Noahs hochaktuelle Gebote

Kann man mit der Theologie gegen Verschwörungsmythen und Hass angehen? Ja! Denn es gibt verbindende Erzählungen. Aber sie müssen heutig interpretiert werden.

Antisemitismus in vielfältiger Ausprägung nimmt zu. Judenfeindliche  Verschwörungsmythen hatten vor allem in den so genannten sozialen Medien schon Hochkonjunktur, bevor die Corona-Pandemie noch einmal ganz neue Sumpfblüten trieb – man denke nur an den gelben Stern, den Masken- und Impfgegner völlig unhistorisch bei Demonstrationen immer wieder usurpieren. Grund genug für den Fachbereich Interreligiöser Dialog der Akademie, unter seinem Leiter Dr. Christian Ströbele gemeinsam mit dem Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, bei einer gemeinsamen Tagung der Frage „Alte Feindbilder in neuem Gewand?“ nachzugehen und nach Wegen zu suchen, wie man antisemitische Verschwörungsmythen entlarven und was man ihnen entgegensetzen kann.

Michael Blume: Das Internet nicht dem Hass überlassen

In seinem Eröffnungsvortrag verwies Dr. Michael Blume auf Erkenntnisse der Hirnforschung: „Man widerlegt Vorurteile nicht durch reine Dekonstruktion. Argumentieren allein hilft nicht. Negative Stereotypen werden im Gehirn nicht aufgelöst.“ Wer gegen Antisemitismus und ähnlich auch gegen Rassismus oder Sexismus, vorgehen wolle, benötige dafür „Gegennarrative“ – bessere Erzählungen. Es gelte, „am Mythos zu arbeiten“. Menschen greifen nach Blumes Überzeugung zu Mythen, um sich in einer unübersichtlich gewordenen und sich rasant ändernden Welt zurecht zu finden. „Was ich nicht verstehe, dem gebe ich im Mythos einen Namen.“ Deshalb gelte es weniger, einen Mythos rational zu überwinden, sondern vielmehr, andere Mythen und Erzählungen dagegen zu setzen. Denn diese greifen auf Emotionen und tiefe Überzeugungen zurück und sprechen den Menschen auf einer anderen Ebene an als z.B. die empirische Wissenschaft.

Als besonders hartnäckig und abenteuerlich beschrieb Blume den Mythos von der jüdischen Weltverschwörung. Die Zuschreibungen reichten von ‚Israel kontrolliert die Muslimbrüder‘ über die Behauptung, der moderne Staat sei eine Erfindung der Rothschilds bis hin zu der Behauptung, die Juden hätten den Weltkrieg und den Holocaust selbst zu verantworten. „Da fällt einem nichts mehr ein“, sagte Blume kopfschüttelnd, und auch mit neu erfundenen Mythen, sogenannten Neomythen, komme man dagegen nicht an.

Blume empfiehlt stattdessen, auf bereits historisch vorhandene und lang tradierte Mythen des Korans oder der Bibel, wie die Erzählung von Noah und seinen drei Söhnen, zurückzugreifen, sie in der Sprache und dem Verständnis der heutigen Zeit zu interpretieren und sie damit lebendig zu halten. „Wir müssen die Erzählform wechseln, die Vielfalt der Erzählungen zurückerobern. Wir dürfen das Internet nicht dem Hass überlassen.“ fordert Blume. Dazu biete sich an, zurückzudenken an Sem bzw. Shem, der als Sohn Noahs an den göttlichen Bund erinnert, auf den Juden, Christen und Muslime zurückgehen. In der jüdischen Tradition steht Shem in besonderer Weise für die Bedeutung von Bildung und für eine förderliche Ordnung des Zusammenlebens für die unterschiedlichsten Religionen, Kulturen oder Ethnien.

Eine siebenfache Immunisierung gegen Diskriminierung

Professor Dr. Klaus Müller, Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch der evangelischen Landeskirche in Baden, hob in seinem Vortrag die Bedeutung der „Tora für die Völker“ hervor, die sich in den sieben noachidischen Geboten manifestiere. Diese gebieten, eine Gerichtsbarkeit einzurichten, sie verbieten den Götzendienst und die Gotteslästerung, ebenso wie  Blutvergießen, Unzucht, Raub und Grausamkeit gegen die Tierwelt. Nach der äußersten Bedrohung der Juden durch den römischen Kaiser Hadrian hätten die Juden in diesen Geboten ein Angebot für alle Menschen, ob jüdisch oder nichtjüdisch, gemacht, das nicht nur ein Herzstück jüdischer Identität offenbare, sondern auch Grundstein für eine religionsumspannende Theologie des Zusammenlebens darstelle. Der Regenbogen als ihr Symbol sei ein hochaktuelles Zeichen der Vielfalt. Für Müller steckt darin die theologische Akzeptanz des Anderen. Diese „Akzeptanz in aller Differenz“ sei in höchstem Maße zukunftsweisend, ist Müller überzeugt: die Gebote formulierten eine Religion des Zusammenlebens unter Wahrung des Andersseins: „Das ist eine siebenfache Immunisierung gegen Diskriminierung“.

