Zwangsheiraten wirksam bekämpfen

„Zwangsverheiratung und Gewalt im Namen der Ehre wirksam bekämpfen“ – unter diesem programmatischen Titel trafen sich Expertinnen und Experten im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim.

Das Thema Zwangsverheiratung ist hochaktuell, die Zahlen der Fachberatungsstelle YASEMIN, die ein baden-württemberg-weites Angebot hat, belegen es: Im vergangenen Jahr (2018) haben die Fachfrauen der bei der Evangelischen Gesellschaft (eva) angesiedelten mobilen Beratungsstelle bei 194 Fällen unterstützt, davon waren 189 Mädchen und junge Frauen, zwei Paare und drei junge Männer von „Gewalt im Namen der Ehre“ betroffen. 80 von ihnen (rund 41 Prozent) verfügen über Fluchterfahrung. 2019, so wurde berichtet, liege der Anteil von Geflüchteten unter den bis Ende September begleiteten Mädchen bereits bei mehr als 50 Prozent. Doch auch die Zahl der von Genitalverstümmelung bedrohten und betroffenen Frauen nimmt nach Angaben der Akteurinnen im Beratungsalltag von YASEMIN zu. „Diese globale Grausamkeit dient dazu, die Sexualität der Frauen zu kontrollieren, das Jungfernhäutchen zu schützen und damit ihre Heiratschancen zu steigern“, erklärte eine Yasemin-Mitarbeiterin. In Deutschland ist Genitalverstümmelung ein Straftatbestand und wird als schwerer Menschenrechtsverstoß gewertet. Nach Schätzungen von Terre des Femmes e.V. hat Genitalverstümmelung hierzulande allein von 2017 bis 2018 um zehn Prozent zugenommen. Demnach gibt es in Deutschland heute etwa 65.000 betroffene sowie ca. 15.500 gefährdete Mädchen und Frauen. Allein auf die Region Stuttgart bezogen schätzt man, dass es 1.000 betroffene Frauen und etwa 1.900 bedrohte Mädchen geben dürfte.

Jungen und junge Männer ansprechen

Nach Überzeugung von YASEMIN reicht es freilich nicht aus, Mädchen und Frauen zu unterstützen; wichtig sei, bei „Gewalt im Namen der Ehre“ Jungen und junge Männer mit in den Blick zu nehmen. Seit Oktober 2018 bietet YASEMIN deshalb in Schulen Präventionsangebote nicht nur für Mädchen, sondern auch speziell für Jungen an. Von den jungen Menschen erhalte man dabei durchweg ein positives Feedback, erläuterte eine YASEMIN-Mitarbeiterin. Nötig sei, das pädagogische Angebot auszubauen und nachhaltig zu finanzieren.

Engagement des Landes

Professorin Dr. Birgit Locher Finke, Abteilungsleiterin im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg, verwies darauf, dass das Land bereits seit über zehn Jahren Zwangsverheiratung aktiv bekämpfe und sein Engagement in diesem Handlungsfeld seit 2011 laufend ausweite. So habe das Ministerium beispielsweise. im Jahr 2018 die jährlichen Fördermittel für YASEMIN um jährlich jeweils 60.000 Euro aufgestockt – für eine zusätzliche Fachkraft, die wesentlich dazu beiträgt, die Präsenzzeit in der Beratungsstelle zu erhöhen. Von 352 Kontakten im Jahr 2017 sei die Zahl der Beratungen auf 507 Beratungskontakte im Jahr 2018 gestiegen. Zudem sei die Zahl der Präventionsveranstaltungen in den Schulen des Landes von 12 auf 29 gesteigert worden.

Der Ehrbegriff in patriarchalen Strukturen

Im Zentrum des Fachtags stand der Vortrag von Ahmad Mansour. Der seit 2004 in Deutschland lebende deutsch-israelische Psychologe, Autor und Islamismusexperte beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen gegen Unterdrückung im Namen der sogenannten „Ehre“. Mansour näherte sich dem Thema, indem er den Ehrbegriff zunächst vom Phänomen der Eifersucht unterschied; Familientragödien aus Eifersucht gebe es in allen Kulturen, entscheidender Unterschied zum „Ehrenmord“ sei, ob es eine gesellschaftliche Akzeptanz gebe. In patriarchalen Gesellschaften definiere ein Mann „seine Ehre“ darüber, ob er stark und selbstbewusst genug sei, seine Rolle als „Beschützer der Familie“ zu erfüllen. Oft gelte der Ausspruch: „Die Frauen sind die Ehre der Männer“. Die „Ehre“ der Frau beziehe sich dabei ausschließlich auf deren Sexualität. In dieser Hinsicht gelte die Frau nicht als Individuum, „sie kann Ehre nicht erwerben, aber durch sexuelles Verhalten verlieren“. Verliere die Frau ihre „Ehre“ durch unkeusches Verhalten, werde der Mann dafür verantwortlich gemacht und verliere sein Gesicht. Attestiert werde ihm dann öffentliches Versagen – im Sinne von „Er war nicht in der Lage aufzupassen.“

Mansour bezieht solche kulturellen Einstellungen nicht auf eine bestimmte Religion, sondern auf patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und er macht die Gewaltfolgen für betroffene Mädchen und Frauen in Gestalt einer Pyramide anschaulich: Die Basis der Eingrenzung von Mädchen und Frauen bildet die männliche Einmischung in alle Lebensbereiche (Beispiele: Verbot der Teilnahme an Klassenfahrten oder am Schwimmunterricht); die Fremdbestimmung von Mädchen setze sich dann spürbar fort – etwa bei den Themen Kleidung, Freundschaft, Arbeit, sexuelles Verhalten. Das schließe in einer nächsten Stufe physische und psychische Gewalt mit ein, gehe weiter über subtilen Zwang im Kontext der weit verbreiteten „arrangierten Ehen“.

