Von der Für-Pastoral zur Mit-Pastoral

Das Leben älterer Menschen heute ist bunt. Sie sind keine homogene Gruppe und haben unterschiedliche Erwartungen an ihr soziales Umfeld, die Kommune und die Kirche. Darauf muss sich die Kirche einstellen.

Professor Dr. Michael Schüßler hat eine Karikatur mitgebracht zu Tagung „Wir haben Zukunft – neue Wege in der Seniorenpastoral“: In einer leeren Kirche reden zwei Pfarrer miteinander. Sagt der eine: „Das II. Vatikanische Konzil hat die Türe aufgemacht“. Antwortet der andere: „und die Leute sind rausgegangen“. Das Bild beschreibt anschaulich, dass die institutionellen Orte der Kirche von massivem Mitgliederschwund bedroht sind. „Angebot und Nachfrage passen nicht mehr zusammen“, analysiert der Tübinger Theologe vom Lehrstuhl für praktische Theologie und belegt das mit Zahlen: 1951 hätten sich noch 68 von 100 Paaren kirchlich trauen lassen, 2005 seien es nur noch 29 Paare gewesen. Doch die Katholische Kirche, so Schüßlers Kritik, halte an ihrem institutionellen Programm fest, ohne die gesellschaftlichen Veränderungen wahrzunehmen.

Die Frage ist: Nur rausschauen oder raus gehen?

Papst Franziskus habe kritisiert, „die selbstreferenzielle Kirche will Jesus in den eigenen Reihen festhalten und nicht rausgehen lassen.“ Nötig sei aber, die Spuren des Evangeliums in der Gegenwart zu entdecken. Dafür müsse Kirche an vielen Orten gestaltet werden, um Wandel zu ermöglichen. Bildlich gesprochen: Man stehe in der Tür und müsse sich fragen, will man nur rausschauen oder tatsächlich durch die Türe raus gehen. Schüßler beschrieb die Veränderung am Beispiel der Flüchtlingsarbeit in den Jahren 2015/16: Es habe nicht „die“ Kirchengemeinde gegeben, die half, wohl aber seien im vielfältigen Engagement sehr vieler Menschen die christlichen Werte sichtbar geworden.

Drei „Dispositive“ macht Schüßler im Welt-Kirche-Verhältnis aus und erläutert diese anhand von Kirchenräumen: Zuerst das vor-konziliare Ewigkeits-Dispositiv; versinnbildlicht durch den Kölner Dom, der dem Besucher klarmacht: Es gibt ein Gefälle von innen nach außen: Innen ist das Heil, draußen lauert der Tod; der Mensch ist klein, hat aber als exklusives Mitglied eine Pfarrei, einen Pfarrer und Sakramente als Hilfe. Die Kirche, verstanden als „societas perfecta“ brauche kein Außen, denn sie hat alles in sich und aus sich.

Aus unterschiedlichsten Dingen lässt sich Realität gestalten

Nach dem Zweiten Vatikanum habe sich die Sicht geändert: Aus „Gott über uns“ wurde „Gott vor uns“ die Kirchenarchitektur sei moderner, runder, transparenter geworden, die Gemeinde-Bewegung habe Kirche familienartig und zielgerichtet verstanden. Heute konstatiert Schüßler nun „nach-nachkonziliare Verflüssigungen des Ereignis-Dispositivs“. Pluralität und Dynamik sieht der Theologe, statt der großen Erzählungen gehe es darum, „die kleinen Erzählungen der Menschen ernst zu nehmen“. Die Digitalität verflüssige analoge Lebensentwürfe. Menschen könnten sich auf die unterschiedlichsten Dinge beziehen, um Realität zu gestalten. Die Algorithmizität sortiere personifiziert die Datenflut vor, Ethik und Werte verlagerten sich in die digitalen Medien. Es gelte die Gleichzeitigkeit von Kölner Dom, nachkonziliarer Gemeinde und dem Rausgehen in die Welt, um das Wohl aller zu suchen.

