Unter der Stahlbetondecke

Aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums des Frauenwahlrechts haben ExpertInnen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Gleichstellung von Frauen in der Kirche diskutiert.

Der Geschichtsverein und die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatten sich zum Ziel gesetzt, den etwa 100 TeilnehmerInnen des gemeinsam ausgerichteten Studientages im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart einen fundierten Einblick in die Geschichte des Frauenwahlrechts der Bundesrepublik Deutschland zu geben und zugleich Teilhabe von Frauen in Gesellschaft, Politik und Kirche heute zu beleuchten. Dr. Maria Gründig vom  Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart betonte dieses doppelte Ansinnen, indem Sie in Ihrer Einführung deutlich machte, dass Geschichte mehr als Vergangenheit sei. Der Blick in die Geschichte schärfe viel mehr die Augen für die Gegenwart und ermögliche klare Fragen für das Heute.

Mit dem ersten Vortrag des Tages gab Professorin Dr. Sylvia Schraut, Neuzeithistorikerin an der Universität der Bundeswehr in München, einen Einblick in die politische Partizipation von Frauen zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Anhand der historischen Entwicklungen zwischen 1871 und 1930 zeigte Frau Schraut auf, dass mit der Einführung des gleichen Wahlrechtes nicht automatisch die gleiche Partizipation im Politischen in Deutschland einzog. Das habe, so Schraut, zum einen am gleichbleibenden Parteiensystem der deutschen Republik, zum anderen daran gelegen, dass das Familienrecht nicht modernisiert wurde.

Der Kirchenrechtler macht den Frauen keine Hoffnung

Dr. Regina Heyder, Kirchenhistorikerin am Theologisch-Pastoralen Institut in Mainz, ergänzte die Darstellungen zur politischen Teilhabe von Frauen um die Perspektive organisierter katholischer Frauen. Am Beispiel der Kriegstagung des Katholischen Frauenbundes 1916 zeigte Heyder auf, dass die organisierten katholischen Frauen bereits vor der Einführung des Frauenwahlrechts durch Symbolhandlungen implizit eine Teilhabe von Frauen in Politik und Gesellschaft forderten. Explizit wurde diese Forderung nach 1918 durch ein intensives Engagement für den Gebrauch des neu errungenen Frauenwahlrechts.

Dr. Christian Dowe, Historiker im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, rundete mit seinem Vortrag zum Wahlkampf 1918/19 den historischen Rückblick ab. Er zeigte auf, dass das Zentrum, wie die anderen Parteien auch, Frauen als neue Wählerinnen in ihren Wahlkampf mit einbezogen. Die Mehrheit der katholischen Frauen sei als zu aktivierende Wählerinnen imaginiert worden, das Bild der wenigen katholischen Abgeordneten und Wahlkämpferinnen entwickelte sich an eben jenen ersten Politikerinnen des Zentrums. Die katholische Politikerin habe so ihre Zuschreibungen: ledig, kinderlos und bürgerlich erhalten.

Mit den Impulsen desKirchenrechtlers Professor Dr. Bernhard Anuth, Lehrstuhlinhaber an der Universität Tübingen, und Dr. Christiane Florin, Autorin und Redakteurin beim Deutschlandfunk, lenkte der Studientag seinen Blick in die heutige Zeit und fragte nach der konkreten Teilhabe von Frauen in der katholischen Kirche.

Frust und Wut: Für und Wider einen Weiber-Aufstand

Herr Anuth stellte die klare hierarchische Ordnung des Kirchenrechts heraus und erläuterte die dezidierte Geschlechteranthropologie, die zwar eine "wahre Gleichheit" zwischen Mann und Frau, Kleriker und Laie postuliere, jedoch nicht gleichzusetzen sei mit Gleichberechtigung nach den Maßstäben des weltlichen Rechts. Frauen und Laien im Allgemeinen seien gleichwürdig und zugleich rechtsungleich. Im Hinblick auf die "gläserne Decke", die Frauen im gesellschaftlichen Bereich noch immer an einer vollständigen Gleichberechtigung hindern, kann man angesichts der Ausführungen von Prof. Anuth sicher von einer "Stahlbetondecke" sprechen, die sich im Kirchenbereich über den Frauen ausbreitet und die Gleichberechtigung, vor allem bei Weiheämtern, verhindert.

Frau Florin plädierte mit ihrem Impuls für eine neue Diskussion zum Thema Gleichberechtigung der Frau in der Kirche, in der Argumente gehört werden sollen, statt wie bisher, so Florin, nur diskriminierende Parolen ohne argumentativen Unterbau. Sie thematisierte zahlreiche Diskriminierungen von Frauen und Laien in der Kirche und forderte zum Protest und zum Aufstand gegen die Ungleichheit auf.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit Frau Florin, Herrn Anuth, Gabriele Frenzer-Wolf, der stellvertretenden Landesvorsitzenden im Deutschen Gewerkschaftsbund, Andrea Langenbacher, der Gleichstellungsbeauftragten der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Irme Stetter-Karp, der Ordinariatsrätin und Leiterin der Hauptabteilung Caritas der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und als Moderatorin Barbara Thurner-Fromm, die Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie, wurde erneut deutlich, dass die von Frauen und Laien gewünschte und geforderte Teilhabe mit dem aktuell geltenden Kirchenrecht nicht kompatibel ist und Spielräume von rechtlicher Seite aus kaum existieren. Eine allgemeine Resignation und Hilflosigkeit, sowie schwindende Identifikation mit der Institution Kirche kamen genau so zur Sprache wie der tatkräftige Ruf nach Veränderungen und der Motivation, diese Veränderung selbst herbeizuführen.

(Annika Zöll)

Über mehr Teilhabe von Frauen in der Kirche haben (von links) diskutiert: Dr. Maria Gründig, Dr. Christiane Florin, Andrea Langenbacher, Gabriele Frenzer Wolf, Barbara Thurner-Fromm, Dr. Christian Dowe, Prof. Sylvia Schraut, Prof. Bernhard Anouth, Dr. Petra Steymans-Kurz und Dr. Irme Stetter-Karp.