Auswege durch klare Ansprache und gewinnendes Arbeiten

Zwangsheiraten bildeten die seltene, jedoch tragische „Spitze des Eisbergs“, so Mansour. So eskalierten familiäre Dramen etwa zehn Mal jährlich in Deutschland in sogenannten „Ehrenmorden“. Diesen Befund kombiniert Mansour mit der Erkenntnis: „Eine Gesellschaft, die das ändern will, muss viel präventiv tun.“ In diesem Zusammenhang hält er nichts davon Gewalt zu tabuisieren, mit der Begründung man wolle rechtsradikalen Kräften nicht in die Hände spielen. Er plädiert vielmehr für eine klare Ansprache, aber auch für „gewinnendes Arbeiten“. Man müsse dabei die jungen Leute emotional ansprechen, fordert Mansour. Zur Veranschaulichung fasst er die jeweils positiven und negativen Aspekte der „Ehrkultur“ einerseits und der „westlichen Werte“ andererseits zusammen:

So wird in patriarchalen Strukturen als positiv gesehen: der Respekt vor älteren Menschen, Zusammenhalt, familiäre Wärme und eine starke familiäre Bindung sowie starke soziale Kontakte. Als  negativ gelten: Kontrolle und Zwänge, Gehorsam, Hierarchie und Gewalt. Bei den sogenannten westlichen Werten wird als positiv beschrieben: Individualität, Freiheit, Selbstentfaltung, freie Entscheidungsmöglichkeit. Ins Negative gewendet: Depression, Einsamkeit, Grenzenlosigkeit, Egoismus, Alkoholismus und Drogenkonsum. Für Menschen, die aus so unterschiedlichen Kulturen kommen, bedeutet die Konfrontation mit der jeweils anderen Kultur ein Gefühl von Sicherheitsverlust und Angst vor Identitätsverlust.

Mansour ist überzeugt: „Nur wenn man das Positive einer Kultur sieht, kann man auch über das Negative sprechen.“ Für ihn ergibt sich daraus: „Wir müssen weg von der Wir-und-Ihr-Debatte und zu einem neuen WIR-Diskurs kommen.“ Das dürfe nicht mit Belehrung einhergehen. Vielmehr gehe es darum Plattformen zu schaffen, um über unterschiedliche Werte und Vorstellungen zu reden. Die Schule sieht Mansour dabei besonders gefordert, „aber wir brauchen auch eine starke Staatlichkeit, denn wenn es hart auf hart kommt, müssen die Menschen wissen, dass Freiheit gilt.“

Workshops und Beispielprojekte

In Workshops wurden anschließend konkrete Aufgabenfelder näher beleuchtet: Über Möglichkeiten, Mädchen zurück zu holen, die ins Ausland verschleppt werden, um zwangsverheiratet zu werden, berichtete eine Mitarbeiterin von Sibel-Papatya, der anonymen Kriseneinrichtung für junge Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund in Berlin. Sie skizzierte dass Einzelfälle sehr unterschiedlich gelagert seien, was sich auch auf den jeweiligen Erfolg oder Misserfolg auswirke. Sie konstatierte zugleich eine positive Bewusstseinsveränderung bei staatlichen Organen – wie zum Beispiel den staatlichen Botschaften.

Berichtet wurde auch über das Betreuungsprojekt für schwer traumatisierte yezidische Mädchen und Frauen. Das Sonderprojekt der Landesregierung ist nach vier Jahren zwischenzeitlich ausgelaufen. Einige Fälle wurden vorgestellt, wobei klar wurde: Die Zwischenzeit hat bei Schwerst-Traumatisierten keineswegs bereits alle Wunden geheilt; allerdings gibt es auch Erfolgsgeschichten von Frauen, die hierzulande auf eigenen Füßen stehen und von Kindern, deren Schulerfolg Freude bereitet.

Eine eher durchwachsene Bilanz zog eine Rechtsanwältin und ehrenamtliche Mitarbeiterin von Terre des Femmes zur Umsetzung des Gesetzes zur Bekämpfung von Kinderehen. In den zwei Jahren, seit das Gesetz in Kraft ist, seien in Baden-Württemberg 75 Fälle gemeldet worden, die in 16 Verfahren mündeten, bei 14 ergangenen Urteilen. In drei Fällen sei eine Ehe aufgehoben worden. Die Datenlage auf Bundesebene lasse sich verlässlich noch nicht benennen, weil nicht alle Länder Zahlen gemeldet hätten. Die Fachjuristin kritisierte: „Es fehlt an Handreichungen, es fehlt überall an Kenntnissen über das Gesetz, es müssen Standards entwickelt werden vor Ort und nötig sind muttersprachliche Informationen, sonst läuft das Gesetz ins Leere.“ Immerhin habe sich bewährt, dass Baden-Württemberg alle bekanntgewordenen Fälle beim Regierungspräsidium Tübingen bündele.

Offenkundig wurde, dass in allen Bereichen – in der Prävention, der Intervention und beim Opferschutz – deutlich mehr Ressourcen und Investitionen in Strukturen notwendig sind, um langfristige Verbesserungen zu erzielen. Dazu gehören auch dauerhafte Dialog- und Gesprächsplattformen für die Debatte über Menschenrechte, Werte und Rollenbilder.