Pathologischer Dualismus

Was ist das Problem an Verschwörungsglauben, der auch in der Corona-Krise blüht? Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus, beantwortet dazu Fragen.

Herzlich willkommen allen, die gerade zuhören (MP3-Datei zum Download) oder mitlesen! Mein Name ist Michael Blume, ich bin Religionswissenschaftler und Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. In meinen beiden ersten Amtsjahren konnte ich in Hunderten Veranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern über Antisemitismus und Rassismus sprechen, unserem Landtag einen Bericht mit Handlungsempfehlungen vorlegen und gemeinsam mit Parlament und Regierungsmitgliedern auch schon einige Maßnahmen umsetzen. Das alles ist mit dem Ausbruch der Covid19-Pandemie natürlich nicht mehr möglich.

Aber gleichzeitig hat sich leider wieder bestätigt, dass in Krisenzeiten gerade auch das Internet mit Verschwörungsvorwürfen geflutet wird. Und dass dies Menschen in Angst versetzt und zu falschen Entscheidungen verführt. So hat am 22. März 2020, der Rechtsextremist Martin Sellner ein Video hochgeladen, in dem er unter anderem die von ihm so genannte „Theorie“ vorstellt, nach der die Open-Society-Stiftung des jüdisch-amerikanischen Holocaust-Überlebenden George Soros hinter der weltweiten Coronavirus-Pandemie stecke. In einer von Sellner angesetzten Online-Umfrage hätten 42 Prozent von fünfeinhalbtausend Teilnehmenden angegeben, die Maßnahmen der deutschsprachigen Regierungen seien „planmäßig totalitär“ – also Teil dieser Weltverschwörung. Deswegen haben mein Team und ich unsere Arbeit aufs Netz umgestellt. Letzte Woche gab ich erstmals eine Rede und eine Pressekonferenz rein digital. Obwohl ich weiterhin erhebliche Kritik an den sogenannten sozialen Medien habe, habe ich meine Twitterpause unterbrochen.

Offene Diskussion über Verschwörungsfragen erwünscht

Deshalb starten wir hiermit den Podcast „Verschwörungsfragen“. (Informationen zum Podcast)Wenn Sie also eine Frage zu Verschwörungserzählungen haben, senden Sie uns diese gerne an: beauftragter-gegen-antisemitismus@stm.bwl.de. Ernsthafte Fragen wollen wir im Podcast gerne aufgreifen. Trolle können sich die Offenlegung ihrer EMail-Adressen dagegen sparen. Ich hatte im Irak keine Angst vor dem „Islamischen Staat“ und habe auch in Deutschland keine Angst vor den Verschwörungsschwurblern. Denn es ist der Hang zum Verschwörungsdenken und schließlich Verschwörungsglauben, der fast alle politischen und religiösen Extremisten dieses Planeten miteinander verbindet.  Mir ist deswegen auch aus vielfacher Erfahrung völlig klar, dass sich nur wenige bereits eingefleischte Verschwörungsgläubige noch durch Argumente erreichen lassen. Aber indem Sie sich über Psychologie und Medien des Verschwörungsdenkens informieren, werden Sie selbst immun dagegen und können auch andere Menschen noch rechtzeitig schützen. Idealerweise stärken wir die Resilienz gegen Verschwörungserzählungen auch in unserer politischen, wissenschaftlichen und medialen Kultur, wie es zum Beispiel Martha Nussbaum seit Jahren einforderte. Wir Menschen sind eben keine rein rationalen Lebewesen, sondern stark und oft vorbewusst durch Gefühle bestimmt. Außerdem darf ich Ihnen versprechen, dass die echte Geschichte der als Verschwörer Beschuldigten viel bunter und spannender ist als der immergleiche Verschwörungsmythos.

