Verschwörungsmythen sterben nicht aus

Ob Kreuz, Kippa oder Kopftuch – jeder soll tragen, was er will. Der Religionswissenschaftler, Islam-Kenner und Landesbeauftragte gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, redet Klartext.

Als vor einigen Wochen Dr. Michael Blume im Tagungshaus im ehemaligen Kloster Weingarten sein Buch „Islam in der Krise“ vorstellte, war der Saal voll und das  Interesse der Gäste groß, sich mit diesem Islam-Experten auszutauschen. Zwischenzeitlich hat die Landesregierung Michael Blume, der 2015/2016 das Jesidinnen-Hilfeprojekt der Landesregierung im Nordirak verantwortete, eine neue Aufgabe übertragen: Blume ist Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. Angesichts der aktuellen antisemitischen Vorfälle in Berlin und anderswo sorgten auch in Stuttgart viele Interessierte für einen vollen großen Saal im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim.

Blume: Verschwörungsmythen können eine Gesellschaft zerstören"

Im Fachgespräch mit Dr. Hussein Hamdan, dem Leiter des Projektbereichs Islam-Beratung und –Fortbildung, analysierte Blume seine These, wonach der Islam als Religion – ungeachtet der weit verbreiteten Terrorangst vor dem Islamismus, die das Gegenteil suggeriert –, in einer tief greifenden Krise stecke und sich weltweit auf dem Rückzug befinde. Als Ursache für die Krise geht Blume bis ins 15. Jahrhundert zurück und nennt das Buchdruckverbot im Osmanischen Reich als bis heute nachwirkenden Grund. Dies habe nicht nur zu enormen Bildungsverzögerungen geführt und anders als hierzulande durch Martin Luther die Auseinandersetzung mit dem Glauben verhindert. Es habe auch Verschwörungsmythen begünstigt, die heute noch weit verbreitet sind. (Eine ausführliche Besprechung, die sich mit Blumes Thesen in seinem Buch befasst, finden Sie hier.

Und an diesem Punkt kam Blume in Hohenheim auch auf den Antisemitismus zu sprechen. Im Irak beispielsweise, dem alten Babylon, gebe es zwar kein Judentum, wohl aber viele Verschwörungsmythen, die Rassismus und Antisemitismus Vorschub leisteten. „Diese Verschwörungsmythen können eine Gesellschaft zerstören“, warnte Blume. „Wenn die Verschwörungsmythen geglaubt werden, geht eine Gesellschaft kaputt“, sagte Blume und zog einen Bogen von der arabischen Welt nach Deutschland. Der aus Konstanz stammende Arzt und AfD-Landtagsabgeordneter Wolfgang Gedeon etwa habe ein dreibändiges Werk mit rund 1800 Seiten verfasst, indem er Verschwörungstheorien über Zionisten verbreite, die Blume als „klar antisemitisch“ charakterisierte.

Blume sieht in unserer aktuellen Situation eine Parallele zur Erfindung des Buchdrucks und den damit einhergehenden Verwerfungen des 30jährigen Kriegs damals: Auch jetzt sorge mit dem Internet wieder ein neues Medium, das noch viel schneller als seinerzeit das gedruckte Wort Dinge in alle Welt verbreiten kann, für große Unruhe. „Neue Medien bringen alte Strukturen massiv unter Druck“, sagte Blume. Er machte das am Beispiel der Salafisten deutlich: Vor 100 Jahren hätten sie sich noch nicht einmal fotografieren lassen, weil sie aus dem Koran ein Bilderverbot deuten. Heute würden Hassprediger wie Pierre Vogel im Internet „den Islam“ erklären und sich damit vermarkten. Solche rasanten Veränderungen erleichterten es, globale Verschwörungstheorien zu verbreiten, beispielsweise: die Terrormiliz des Islamischen Staates sei in Wirklichkeit vom Mossad oder den USA gesteuert.

"Minderheiten nicht gegeneinander ausspielen"

Blumes Rezept gegen die Verschwörungsmythen: „Bildung, Begegnung und Dialog“. Wir müssten uns an die eigene Nase fassen, so Blume, „denn was wissen wir schon vom Islam?“ In einer kompliziert und unübersehbaren Welt sei es einfacher gegen etwas zu sein als für etwas, Vorurteile erleichterten das Leben, sagte Blume, aber man müsse wissen: „Jede Religion kann friedlich oder kriegerisch ausgelebt werden.“

Rege Nachfragen aus dem Publikum bezeugten nicht nur das große Interesse vieler Gäste, mehr über solche Zusammenhänge zu erfahren, sondern auch den Wunsch, Antworten auf aktuelle politische Ereignisse zu erhalten, etwa auf die Frage, was er von den demonstrativen Kreuzen in bayerischen Behörden halte oder ob er auch für einen "Kippa-Tag" sei, an dem die jüdische Kippa getragen werden soll als Zeichen der Solidarität mit jüdischen Gläubigen. Blume hält von beidem erkennbar wenig. Das Grundgesetz sichere Religionsfreiheit zu, aber auch die Trennung von Staat und Kirche. „Ich bin dafür, dass jeder das tragen darf, was er will. Sei es ein Kreuz, ein Kopftuch oder eine Kippa. Aber ich bin dagegen, Minderheiten gegeneinander auszuspielen.“ Blume plädiert stattdessen für eine nüchterne Problemanalyse, und dafür, den Dialog zu suchen und Brücken zu bauen: „Da kann jeder etwas dazu beitragen“.

Barbara Thurner-Fromm

Michael Blume signiert sein Buch"Islam in der Krise"


Michael Blume beantwortet lebhaft die Fragen von Hussein Hamdan.


Dr. Hussein Hamdan und Dr. Michael Blume (v. l.) im Dialog vor dem interessierten Publikum