Radikal für die Menschenwürde

"Die Macht der Sprache" - darüber haben Prof. Dr. Dr. Michel Friedman und Dr. Michael Blume gesprochen. Es war ein Diskurs leidenschaftlicher Demokraten - mit beklemmenden Momenten.

 

„Sprache.Macht.Radikal. Wieviel Radikalität verträgt die Gesellschaft?“ Mit einer Feststellung und einer Frage startete die Akademie  der Diözese Rottenburg-Stuttgart in ihre neue Veranstaltungsreihe „Die Macht der Sprache“. Der  Gesprächsabend mit Professor Dr. Dr. Michel Friedman und Dr. Michael Blume war freilich nicht nur ein intellektuelles Vergnügen für die Zuhörenden im vollbesetzten Saal des Tagungszentrums Hohenheim. Es war auch ein sehr nachdenklich machender Abend mit einem ungebrochenen Optimisten und einem sehr leidenschaftlichen, aber zweifelnden Freiheitskämpfer.

Hasserfüllte Sprache gibt es nicht nur im Intenet

„Ist Sprache radikaler geworden?“ fragte Fachbereichsleiter Dr. Hussein Hamdan, der gemeinsam mit Mathieu Coquelin vom Demokratiezentrum Baden-Württemberg die Diskussion moderierte, den Juristen, Philosophen, Professor und Fernsehmoderator Michel Friedman. Dem ging es weniger um Radikalität als solche, sondern um „rote Linien“. Die Würde des Menschen sei eine solche rote Linie, die er zunehmend und in mehrfacher Hinsicht überschritten sieht. In die Kritik, dass das Internet daran schuld sei, will er aber nicht einstimmen. „Das Internet ist eine leere Autobahn, auf der wir fahren“, sagte er und fragte: „Wie oft hören wir im analogen Alltag, dass Sprache im Hinblick auf Menschen rote Linien überschreitet und die Alarmglocken gehen trotzdem nicht an?“ Doch Friedman sieht eine qualitative Veränderung im Land durch die AfD. „Erstmals sitzt eine Partei des Hasses, die, obwohl demokratisch gewählt, antidemokratisch ist, in den Parlamenten“. Er könne Floskeln wie „Wehret den Anfängen“ nicht mehr hören und habe auch kein Verständnis dafür, AfD-Wähler als Protestwähler zu exkulpieren. „Wer eine Partei des Hasses wählt, macht sich mitverantwortlich für die Ausweitung des Hasses“, betonte er und machte auch klar warum: „Vor allen inhaltlichen Diskussionen ist zu klären, ob die Positionen dem Grundgesetz entsprechen. Unsere Demokratie ist aber bedroht, wenn die größte Oppositionspartei im Bundestag Artikel 1 des Grundgesetzes ignoriert. Ich sage das nicht als Jude, sondern als Bürger, der jüdisch ist“. Friedman vermisst bei vielen das Bewusstsein dafür, dass Antisemitismus nur eine Facette der Missachtung der Menschenwürde ist und uns dadurch alle betrifft. Dabei erinnerte an den Satz von George Tabori „Jeder ist jemand“. Er forderte, auf zerstörende Worte zu reagieren, um nicht irgendwann sagen zu müssen, „hätten wir mehr gemacht, hätte es das Ergebnis so nicht gegeben.“ Denn jeder Anfangspunkt werde irgendwann zu einem Endpunkt.

Menschenverachtende Sprache sei nie verschwunden, sagte Michael Blume, der als Leiter des Jesidinnen-Projekts der Landesregierung die rohesten Formen von Menschenrechtsverletzungen dokumentierte. Als Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung wird er selber von Rechten massiv bedroht. Verändert habe sich, dass heute rechte Parolen und Hass, wie sie etwa „Breitbart News“ verbreite, von facebook in ihren Nachrichtenpool aufgenommen worden seien: „Wenn aber der lauteste Brüller Recht hat, ist Verrohung einfacher geworden.“