Schüßler schilderte das an einem Beispiel aus Bamberg: Weil dort die Kirche Risse bekam, musste sie geschlossen werden. Eine Kirchenbank wurde im Park aufgestellt und demonstrativ mit einem Seelsorger besetzt, der für allfällige Gespräche zur Verfügung stand. „Es war ein Wagnis: Wir konnten uns die Menschen nicht aussuchen, denen wir dort begegneten. Wir mussten sie aber auch nicht halten. Das war ein befreiender Lernschritt.“ Als ähnlich offenes Beispiel sieht Schüssler das Projekt „Sankt Maria als“ in Stuttgart-Mitte; dort bietet die renovierungsbedürftige Kirche Raum für Initiativen und Begegnungen.

Den Sozialraum der Menschen gemeinsam gestalten

In die gleiche Kerbe schlägt der Rottenburger Weihbischof Matthäus Karrer, der in seinem Vortrag über sozialraumorientierte Pastoral die Herausforderungen für die Kirche klar umriss. Er orientiert sich an den Prinzipien der Caritas: Demnach gehe es darum, die Eigeninitiative und Selbsthilfe zu unterstützen. Notwendig dafür seien Kooperation, Koordination und Integration. Nötig sei zudem eine zielgruppen- und bereichsgruppenübergreifende Sichtweise für ein gemeinsames Herangehen. Orientierungsmaßstab seien die Menschen („Was willst Du, dass ich Dir tue?“). Dabei müssten Caritas und Pastoral im Einklang die Zukunft entwickeln.
Karrer plädiert dafür, den Sozialraum gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zu gestalten, und Bündnispartner aus der Gesellschaft, Ökumene, lokaler Wirtschaft, dem Bildung- und Gesundheitsbereich zu suchen. „Unsere Aufgabe ist es nicht, die eigene Kirche zu erhalten, sondern der Welt muss es gutgehen“, lautet sein Postulat. Das Problem der Kirche sei, „wir erreichen derzeit mit 90 Prozent unseres Personals zehn Prozent der Gläubigen“. Die Kirche müsse sich öffnen, Begegnungen ebenso zulassen wie ein Kommen und Gehen. Pastoral bedeute Kirche an vielen Orten. Kirche müsse sich mit Stiftungen, Kommunen, Einrichtungen ökumenischer und sozialer Art vernetzen und die Lebenswirklichkeiten als Grundlage nehmen. Eine sozialraumorientierte Pastoral entdecke das Evangelium mitten in den Menschen; sie ermögliche Beteiligung, Mitgestalten, Mitentscheiden, Mitwirken am Projekt des Evangeliums und sei das Gegenteil von Klerikalismus. Statt Pastoral für Jemanden gehe es um Pastoral mit Jemandem. Kirche müsse an vielen Orten erkennbar, erreichbar und ansprechbar sein.

Karrer: Neue Pastoral braucht neue Führungsstrukturen

Dafür ist nach Karrers Überzeugung das Ehrenamt unverzichtbar, aber es müsse ebenfalls neu gedacht werden - nicht als jahrelanges festes Engagement, sondern auch projektbezogen und zeitweilig. Als Beispiele für eine zeitgemäße Pastoral nannte Karrer das Netzwerk Amtzell. In der kleinen oberschwäbischen Gemeinde bietet es vom Bürgerbus bis zu Babysitter-Diensten vielerlei Aktivitäten. Auch das Bündnis für Demokratie und Toleranz in Biberach mit 71 Institutionen und Einzelpersonen hält er für beispielhaft oder das Repair-Café in Horb, bei dem alte Dinge repariert werden und Gelegenheit für Gespräche und Austausch besteht. Vorbildlich auch das Flugfeld in Böblingen: Dort entsteht ein neues Quartier für 11 000 Menschen aus 100 Nationen. Statt einer Kirche, die ursprünglich geplant war, soll es unter dem Motto „Dem Himmel nah“ einen Treffpunkt für 20 Religionen geben.è
Für Karrer ist klar, dass diese Form der Pastoral auch andere kirchliche Führungsstrukturen als bisher nötig macht: weg von der Pfarrer-zentrierten Sicht hin zu einem Führungsteam aus Männern und Frauen und mehr Laienverantwortung.

