„Prüfet alles, und behaltet das Gute!“

Über Jahre hinweg haben wir uns daran gewöhnt, viele Dinge für alternativlos zu halten. In der Coronakrise können wir lernen, dass das nicht stimmt. Ein Gastbeitrag von Professor Klaus Koziol

Die Welt und die Menschheit erleben während der Coronakrise ein solches Durcheinanderwirbeln von Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten, wie es das schon seit langer Zeit nicht mehr gegeben hat: Verstörung par excellence. Und genau in dieser Verstörung liegen gleichzeitig die Gefahr und die Chance: Die Gefahr deshalb, weil es durchaus möglich und wahrscheinlich ist, dass nach der verstörenden Krise der einfachst zu gehende Weg auch gegangen wird, nämlich der Weg des bisher Gekannten, also: Weiter wie bisher. Denn die Menschen sind so angelegt, dass sie Verstörung nicht lange aushalten und so schnell wie möglich wieder eine für sie akzeptable Ordnung und Handlungsklarheit suchen und ja auch meistens finden.

Oder es bietet sich eine Chance, die ohne die verstörende Krise nur schwer möglich gewesen wäre. Nämlich die Möglichkeit, eine Art Zwischenbilanz zu ziehen und sich zu fragen, was wir in der Krise gelernt haben, was wir auf jeden Fall – mutatis mutandis – in das neue Nach-Krisen-Leben mitnehmen wollen und was wir von den bisherigen Vor-Krisen-Verhaltensweisen nicht mehr brauchen. Das ist ein hoher und fordernder Anspruch. Aber eines hat die Krise doch auch in jedem Fall gezeigt: Der Bürger ist tatsächlich ein mündiger Bürger.

Verantwortungshandeln aus Einsicht

Es ist doch erstaunlich, wie ruhig und zustimmend der überwiegende Teil der Bürgerinnen und Bürger in Demokratien Einschränkungen ihres Lebens – die ja vielfach existenzielle finanzielle Folgen haben können – hinnehmen, ja oftmals auch noch verschärfen wollen. Nicht der Zwang ist das Movens, sondern die Einsicht und umfassende Information und Transparenz. Das zeitigt Verantwortungshandeln von seiner besten Seite. Und vielleicht gibt es neben der Herdenimmunität auch eine Herdenintelligenz, die auf Verantwortung gegründet ist.
Für die Nach-Krisenzeit kann das heißen: Man kann in politischen und gesellschaftlichen Prozessen den Menschen gerade in einer offenen Demokratie trauen und vertrauen, eben auch bei schwierigen und offenen Fragen. Das kann ein großes Kapital für die kommenden Entscheidungen sein.

Die Krise macht im Umkehrschluss aber auch klar: Der mündige Bürger muss sich verlassen können auf verlässliche Informationen. Das ist das A und O für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Eine offene Demokratie kann sich glücklich schätzen, wenn sie über eine unabhängige Presse und Publizistik verfügt, die einem hohen journalistischen Ethos und dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Dies zu wahren, wird eine große Aufgabe für die Nach-Krisenzeit sein.

Wir haben in den zurückliegenden Wochen überdeutlich erfahren: Die Menschheit kann nur überleben, wenn sich die Welt als eine Welt – als ein Dorf – versteht; eine Welt, in der alle und alles miteinander verbunden sind. So bedeutet Armut in der sogenannten Dritten Welt auch Armut bei uns in der entwickelten Welt. Eine Armut, die allen Menschen auf vielfältige Weise zum Problem wird. Für die Nach-Krisenzeit kann das heißen: Generell, aber gerade in der Unsicherheit und Not gewinnt, wer auf das Wir setzt, weil man mit Corona erfahren hat, dass dieses Wir trägt.

Digitalisierung hilft auch aus der Isolation

Auf das Dauerthema der letzten Jahre, die Digitalisierung, hat die Corona-Krise einen neuen Blick ermöglicht, denn: Die Digitalisierung war und ist für die Menschen in Zeiten des Kontaktverbotes ein menschendienliches Geschenk. Wenn die analoge Begegnung fehlt, kann digitale Begegnung diese Not mildern. Um den Gedanken weiter zu führen: Menschen brauchen Begegnungsorte – direkt und digital. Denn Mensch ist man nur mit Menschen. Das ist eine wesentliche Botschaft von Corona. Die Krise hat auch gezeigt, welch erfrischende Erfahrung es ist, wenn Begegnungen mit bekannten und bisher unbekannten Menschen, trotz oder gerade mit Mindestabstand, stattgefunden haben. Wir konnten lernen, alle Menschen haben ihre Geschichte, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Der Wert einer direkten Begegnung wurde einem wichtiger und bewusster.

Doch – und das ist eine wichtige Arbeit für die Nach-Krisenzeit: Wo können sich Menschen – dann auch ohne Mindestabstand – treffen, niederschwellig und konsumfrei? Wo gibt es Orte der Begegnung, Orte des Miteinander-Redens? Diese Orte müssen planvoll in allen Städten und Gemeinden geschaffen werden. Welch faszinierender Gedanke: Die Menschen können dann tatsächlich aus ihrer Isolation – die ja auch ohne Corona da ist – herauskommen! Das wäre ein wichtiger Schritt hin zum Mensch-Sein.