Friedman: Sprache ist subtil, wirkt aber dramatisch

Friedman reagierte skeptisch auf die Frage, ob Bildung Hass vorbeuge. „Jeder hat Vorurteile, die zu verschiedensten Formen der Diskriminierung führen können. Entscheidend ist, ob die Tür dafür geöffnet wird.“ Den Antisemitismusbeauftragten des Landes sah er hingegen nur als „einen Placebo für 70 Jahren politisches Versagen.“ „Brauchen wir auch einen Homo-Beauftragten? Oder einen Islambeauftragten?“, fragte Friedmann provokant. Allein die Frage ob der Islam zu Deutschland gehöre, zeige, wie leicht man in Denkfallen gerate und verführbar sei. „Wenn wir dauernd über Juden, Muslime oder Flüchtlinge reden, verflüchtigt sich der Mensch. Sprache ist subtil, wirkt aber dramatisch.“ Als Placebo sieht sich Michael Blume freilich nicht. Er verwies darauf, dass er von der jüdischen Gemeinde vorgeschlagen worden sei. Es helfe, wenn es ein Gesicht gebe. In seiner Funktion könne er Debatten anstoßen und führen, beschrieb Blume seine Arbeit. Er hoffe aber auch auf den Tag, an dem er in dieser Funktion überflüssig sei.

Nach Friedmans Ansicht gibt es nur ein erfolgversprechendes Konzept gegen das Ausgrenzen bestimmter Bevölkerungsgruppen: Inklusion und die Verteidigung des Grundgesetzes. „Die Verhandlung darüber findet im Alltag statt.“ Friedman rief dazu auf, Leidenschaft für die Freiheit zu entwickeln und die Sprache zu zivilisieren. Allenthalben werde Greta Thunbergs Kampf fürs Klima als vorbildlich gelobt. „Jeder von uns kann wie Greta Thunberg ein Schild um den Hals hängen und in der Fußgängerzone für Freiheit kämpfen“, sagte Friedman. „Sprache konstruiert Realität“, da waren sich Michael Blume und Michel Friedman einig. Doch während Blume als „bekennender Optimist“  die Menschen zu Diskursen ermutigen will, macht Friedmann („mein Gesicht ist meine Kippa“) klar, dass dies oft nicht ohne harten Streit und persönlichen Einsatz geht. 

"Demokraten machen Mut zur Freiheit"

Doch was tun, wenn man Menschen mit Idealismus gar nicht mehr erreicht? Für Michel Friedman geht es weder um Moral noch um Naivität. „Ist es in meinem Interesse, wenn eine autoritäre politische Bewegung das Sagen bekommt?“, fragt er dagegen. „Ist es mein Interesse, wenn meine Kinder  in Angst aufwachsen?“ Man müsse dem Leben rational und emotional begegnen, sagt er und bekennt, dass er der vielen Kämpfe in fünf Jahrzehnten müde geworden sei. Doch das spiele keine Rolle, denn: „Ich habe Kinder und ich lebe hier und wenn wir es nicht tun, findet eine solche Veranstaltung in fünf Jahren vielleicht nicht mehr statt.“ Er vertraue den Menschen, wobei er mit seiner Biografie durchaus auch Zyniker hätte werden können. Doch wenn er den Weg vom 8. Mai 1945 bis zum November 2019 verfolge, dann sei das ermutigend. Demokraten machen laut Friedmann Mut zur Freiheit, autoritäre Bewegungen hingegen Angst vor der Angst. Wie weit und wie tief der Hass sich in den Köpfen allerdings schon eingenistet hat, verdeutlicht Friedman mit seinem Sprachbild der zwei Geschwindigkeiten: „Wenn ich mir die rechten Parteien in Polen, Ungarn, Le Pen in Frankreich oder Salvini in Italien anschaue, wie schnell die unterwegs sind, dann reicht unsere Geschwindigkeit nicht. Ich gebe zu, ich habe erstmals keine Ahnung, wie sich die Europäische Union und die politische Landschaft in Deutschland in den nächsten zehn Jahren entwickelt. Dafür ist schon zu viel geschehen.“

Betroffenes Schweigen im Publikum. Dann anhaltender Beifall.

(Barbara Thurner-Fromm)

 

 



 

 

 

 

 

 

Beide Diskutanten warnten davor, dass Narrative der Menschenverachtung zur sprachlichen Normalität werden.


Die Veranstaltung wurde zusammen mit dem Demokratiezentrum Baden-Württemberg, dem Landeskriminalamt und der Türkischen Gemeinde des Landes durchgeführt.


Prof. Dr. Dr. Michel Friedman forderte mehr Leidenschaft für das Grundgesetz als unserer grundlegenden Ordnung.


Dr. Michael Blume sieht in seinem Amt die Chance, Diskurse anzuregen.


Ist unsere Sprache wirklich radikaler geworden oder ist die Wahrnehmung heute bloß eine andere? Mit dieser Frage wurde die Diskussion eröffnet.


Der ausgebuchte Saal zeugte von einem großen Interesse an dem Thema.