt Europarat und Genfer Flüchtlingskonvention), 2005 Bosnien-Herzegovina (10 Jahre nach Dayton), erneut in die Türkei 2003 und 2007 (Menschenrechts- und Minderheiten-Fragen im Kontext der EU-Beitrittsverhandlungen) sowie in den Nahen Osten (2008: Syrien und Jordanien – Flüchtlingsbewegungen in die Nachbarstaaten des Irak und Überlegungen zur Kontingentaufnahme) und Kurdistan 2014 (Vertreibung christlicher und yezidischer Bevölkerungsteile durch das Vordringen des sogenannten Islamischen Staates).

Seit 1982 begleitete der Fachbereich unter Barwigs Regie die wachsende Zahl von Muslimen und deren Einwanderungsprozess nach Westeuropa und insbesondere Deutschland mit regelmäßigen Tagungen. Dies führte schließlich 2001 zur Begründung eines eigenen Referats „Interreligiöser Dialog“.

Auch die Frage nach Enschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter beschäftigte Klaus Barwig. Durch Fachtagungen und Publikationen an der Akademie wurden grundlegende Impulse gegeben, die sich in der später etablierten Bundesstiftung konkretisierten. In der Folge koordinierte die Akademie in den Jahren 2000 bis 2003 die Suche nach in der Diözese beschäftigten Zwangsarbeitern und ihre Entschädigung.

Ein großes aktuelles Problem: fehlende Rechtssicherheit für Flüchtende

Aktuelle Herausforderungen im Flüchtlingsrecht liegen nach Ansicht von Klaus Barwig besonders in der fehlenden Rechtssicherheit derjenigen Flüchtlinge, die – vielfach unter enormem Einsatz von haupt- und ehrenamtlichen Begleitern - in Ausbildung oder Arbeitsverhältnisse vermittelt werden konnten und sich nunmehr in der Gefahr einer kurzfristigen Beendigung ihres Aufenthaltes befänden. Hier entstehen nach Ansicht des bundesweit anerkannten Experten für alle Beteiligten (Begleiter, Arbeitgeber und die Betroffenen selbst) unerträgliche und demotivierende Situationen, die absehbar zu einem Erlahmen der bisherigen Hilfsbereitschaft und einem Motivationsverlust der Betroffenen führen und viele Integrationsbemühungen zunichte machen. Ein weiteres gravierendes Problem wird - insbesondere auch aus kirchlicher Perspektive – in der jahrelangen Verweigerung des Familiennachzugs zu hier lebenden subsidiär Geschützten gesehen. Auch dies ist nach Einschätzung Barwigs eine integrationspolitisch höchst kontraproduktive Situation. Die Politikwissenschaftlerin Dr. Constanze Jüngling, die Nachfolgerin Barwigs als Fachbereichsleiterin, werden die Themen auf absehbare Zeit also nicht ausgehen.  

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