Warum sich besonders viel und alter Verschwörungshass gegen das Judentum richtet, was es mit den Illuminaten und den Identitären auf sich hat, was Ivo Sasek und den Papst unterscheidet, was jeweils Daniele Ganser und Xavier Naidoo, Thilo Sarrazin und Wolfgang Wodarg gemeinsam haben und woher der Glauben an außerirdische Reptiloide kommt – all das und noch viel mehr können Sie in kommenden Folgen von „Verschwörungsfragen“ erfahren!

Jeder Widerspruch gilt als Teil der Verschwörung

 Aber fangen wir doch zunächst mit der einfachen Grundfrage an: Was, bitte, soll denn das Problem von Verschwörungsglauben sein? Menschen glauben schließlich an jede Menge Entitäten und Prozesse, die sich nicht wissenschaftlich beweisen lassen. In den USA glauben beispielsweise die meisten Menschen an ein Leben nach dem Tod. Dies gilt auch für eine Mehrheit der Menschen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zurechnen. Warum sollte es da ein Problem sein, wenn eben auch sehr viele Menschen quer durch alle Kulturen an eine Weltverschwörung von Juden, Freimaurern, Reptiloiden, demokratischen Parteien oder Virologen glauben? Das Problem ist, dass Verschwörungsglauben die Art verändert, wie wir Menschen unsere Welt erkennen und erfahren. Durch unsere Bildungstradition lernen wir eigentlich, dass es wissenschaftlich überprüfbare Theorien gibt, die sich von Erzählungen und Mythen unterscheiden. Idealerweise geben wir all diesen ihren jeweils sinnvollen Platz in unserem Leben und unserer Gesellschaft. So gelingt es sehr vielen Menschen, wissenschaftliche Erklärungen für Geschehnisse in der Welt als wahr zu betrachten und gleichzeitig zum Beispiel juristische oder religiöse Vorstellungen zu akzeptieren.

Doch wenn Menschen ihr Vertrauen ineinander und in fair diskutierbare Konzepte verlieren, dann lösen sich auch die Unterscheidungen auf. Dann glauben Menschen zum Beispiel, dass die Wissenschaften im Dienst böser Mächte stehen, dass die Bundesrepublik juristisch gar nicht existiert oder dass Andersglaubende ihre Vernichtung planen.Damit wird es unmöglich, Wissenschaft als Wissenschaft, Religion als Religion und Recht als Recht anzuerkennen und miteinander auch kritisch-konstruktiv zu diskutieren. Wir leben dann zwar noch auf dem gleichen Planeten, aber nicht mehr in derselben, sozial-kulturellen Welt.

Wenn ich zum Beispiel dem Schweizer Sektengründer Ivo Sasek auch nur einen Moment glaube, dass der Coronavirus eine jüdisch-amerikanische Biowaffe im Rahmen einer großen Weltverschwörung um George Soros sei, um die Weltbevölkerung auf nur noch 500 Millionen Menschen zu reduzieren; dann werde ich bald keinen Medien, keinen demokratischen Politikerinnen, keinen Juristen und auch keinen Wissenschaftlerinnen mehr vertrauen können, die mir versichern, dass dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Ich würde dann sehr schnell glauben, dass all die Leute, die mir da widersprechen, selbst Teil der Weltverschwörung sind, die mich und meine Liebsten bedrohen! Und umso länger ich in diesem Verschwörungsglauben verharre, umso größer erscheint mir die Verschwörung, bis ich schließlich sogar Bekannte, Freunde und Familienmitglieder als vermeintliche Mitverschwörer wahrnehme.

Liebe nach innen - Hass nach außen

Sie merken schon: Verschwörungsdenken macht nur am Anfang Spaß - und dann Angst. Zunächst winken süße Einstiegsdrogen: Mit den Verschwörungsmythen scheint plötzlich alles erklärbar! Betroffene gehören nun scheinbar zur kleinen, tapferen Gruppe der sogenannten „Erwachten“, die das böse, kosmische Drama durchschaut haben! Schnell stellen sich die entsprechenden Gefühle ein: Maximale Liebe und gegenseitige Anerkennung nach innen; Hass und Misstrauen gegen alle Außenstehenden; es entsteht das mediale Lebensgefühl einer sich radikalisierenden Sekte. Und all das geht heute komplett online!

