Zukunftsfähiger Religionsunterricht

Welche Chancen bietet komparative Theologie für den Religionsunterricht? Was braucht es dazu an Voraussetzungen? Ein Themenheft versammelt Tagungsergebnisse und Diskussionsanstöße.

Zukunftsfähiger Religionsunterricht: komparativ-theologisch?

Welche Chancen bietet die komparative Theologie für den Religionsunterricht, und unter welchen Voraussetzungen lässt sie sich anwenden? Diskussionsbeiträge und unterrichtspraktische Beispiele dazu enthält das Themenheft „komparativ-theologische Religionspädagogik“ der Zeitschrift „notizblock“. Das Heft führt damit die Ergebnisse einer Akademie-Tagung weiter, die eine Kooperation mit der Hauptabteilung IX Schulen der Diözese Rottenburg-Stuttgart bildete.

Bisher hat die Befassung mit Glauben und Lebensformen anderer Religionen in vielen Unterrichtsmodellen eher den Charakter religionskundlicher Informationsblöcke, anstatt sich mit den eigenen Lebenswelten und den Fragen der Schülerinnnen und Schüler zu verbinden. Komparative Theologie bietet spannende Ansätze, dem entgegenzuwirken. Auch könnte eine solche Religionspädagogik in der für den konfessionellen Religionsunterricht drängenden Frage weiterführen: Wie kann dieser angemessen mit religiöser Vielfalt in Schülerschaft und Gesellschaft umgehen, während gleichzeitig christliche Sozialisierungen wegbrechen?

Religionsunterricht kann zwar prinzipiell die eigene Religiosität ins Gespräch bringen mit anderen religiösen Überzeugungen und Lebensweisen. Aber wenn diese eigene Religiosität wegbröckelt? Wenn es keine Beheimatung in der eigenen Glaubenstradition mehr gibt? Dann schwindet genau das  „konfessorische“ Moment dahin, also die Befähigung zu einem eigenen, reflektierten Bekenntnis im Angesicht von Alternativen. So jedenfalls beschreiben es vielerorts die christlichen Lehrkräfte. Eine Reaktionsmöglichkeit ist die Zuflucht zu religionskundlicher, rein wissensbasierter und abfragefähiger Stoffbehandlung. Aber wie stünde es dann noch um den Beitrag des Unterrichts zur persönlichen Identitätsbildung, zu welcher die Auseinandersetzung mit dem Religiösen ja unverzichtbar gehört?

Komparative Theologie dagegen will nicht, vermeintlich neutral, über religionsbezogene Sachverhalte nur informieren. Vielmehr nimmt sie ernst, dass Religionen umgreifende Welt-Deutungs-Systeme sind. Komparative Theologie klammert die Frage nach religiöser Wahrheit nicht aus, sondern stellt diese explizit, sie hält diese wach und öffnet sie – und zwar gerade nicht als eine abstrakte Frage, sondern konkret in der Auseinandersetzung mit Einzelthemen und Einzelfällen.

Dabei investiert die Haltung komparativer Theologie, ganz im Gegensatz zu vormaligen Haltungen religiöser Apologetik, sogar eine Wahrheitsvermutung in Bezug auf andere religiöse Traditionen: Sie geht von tatsächlichen Lebensformen und Lebensfragen aus und „bietet der Binnenperspektive des Anderen einen Ort im eigenen Denken“. So drückt es Monika Tautz aus, die in ihrem Eröffnungsbeitrag zum Themenheft komparativ-theologische Religionspädagogik als „Beitrag für einen zukunftsfähigen Religionsunterricht“ beschreibt. Aus den Prinzipien komparativer Theologie leitet sie dabei Anforderungen zur Aufbereitung von Unterrichtsmaterialien ab und beansprucht, dass religiöse Bildung nicht nur „ein friedvolles und anerkennendes Miteinander“ fördert – sondern mehr noch: Komparativ-theologische Religionspädagogik habe als Ziel, „sich in der Haltung einer Gastfreundschaft einzuüben, die sich für die Wahrheit des Anderen öffnet“.

Herbert Rommel führt im Anschluss den Begriff „konfessorische Kompetenz“ weiter aus und zeigt auf, inwiefern dieser eine „Voraussetzung für einen religions-kooperativen Religionsunterricht“ beschreibt.

Unterrichtsmodelle illustrieren, wie Maria als Brückenfigur (Maria Magdalena Stüttem/Monika Tautz) und wie der Themenkomplex von Sterben, Tod und Jenseits (Maike Maria Domsel/Naciye Kamcili-Yildiz; Online-Material) in komparativer Perspektive bearbeitet werden können.

Weitere Artikel beleuchten u.a. das Begegnungsangebot „Meet a Jew“ (Masche Schmerling), die Methode des „Scriptural Reasoning“ u.a. für die Vorbereitung und Gestaltung multireligiöser Feiern (Alexandra Morath), Beispiele und Einsatzmöglichkeiten von Medien zum Lernen von anderen Religionen (Rainer Steib), sowie Beiträge der Schulpastoral zu interreligiösen Begegnungen (Beate Thalheimer).

Von: Dr. Christian Ströbele (Fachbereich Interreligiöser Dialog)