Vorträge, Exkursionen und viel Musik

50 Personen waren Gast bei der Sommerakademie in Weingarten. Zum Thema „Der Mensch und die Musik“ gewährte sie unterschiedlichste „Einblicke in die Tonspur des Lebens“.

Musik erfassen mit allen Sinnen und den Teilnehmenden neue Einsichten in das Zusammenwirken von Musik, Mensch und Gesellschaft zu vermitteln – das war das Ziel unserer diesjährigen Sommerveranstaltung mit Beiträgen aus ganz verschiedenen Disziplinen. Die Musikwissenschaftlerin Christiane Tewinkel berichtete zum Einstieg von ihrem Traum, ein „Pixi“-Buch zur Geschichte der Musik auf 24 Seiten zu schreiben – und zeigte sofort auf, warum das nie funktionieren könnte. In ihrem Vortrag über die Frage, wie eine Musikgeschichte aussehen müsste, die allen Werken, Strömungen und Beteiligten gerecht wird, warf die Autorin der „Kurzen Geschichte der Musik“ zahlreiche Fragen auf, die im Lauf der folgenden Tage immer wieder auftauchten: Wer kann sich den Genuss hoher Kultur leisten? Was interessiert uns, wenn wir uns mit Musik(geschichte) beschäftigen?  Welche Quellen stehen uns dafür zur Verfügung? Und:  „Warum wird so viel zu Wagner geforscht, aber kaum zu Heintje?“

Kinder brauchen Musik für eine gute Entwicklung

Der Musikwissenschaftler und Komponist Hartmut Fladt zeigte auf, warum Musik für die Marketingindustrie so interessant ist. Der kongeniale Einsatz von Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ in einer Bierreklame war nur eines von vielen Beispielen, wie Musik die für die Werbung so wichtigen Grundgefühle wie Freude, Sicherheit oder Extravaganz in uns auslösen kann. Wie stark die musikalische Prägung schon im Mutterleib und in der frühen Kindheit ist, legte der Musiktherapeut Hans-Helmut Decker-Voigt dar. So sei der weltweite Siegeszug der Popmusik auch damit zu erklären, dass jeder Mensch im Mutterleib vom Beat des mütterlichen Herzschlags geprägt wird. Daran schloss der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz in seinem Vortrag an. Anhand mehrerer empirischer Studien konnte er zeigen, dass sich das Musizieren äußerst positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirkt, von der Erweiterung des Tonumfangs und der Lautstärke durch regelmäßigen Singunterricht bis hin zur Steigerung der Empathiefähigkeit und der Integration durch gemeinsames Musizieren. Basierend auf diesen Befunden formulierte er ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass die Politik viel mehr Geld in die Hand nehmen müsse, um musikalische Förderung in Kitas, Kindergärten und Schulen stärker als bisher zu institutionalisieren und professionalisieren.

In einem Abendvortrag mit Konzert nahm der Islamwissenschaftler Max Bilal Heidelberger das Publikum mit auf eine musikalische Reise in die islamische Welt. Dabei zeigte er auf, dass man von „der“ muslimischen Musik gar nicht sprechen könne, da diese vor allem von der jeweiligen Region abhänge. Der Gebetsruf des Muezzins und die Koranrezitation des Imams werden allerdings – obwohl sie sehr melodiös klingen können, wie Heidelberger demonstrierte – im Islam nicht als Musik betrachtet. Das sprach in seinem Beitrag auch der Musikethnologe Julio Mendívil an, der anhand einiger weiterer Beispiele zeigte, dass „Musik“ in unterschiedlichen Kulturen etwas ganz anderes bedeuten kann. Er plädierte deshalb dafür, unser europäisch geprägtes Musikverständnis zu öffnen und anzuerkennen, dass es weltweit unterschiedlichste „Musiken“ gibt.

Wir musizieren, weil wir soziale Wesen sind

Die Musik- und Kulturwissenschaftlerin Beate Kutschke fragte, ob Musik „gut“ oder „böse“ sein könne. Natürlich werde sie zum Beispiel zur Folter von Gefangenen eingesetzt; Kutschke argumentierte jedoch, dass Musik zum Beispiel aufgrund kompositorischer Merkmale schon aus sich selbst heraus eine moralische Position einnehmen könne. Dass Musik auch als Selbstbehauptungsstrategie funktionieren kann, führte die Sängerin und  Gesangspädagogin Ruth Frenk in ihrer Präsentation über die KomponistInnen im KZ Theresienstadt eindrücklich vor Augen. Gleichzeitig wurde klar, wie viel der europäischen Kultur durch die Ermordung zahlloser jüdischer KomponistInnen und MusikerInnen verloren ging.