Der Tübinger Theologe Professor Dr. Dr. h.c. Karl Josef Kuschel griff Müllers Vorlage auf und beschrieb die noachidischen Gebote als Grundlage für die Menschenrechte. Der Gottesbund mit Noah erstrecke sich auf die gesamte Schöpfung. Die Völker der Erde stammten von Noahs Söhnen ab; alle Völker seien damit verwandt und insofern gleich – eine Völkerfamilie, die trotz Unterschieden in Sprache und Kultur allesamt BewohnerInnen einer Erde seien. Sie seien eins wie die Welt und die Schöpfung und fern jeden rassistischen Überlegenheitsgefühls. Kuschel sieht in den sieben Geboten des jüdischen Volkes denn auch „einen spezifischen Beitrag zum Menschheitsethos“, der auch das Völkerrecht aus religiöser Perspektive stützen könne. Kuschel sieht darin auch die Wegweisung für eine Friedenspädagogik. Während die noachidischen Gebote einerseits den Anderen nicht vereinnahmten, sprächen sie gleichzeitig  auch nicht jüdischen Menschen Heil zu. Kuschels Fazit: „Wir müssen die Strukturelemente in den Narrativen nach dem Noah-Prinzip neu erkennen: Sintfluten und Katastrophen sind die Konstanten und der Regenbogen das Symbol für die Rettung“. Literatur sei dazu ein hervorragendes Medium, etwa mit der Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“: „alle Religionen können Wahrheit bezeugen in ihrer je eigenen Art.“

Gemeinschaft der Glaubensgemeinschaften neu erkennen

Professor Dr. Amir Dziri von der Universität Fribourg ging der Frage nach, inwiefern das Phänomen des muslimischen Antisemitismus theologisch verankert sei und fragte: „Ist ein von Muslimen betriebener Antisemitismus eine zwingende Konsequenz islamischer Religiosität?“ Er untersuchte ein Werk des ägyptischen Gelehrten Muḥammad Sayyid aṭ-Ṭanṭāwī (1928-2010), das eines der wirkmächtigsten Werke antisemitischer Haltung aus der Feder eines muslimischen Autors der letzten Jahrzehnte sei. aṭ-Ṭanṭāwī war von 1986 bis 1996 äygptischer Großmufti und von 1996 bis 2010 Scheich der al-Azhar, der wichtigsten internationalen Lehrinstitution des sunnitischen Islam. Problematisch für jüdisch-muslimische Beziehungen seien hier gerade Vorannahmen, die als muslimische Position präsentiert werden, jedoch nicht zwingend der islamisch-normativen Tradition entsprechen. Sein Fazit: „Die Adressierung von Juden aus muslimischer Perspektive ist keine notwendig polemische und abschätzige“. Vielmehr plädiert er dafür, die familiäre Nähe von JüdInnen und MuslimInnen als Abkömmlinge Abrahams als „Gemeinschaft von Glaubensgemeinschaften“ neu zu entdecken.

Professor Dr. Frederek Musall von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg forderte in seinem Vortrag, Narrative nicht nur neu zu denken, sondern ihnen überhaupt erst einen Raum der Aussprache zuzuerkennen. Im Hinblick auf die deutsche Geschichte gehe es aber auch darum, „grundsätzlich Neues zu artikulieren und die Erinnerungskultur neu zu denken“. Es gebe nicht die eine jüdisch-theologische Position nach der Shoa, sondern eine Vielstimmigkeit. Musall konstatiert ständig neue Ungewissheiten und Komplexitäten, zu denen man sich verhalten müsse, obwohl man das Gefühl habe, nicht wirklich hinterher zu kommen.Die Vielfalt jüdischer Narrative werde zumeist verkürzt auf die drei Begriffe: Antisemitismus – Shoa – Israel. Dagegen wehrt sich Musall vehement: „Neue jüdische Sichtbarkeiten sind nötig“, fordert er und beschreibt die Ambivalenzen an zwei Beispielen: Emil Fackenheim (1916 – 2003), einem der wichtigsten Denker der Post-Shoa, und Meir Kahane, einem orthodoxen Rabbiner, der wegen seines Rassismus aus der Knesset ausgeschlossen wurde. Während Fackenheims Botschaft auf ein universales Engagement ziele, aber auch in dem moralischen Imperativ „Jude überlebe“ gipfelte, wählte Kahane einen radikal partikularen zionistischen Weg: Den Stolz sollten die Juden zurück gewinnen, egal letztlich, um welchen Preis und egal, was die anderen darüber denken. Musall plädierte dafür, eine solche Position nicht einfach abzutun, sondern auch anzuerkennen, in welchen Momenten bei jemand wie Kahane authentische Motive aufscheinen, die zumindest nachdenklich machen können. Freilich sei klar: „Es geht nicht um Rache und Vergeltung. Sondern es geht um die Arbeit an einem Narrativ, das in die Zukunft führt.“ Dafür sei eine universalistische Perspektive nötig. Das freilich sei ein schwieriges Unterfangen, denn es bedeute, folgt man Fackenheim, in letzter Konsequenz: „Wir müssen auch für eine Welt einstehen, die uns hasst.“ 