Freunde der Religionsgeschichte werden viele entsprechende Bewegungen unter dem Begriff der „Gnosis“ kennen. Heute sprechen wir stärker von „Esoterik“, mit dem vermeintlich unterdrücktes Wissen etwa im Bereich der Gesundheit vermarktet und verkauft wird. So haben wir auch in den deutschsprachigen Ländern viele Anhängerinnen und Anhänger der so genannten „Neuen Germanischen Medizin“, die allen Ernstes glauben, die gesamte „Schulmedizin“ werde von einer jüdischen Weltverschwörung kontrolliert – und alle Ärzte wollten uns und unsere Kinder also gar nicht schützen, sondern vergiften. Chemtrailer behaupten das gleiche von Piloten, die weltweit Gift versprühen würden. Und wieder andere werfen Technikern einen geplanten Genozid – Massen- und Völkermord - durch Handystrahlen vor. Rabbi Lord Jonathan Sacks bezeichnet in seinem großartigen Buch „Not in God’s Name“ das Welt- und Menschenbild dieses gefährlichen Verschwörungsdenkens als „pathologischen Dualismus“: Die gesamte Welt wird gespalten in die vermeintlich absolut gute Eigengruppe, eine absolut böse Superverschwörergruppe und dazwischen der vermeintlich naive Rest.

Im Zustand des pathologischen Dualismus kann keine Demokratie mehr gelingen und kein Dialog, keine ergebnisoffene Forschung und auch keine seriöse Medizin. Antisemiten und Hexengläubige – die beiden ältesten Varianten des Verschwörungsglaubens – fühlen sich daher auch dann bedroht, wenn sie überhaupt nie mit Juden oder „Hexen“ zu tun hatten. Denn sie können natürlich einfach jedem Menschen vorwerfen, heimlich jüdisch oder heimlich Hexe zu sein! Da sie sich ja selbst eingeredet haben, die Superverschwörer würden mit Lüge, Betrug und sogar Gewalt und Terror arbeiten, werden sie solche eigene Taten auch vor sich selbst als vermeintliche Notwehr rechtfertigen. Noch in seinem „Testament“ kurz vor dem Suizid beklagte Adolf Hitler, die jüdischen Weltverschwörer hätten ihm (!) den Weltkrieg aufgezwungen. 

Die einen immer schuld, die anderen immer Opfer

Aus der Sicht des Verschwörungsgläubigen sind immer, immer die vermeintlichen Verschwörer Schuld. Sie selbst übernehmen dann für ihre Taten keine Verantwortung mehr, sondern werfen sich in die Opferrolle. Man nennt diesen gefährlich enthemmenden, psychologischen Mechanismus die „Selbstviktimisierung“. Aber wie kann es nur sein, dass selbst Menschen mit Doktortiteln in solches Verschwörungsdenken abgleiten; und dann umso größere Anhängerschaften finden? Die heutige Forschung etwa von Herbert Renz-Polster bestätigt hier wesentlich Beobachtungen zur sogenannten „autoritären Persönlichkeit“, die direkt nach dem Untergang des NS-Regimes schon einmal formuliert wurden. Demnach wirkt die Erziehung, die wir als Kinder erfahren haben, bis ins hohe Alter auch auf unsere Gesinnung. Sie prägt unsere Grundstimmung, unsere Grundbeziehung, unser Vertrauen zur Welt und zu den Mitmenschen.

