Was lange währt ...

... wird doch noch gut. Nach rund 20-jähriger Arbeit ist im Rahmen einer Geschichtstagung in Weingarten das gewichtige Handbuch der Stftskirchen in Baden-Württemberg präsentiert worden.



Bei der mittelalterlichen Geschichtswissenschaft kommt es auf ein paar Tage oder Wochen oft nicht an. Doch das „Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg“, das jetzt im Rahmen einer Tagung der Akademie im ehemaligen Kloster Weingarten präsentiert wurde, hat schon ein bisschen länger auf sich warten lassen als sonst. Rund 20 Jahre hat es gedauert, bis der nicht nur inhaltlich schwergewichtige Band (mit seinen 720 Seiten wiegt er gut 3,5 Kilo) präsentiert werden konnte. Kein Wunder, dass der Mitherausgeber Professor Oliver Auge in seinem Präsentationsvortrag sichtlich gerührt seufzte: „Endlich!“

140 Stiftskirchen im Südwesten sind erstmals erfasst

Das Vorhaben rief Ende der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts der Tübinger Historiker Professor Sönke Lorenz gemeinsam mit dem damaligen Fachbereichsleiter Geschichte an der Akademie der Diözese, Dr. h.c. Dieter Bauer, ins Leben. Fünf Tagungen zu unterschiedlichen Gesichtspunkten des Stiftslebens fanden in den folgenden Jahren statt. Die Bereitschaft, sich mit dem Thema zu beschäftigen, war auch bei historisch interessierten Ehrenamtlichen – etwa Archivaren – groß. Und so wuchs nicht nur die Zahl der untersuchten Stiftskirchen auf knapp 140, rund 80 Autoren und Autorinnen wirkten schließlich an dem im Jan Thorbecke Verlag erschienenen Grundlagenbuch mit. Allein die Materialfülle war es freilich nicht, die das Projekt auch mal näher ans Scheitern als an den Erfolg gebracht hat. Durch die schwere Krankheit und den frühen Tod von Professor Sönke Lorenz drohte das Vorhaben zu scheitern.

Doch nicht nur Oliver Auge, der in Tübingen über die Stuttgarter Stiftskirche promoviert hatte und von Anfang an dem Projekt beteiligt war, wollte das Handbuch zu einem guten Ende führen, obwohl er zwischenzeitlich als Professor für Regionalgeschichte an der Universität Kiel ziemlich weit weg von dem Forschungsgegenstand beruflich aktiv ist. Auch Professorin Sigrid Hirbodian, die von Mainz her kommend die Nachfolge Lorenz‘ in Tübingen antrat, brachte sich mit den MitarbeiterInnen ihres Lehrstuhls aktiv in die Rettung des Projekts ein. Beispielsweise geht auch das Thema der die Buchpräsentation begleitenden Tagung „Männerstifte – Frauenstifte“ auf ihre wissenschaftliche Arbeit zurück.

Handbuch bietet Grundlage für weitere Forschung

Mit dem Band liegt nun ein umfassender Überblick über eine Kernlandschaft der Stifte vor, der es der Wissenschaft ermöglicht, neuen Fragestellungen im Hinblick auf unsere Bildungsgeschichte nachzugehen. Etwas Vergleichbares hat es bisher für Südwestdeutschland nicht gegeben. Aber auch in weiten Teilen Deutschlands gibt es im Hinblick auf die Bedeutung der religiösen Zentren für die damalige Bildungs- und Verwaltungselite noch viel weiße Flecken auf der Landkarte, weil die Forschung erst an ihrem Beginn steht. Die beiden Herausgeber Oliver Auge und Sigrid Hirbodian sehen deshalb die Arbeit an dem Thema noch nicht als beendet an, sondern vielmehr als Auftakt zu neuen wissenschaftlichen Fragestellungen.

Auch für geschichts-und religionskundige Laien ist das neue Handbuch interessant, lässt sich darin doch wie in einem Katalog mit regionalem Blick die Entwicklung vom 8. bis ins 19. Jahrhundert nachvollziehen oder auch, wer es lieber alphabetisch mag, von A bis Z: Von Adalungzell bis Zeil.


(Barbara Thurner-Fromm)

 

Handbuch der Stiftskirchen in Baden-Württemberg
Sönke Lorenz (†)/Oliver Auge/Sigrid Hirbodian (Herausgeber)
720 Seiten mit 380 teilweise farbigen Abbildungen, Grundrissen und Karten
Jan Thorbecke Verlag

 

 

Professor Oliver Auge (links), Professorin Sigrid Hirbodian und Jürgen Weis vom Jan Thorbecke Verlag präsentieren stolz das neue Handbuch.


Dr. h.c. Dieter Bauer, der langjährige Fachbereichsleiter Geschichte bei der Akademie der Diözese, hat das Projekt mit fünf wissenschaftlichen Tagungen in Weingarten eng begleitet.


Zur Präsentation des neuen Bandes sind auch zahlreiche ehrenamtliche Autoren und Autorinnen gekommen.