Studie belegt vielfachen Antisemitismus an deutschen Schulen

Wie viel Diskriminierung, Vorurteile und Hass jüdische Menschen im Alltag zu spüren bekommen, machte Professorin Dr. Julia Bernstein eindrücklich klar. Mit dem Gedankengang: „Wie fühlt man sich, wenn…“ zeigte sie Beispiele der unterschiedlichsten Benachteiligungen, Gemeinheiten, Feigheiten und Formen von Alltagsmobbing, die sie in einer Studie zu Antisemitismus an deutschen Schulen zusammengetragen hat. Aus zahlreichen Interviews an 171 Schulen ergaben sich erschreckende Zahlen: 80 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland fühlen sich bedroht, 70 Prozent der Befragten haben schon Anfeindungen erlebt. Die 2017 von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie hat erstmals Betroffene zu Wort kommen lassen. Für Bernstein ergab sich ein verstörender Befund aus der unterschiedlichen Wahrnehmung von jüdischen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrern und Lehrerinnen: „Man hatte das Gefühl, man redet von unterschiedlichen Welten. Die Schule ist ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft“. Sie wünsche sich mehr Selbstreflexion über das eigene Verhalten und: „Es ist wichtig, emotionale Beziehungsarbeit zu leisten“.

Wie unverkrampft diese Beziehungsarbeit vonstatten gehen kann, demonstrierten zum Abschluss der Tagung Ruth Bostedt  und Hanna Veiler. Die beiden Studentinnen, die sich in jüdischen Hochschulgruppen engagieren, gaben einen Einblick in das heutige jüdische Leben. Sie berichteten über Projekte wie „Meet a Jew“, die ins Leben gerufen wurden, damit nichtjüdische junge Menschen mit Jugendlichen jüdischen Glaubens auf Augenhöhe ins Gespräch kommen können. Sie berichteten von „Schalom Aleikum“, einem jüdisch-muslimischen Dialog, der gestartet wurde, um sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede auszutauschen, etwa über das Leben als Minderheit in Deutschland. Sie schilderten die Jugendarbeit, die in den insgesamt zehn jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg geleistet wird, erzählten vom Programm „Achtzehnplus“, in dem die Vielfalt der jungen Community sichtbar werde und berichteten von „Keshet“, einer jüdischen LGBTQ+ Community. „Warum stehen wir hier?“ fragten sie am Ende und resümierten: „Weil wir keine Lust mehr haben, auf Antisemitismus, Shoah und Nahostkonflikt reduziert zu werden, weil es jüdisches Leben nächstes Jahr seit 1700 Jahren in Deutschland gibt und es ein unglaubliches Potential gibt.“

Über Videos von der Veranstaltung können die Vorträge und Diskussionen nachvollzogen werden. Geplant ist außerdem eine anschließende Online-Verantaltung mit den Mitwirkenden.

(Barbara Thurner-Fromm und Franziska Schmid)

Dr. Christian Ströbele leitete die Tagung, die unter strengen Hygienebedingungen in Hohenheim stattfand.


Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, forderte, das Internet dürfe nicht dem Hass überlassen werden.


Prof. Frederek Musall fordert "neue jüdische Sichtbarkeiten" jenseits von Antisemitismus, Shoa und Israel.


Weil Corona-bedingt nur wenige Gäste in Hohenheim dabei sein konnten, wird die Tagung per Video ins Internet übertragen.


Prof. Klaus Müller sieht in den noachidischen Geboten eine religionsumspannende Theologie des Zusammenlebens.


Ruth Bostedt (rechts) und Hanna Veiler schilderten, wie bunt jüdisches Leben in Deutschland ist.


Professorin Dr. Julia Bensteins Studie belegt vielfachen Antisemitismus an deutschen Schulen.


Prof. Amir Dziri plädiert dafür, die familiäre Nähe von JüdInnen und MuslimInnen als Abkömmlinge Abrahams neu zu entdecken.


Prof. Karl Josef Kuschel sieht in den sieben Geboten des jüdischen Volkes einen Beitrag zum Menschheitsethos.