Und noch etwas weist uns den Weg zum Mensch-Sein: Die (erzwungene) Entschleunigung ermöglicht den anderen Blick. Für die Nach-Krisenzeit kann dies heißen: Wie kostbar wäre es, wenn die Entschleunigung nicht erzwungenermaßen stattfinden müsste, sondern wenn diese Entschleunigung für alle Menschen zur Übung würde. Mit dem Ziel, dass der Stress treibende Alltag nicht mehr zum Hamsterrad verkommt, sondern dass es dann möglich würde, bewusste Schwerpunkte für sich zu setzen und vielleicht einen Blick- und Verhaltenswechsel vorzunehmen, der hilft, zu dem- oder derjenigen zu werden, der oder die man schon immer werden wollte.
Mit solch einer Entschleunigung und der Möglichkeit zum anderen Blick kann es dem Menschen gelingen, sein eigener Taktgeber zu werden. Mit der erzwungenen Entschleunigung kann nämlich die Erkenntnis einhergehen, dass der unbarmherzige Leistungstakt nicht quasi gottgegeben ist, sondern dass er zweckgegründet ist. Und damit veränderbar, wenn sich der Zweck ändert. Ja, lässt sich der Mensch weiterhin zweckorientiert außengeleitet seinen Takt aufoktroyieren oder kann es durch die Krisenerfahrungen gelingen, sich einen anderen Takt – jetzt tatsächlich innengeleitet – zu geben? Einen eigenen Takt zu haben hieße, selbst Chef für sich zu werden – das wäre doch eine ganz andere Perspektive! Ein neuer Takt zeigt auch: Die Dinge des Lebens können eine neue Bedeutung erhalten, eine, die tatsächlich wir ihnen geben. Und was lernen wir in der Krise? Es könnte auch ganz anders gehen, die einfachen Dinge zählen: der heutige Tag, die Familie, das Lächeln, Spaziergang statt Weltreise, vielleicht der kleine Garten, auf jeden Fall die Natur, der blühende Apfelbaum.

Eine völlig neue Bewertung von Berufen

Wenn es tatsächlich gelingt, dass mit der Krise das „Alternativlos“ unseres Lebens durchbrochen werden kann, dann gilt dies auch für die mannigfachsten Bereiche des gesamten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Man braucht nicht mehr nur zu denken, es könnte auch besser, will heißen: menschendienlicher gehen, sondern die Krise zeigt: Es ist auch tatsächlich machbar.

Vielleicht der wichtigste Punkt, der in der Krise deutlich wurde und wird: Wir stellen eine grundlegende Umwertung von beruflichen Tätigkeiten fest: medizinische und pflegende Berufe, Verkäuferinnen und Müllentsorger – wer hätte gedacht, dass das die „Helden des Alltags“ sind und dass sie ein Danke oder gar einen Applaus bekommen. Und dass uns Pädagoginnen und Pädagogen einmal so schmerzlich fehlen werden. Und genau hier liegt der archimedische Punkt, wenn wir fragen, wie eine Nach-Corona-Welt menschendienlicher gestaltet werden kann. Wenn Archimedes sagt, er könne ganz allein die ganze Welt anheben, wenn er nur einen festen Punkt und einen ausreichend langen Hebel hätte, dann ist die veränderte Imagezuweisung im Zuge der Krise für die genannten und sicherlich noch weiteren Berufe genau dieser archimedische Punkt. Was wäre, wenn diese Berufe nicht nur in der Krise ganz oben auf der Bedeutungsagenda stünden, sondern die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteure sich auch nach der Krise genau an diesen Helden des Alltags orientieren würden?

Ein anderer Blick wäre möglich. Eine Wirtschaft wäre nicht mehr in der Gefahr, um ihrer selbst willen da zu sein, sondern um der Menschen willen. Eine Weltwirtschaft wäre nicht mehr in der Gefahr, nur um der Ausbeutung armer Länder willen tätig zu sein, sondern um der Menschen willen. Und dieser andere Blick könnte uns allen klar machen, wer Leben tatsächlich ermöglicht und die Gesellschaft zusammenhält. Nämlich nicht irgendwelche Finanzjongleure, sondern die Menschen, die um der Menschen willen ihre Arbeit und Berufung tun.

Zur Person Professor Dr. Klaus Koziol leitet die Hauptabteilung XII – Medien – der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Er ist Bischöflicher Beauftragter für Digitalisierung, Menschenwürde und humane Kommunikation und Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg.

 

 

Die Corona-Krise hat Menschen gezwungen, aus ihrem Alltag auszusteigen. Plötzlich hatte man Zeit zum Nachdenken.


Professor Dr. Klaus Koziol ist Beauftragter für Digitalisierung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und lehrt an der Katholischen Hochschule Freiburg.