Wachsen wir mit vertrauensvollen Beziehungen, gut gefördert und möglichst gewaltfrei auf, so werden wir später stärker zum Glauben an eine gute, trotz aller Herausforderungen verstehbare und gestaltbare Welt neigen. Wachsen wir jedoch mit unsicheren Beziehungen, Erfahrungen der Ablehnung und autoritärer Gewalt auf, dann werden wir später leichter davon zu überzeugen sein, dass die gesamte Welt von bösen, verschwörerischen Mächten bestimmt ist. Leicht übersetzt sich dann „Dein Vater schlägt Dich ja nur, um Dich vor dem Bösen zu beschützen!“ in das Gefühl, ewiges Opfer zu sein und in die Sehnsucht nach einem starken Führer, der alle vermeintlichen Weltverschwörer vernichten soll.

Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik zeigte auf, dass sich autoritäre Persönlichkeiten bald von jeder Art von Ambiguität – von Mehrdeutigkeit und Vielfalt – bedroht fühlen.  Bei Antisemiten wie Ivo Sasek ist der Zusammenhang offenkundig: Er empfiehlt ausdrücklich das Verprügeln von Kindern, ebenso wie Rechtsextreme generell von „Härte“ und „Zucht“ schwärmen. Die Individualität und Vielfalt schon von Kindern soll mit Gewalt gebrochen werden; für Jungen und Mädchen soll es bis in die Kleidung, die Freizeit und Sprache hinein nur noch jeweils eine Schablone geben. 

Und genau so widersprüchlich und gebrochen erlebe ich sie auch: Den Reichsbürger mit Ingenieurstitel, der alles von Technik, aber nichts von seinen eigenen Gefühlen versteht. Den Antisemiten mit Doktortitel, der die gesamte Geschichte des Holocaust kennt, aber doch nur sich selbst bemitleiden kann und also alles in eine angebliche, zionistische Weltverschwörung umdeutet. Die mehrfach geschiedene Nachrichtensprecherin, die nun vermeintliche Pläne zur Zerstörung von Familien verkündet. Den deutsch-islamischen Rapper, der von einer Endschlacht um Jerusalem und einer Welt ohne Juden träumt – und sein entsprechendes Video mit einer Bücherverbrennung enden lässt. Den Geschichtslehrer aus Hessen, der in Sachsen-Anhalt vor einer aufgepeitschten Anhängerschaft über das „Ausschwitzen“ von Parteigenossen schwadroniert.

Verschwörungsglauben wirkt wie Gift

Wir müssen uns klar machen: Noch jedes neue Medium hat Verschwörungsgläubigen als ein Resonanzboden gedient, um ihren Hass auf die bestehende Ordnung auszudrücken. Mit dem Buchdruck begann ein Zeitalter der Alphabetisierung, aber auch des Hexenwahns und Antisemitismus. Mit den elektronischen Medien Radio und Film begann ein Zeitalter der Unterhaltung, aber auch des Rassismus und des Massenmordes. Und mit dem Internet begann ein Zeitalter der Wissensexplosion, aber gleichzeitig auch der Rechtsesoterik und Verschwörungsmythen. Verschwörungsglauben ist eben kein “Glauben wie jeder andere”. Verschwörungsglauben wirkt wie ein Gift, das die emotionale Entwicklung von Menschen durch Angst einfriert und sie in einem stahldunklen Weltbild als vermeintlich ewige Opfer gefangen hält. Verschwörungsgläubige vergiften sich selbst - und sie gefährden andere. Das wurde in Deutschland zuletzt in Halle deutlich, dann in Hanau. Und jetzt, während der Krise um das Virus Covid-19, bäumen sich Verschwörungsgläubige auch direkt gegen die Maßgaben von Wissenschaft und Politik auf.

Wir sollten also miteinander reden – über Wissen und Wahrheit, über Vernunft und Gefühle, über Medien und Recht. Und da ich es derzeit nicht mehr in persönlichen Veranstaltungen tun kann, lade ich Sie zum Podcast „Verschwörungsfragen“ und zum Diskutieren auf meinem Wissensblog bei Spektrum der Wissenschaft ein. Vor allem aber freuen mein Team und ich uns auf Ihre Beobachtungen und weitergehenden Fragen.

 

 

 

Dr. Michael Blume wendet sich gegen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Corona-Krise.