Aus einer theoretischen Perspektive ging der Philosophieprofessor Matthias Vogel der Frage auf den Grund, was Musik ist und warum wir sie machen. Er kam zum Schluss, dass der Ursprung der Musik im Kontext des menschlichen Zusammenlebens zu suchen ist: Gemeinsames Singen etabliert eine Gemeinschaft; wir musizieren, weil wir soziale Wesen sind. Ilonka Czerny, die an der Akademie den Fachbereich Kunst leitet, beleuchtete in ihrem Vortrag über „musizierende Bilder“ und „malende Klänge“ die Musik als Motiv in der bildenden Kunst von der Antike bis heute. Dabei ging sie besonders auf solche Werke ein, in denen bildende Kunst und Musik interdisziplinär ineinandergreifen, und zeigte unter anderem auf, wie Robert Rauschenbergs „White Painting“ John Cage zu seinem experimentellen Werk „4‘33‘‘ inspirierte.

Die Musikwissenschaftlerin Jutta Toelle warf zum Schluss noch einmal provokante Fragen zur Finanzierung und zum immer älter werdenden Publikum in Oper und klassischen Konzerten auf und stellte die angesichts bedenklicher Befunde immer wichtiger werdende Publikumsforschung vor. Diese versucht herauszufinden, warum Menschen eigentlich ins Konzert gehen und welche Erfahrungen sie dort als positiv oder negativ wahrnehmen und will daraus Vorschläge für eine Neugestaltung des Konzertbetriebs entwickeln. Gelingen kann das zum Beispiel, wenn KonzertbesucherInnen stärker in die Gestaltung des Programms und der Rahmenbedingungen einbezogen werden als bisher.

Exkursionen nach Trossingen und zu einer Echowand 

Das vielseitige Vortragsprogramm wurde durch zwei Exkursionstage aufgelockert. Am Sonntag ging es in die „Musikstadt“ Trossingen, wo eine Führung durch das Deutsche Harmonikamuseum und ein anschließender Stadtrundgang nicht nur verdeutlichten, welche Bedeutung die Entwicklung der relativ günstigen Mund- und Handharmonika für das Musizieren der einfachen Leute und die Popularmusik weltweit gehabt hatte, sondern auch, wie sehr die Instrumentenindustrie das ursprünglich kleine Dorf auf der Baar geprägt hat. Nachmittags erwartete die TeilnehmerInnen eine Führung durch das Kloster Salem. Im dortigen Münster hielt der oberschwäbische Heimat- und Musikforscher Berthold Büchele, der als musikalischer Reisebegleiter schon die Busfahrten informativ gestaltet hatte, einen Vortrag über Musik an oberschwäbischen Klöstern, bevor ein Orgelkonzert des Markdorfer Kirchenmusikers Christian Ringendahl und eine anschließende Weinprobe den Tag genussvoll abrundeten.

Der zweite Exkursionstag führte die TeilnehmerInnen nach Vorarlberg. Eine Führung hinter den Kulissen des Montforthauses, des preisgekrönten neuen Kultur- und Kongresszentrums in Feldkirch, machte deutlich, was bei der – gerade akustischen – Planung eines solchen Gebäudes bedacht werden muss. Die organische Architektur und die traumhafte Lage begeisterten. Nachmittags erwartete die Akademie-Gäste ein ganz besonderes Schmankerl: Zusammen mit der Musikethnologin und Musikerin Evelyn Fink-Mennel unternahmen sie im Großen Walsertal vor beeindruckendem Panorama eine Jodelwanderung zu einer Echowand.

Und auch in Weingarten selbst waren nicht nur Vorträge geboten: Der Musiker und Dozent Bernhard Bitterwolf führte in einem vergnüglichen Abendprogramm diverse Instrumente aus der Region vor, von der keltischen Carnyx über den oberschwäbischen Piffel bis zu Leier und Sackpfeife. Nicht fehlen durfte natürlich auch ein Abstecher in die Weingartner Basilika, wo Organist Stephan Debeur die berühmte Gabler-Orgel mit ihren 6666 Pfeifen mit großer Begeisterung für sein Instrument und dessen Geschichte vorstellte und spielte. Nach fünf Tagen des abwechslungsreichen Programms waren sich viele TeilnehmerInnen einig: Es wird für sie nicht die letzte Sommerakademie gewesen sein.

Johannes Kuber

Alfred Dörfler führt durch das Deutsche Harmonikamuseum.


Evelyn Fink-Mennel animiert die Reisegruppe im Großen Walsertal zum Jodeln.


Führung durch das Montforthaus in Feldkirch.


Max Bilal Heidelberger spielt bei seinem Vortrag eine Nay.


Dekanatskirchenmusiker Stephan Debeur präsentiert die Gablerorgel in der Basilika Weingarten.