Dr. Joachim Drumm, Ordinariatsrat und Leiter der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft im Bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, verwies auf einen Satz von Leonardo Boff: „Die entscheidende Frage ist nicht die Zukunft der Kirche, sondern das Überleben der Menschheit“. Der lange in Ungnade gefallene Befreiungstheologe ist erst dieser Tage von Papst Franziskus rehabilitiert worden. Doch seine Forderung klingt manchem konservativen Katholiken noch immer wie pure Häresie. Drumm verweist aber darauf, dass es weder „die“ Senioren, noch „die“ Seniorenpastoral gebe. Ältere Menschen seien nicht nur Umsorgte, sondern auch selbst Sorgeleistende. Seniorenarbeit der Zukunft werde weniger zielgruppenorientierte Angebotspastoral sein, „sondern sozialraumorientierte Beteiligungspastoral im Lichte christlicher Hoffnung“. Es vollziehe sich in der gesamten Pastoral „ein Blickwechsel weg von der Logik der Zugehörigkeit hin zu einer Orientierung an der Alltags und Lebenswirklichkeit“.

Ordinariatsrat Drumm: Wir spüren, dass sich was ändern muss

Seniorenpastoral richte sich damit nicht nur an Kirchenmitglieder, sondern an alle. Seniorenpastoral müsse soziale und familiäre Bezugsfelder berücksichtigen und den infrastrukturellen Rahmenbedarf. „Nötig ist eine neue Kultur des Christlichen in vorhandenen Strukturen. Dafür muss sich die Kirche öffnen“. Drumm sieht dafür das Leitbild der Governance und der sorgenden Gemeinschaft. Er sieht noch immer institutionelle Parallelwelten, weil es eine segmentierte Lebenswirklich gebe. „Künftig müssen wir mehr gemeinsam machen, denn es geht immer um die gleichen Menschen“. Dafür solle das Subsidiaritätsprinzip neu gedacht werden. Bisher werde es hierarchisch betrachtet, immer die nächsthöhere Ebene sei verantwortlich für das was die untere Ebene nicht bewältigen könne. Künftig müsse Subsidiarität im Sinne von geteilter Verantwortung gedacht werden. Drumm sieht darin eine Chance für die Kirche, sich selbst als offenes, vieldimensionales System zu verstehen und sich als intermediär und vermittelnd einzubringen. Denn die Kirche sei Kulturträger, Sozialträger, Wirtschaftsfaktor, Verwaltungs- und politisches System. Als künftige Aufgabe sieht Drumm „Sprengkraft der gelebten Hoffnung zu sein“. Er ist sich freilich sicher, dass die Verwaltungsstruktur der Kirche, die noch aus dem römischen Reich stamme, nicht mehr zeitgemäß sei. Und er beschreibt anschaulich, was die Kirche umtreibe: „Wir alle spüren, dass es so nicht weitergeht. Es ist wie bei einem Autofahrer, der den Weg nicht kennt: Er fährt im Kreisverkehr und weiß nicht, wo er raus soll. Er kennt die richtige Ausfahrt nicht und das macht Angst. Und so dreht hat Runde um Runde. Für Drumm ist freilich klar: Auch wenn wir nicht wissen, wie es wird: Wir müssen uns ins Offene wagen“.

(Barbara Thurner-Fromm)

Ludger Bradenbrink, Geschäftsführer der Katholischen Seniorenarbeit in der Diözese


Prof. Uwe Bähr vom Forum katholischer Seniorenarbeit der Diözese


Ordinariatsrat Joachim Drumm fordert von der Kirche, dass sie sich öffnet.