Nichts ist, wie es scheint

Eine öffentliche Podiumsdiskussion im Rahmen einer Tagung im Tagungshaus Weingarten hat die Hintergründe von Verschwörungstheorien erhellt – und erklärt, warum sie nicht aussterben.

Wenn man will, kann man überall Verschwörungen und dunkle Machenschaften am Werk sehen – und nichts scheint ja absurd genug zu sein, um nicht geglaubt zu werden. Etwa die „Austausch“-Theorie, wonach die Politik der Bundeskanzlerin durch die Ehe für alle und die Flüchtlingspolitik darauf abziele, die deutsche Bevölkerung auszutauschen und Deutschland zum islamischen Staat zu machen. Doch ist das eine aktuelle Erscheinung oder gab es solche Verschwörungstheorien immer schon? Und was können wir für die Bewertung heutiger Verschwörungstheorien aus der Geschichte lernen? Bei einer interessanten Podiumsdiskussion im Tagungshaus Weingarten, die vom Akademie-Fachbereichsleiter Geschichte, Johannes Kuber, moderiert wurde, ging man dieser Frage nach.

Verschwörungstheorien hat es immer schon gegeben

Der Tübinger Amerikanistik-Professor Michael Butter, der in seinem kürzlich erschienenen Buch „Nichts ist, wie es scheint“ einen Überblick über das Phänomen des Verschwörungsdenkens gibt, beschrieb Verschwörungstheorien über drei Kriterien: Es gilt die Annahme, dass alles, was geschehe, von Menschen geplant werde. Nichts ist so, wie es scheint. Und alles ist miteinander verbunden. Butter stellte klar, dass nicht alle Verschwörungstheorien gefährlich seien, wohl aber seien alle problematisch. Der Wissenschaftler geht auch nicht davon aus, dass es heute mehr Verschwörungstheorien gebe als früher; sie seien aktuell auch eher weniger einflussreich als früher. Sie fänden aber in einer aufgeregteren Atmosphäre statt.

Der Regensburger Politikwissenschaftler und Grünen-Politiker Stefan Christoph zweifelte daran, dass sich die Entscheidung gefährlich oder harmlos immer trennscharf bestimmen lasse. „Reichsbürger“ etwa nähmen zunehmend Raum ein und einige seien zweifellos gefährlich, wie der Mord an einem Polizisten in Bayern zeige. Auch das Leugnen des Klimawandels – wie es etwa US-Präsident Donald Trump tut, sei hochproblematisch, weil er einer faktenbasierten Politik überhaupt nicht mehr zugänglich sei.

Jan Rathje aus Berlin sieht auf jeden Fall einen steigenden Bedarf vieler Menschen, mehr über Verschwörungstheorien zu erfahren. Der Politikwissenschaftler leitet bei der Amadeu Antonio-Stiftung das Projekt „No world order. Handeln gegen Verschwörungsideologen“ und berät dazu auch in Schulen. Initiiert wurde dieses Projekt bereits 2015, weil bei den so genannten Montags-Mahnwachen in den sozialen Medien Verschwörungstheorien etwa zum 11. September 2001 kursierten.

Alte Versatzstücke, die neu zusammengesetzt werden

Die Historikerin Dr. Ute Caumanns aus Düsseldorf verwies auf den Mitteilungsdrang von Menschen, die an Verschwörungen glauben. Sie seien überzeugt davon, dass sie der Welt Wichtiges zu erklären haben. Dafür bedienten sie sich gerne an Versatzstücken aus der Vergangenheit. Als Beispiel dafür nannte Caumanns die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“, die vordergründig wenig hergäben, aber an vielen Stellen textlich so offen seien, dass sie Raum für unterschiedlichste Deutungen ließen. Caumanns sprach von „Verstückelungen“, Versatzstücken, die seit mehr als 100 Jahren immer wieder hochkommen. Jan Rathje bekräftigte das: „Die wenigsten lesen heute diese Texte noch, aber einzelne Momente, Anklänge an die Moderne – das vermischt sich bei jungen Leuten mit Kritik an der Gesellschaft“. Und dann heiße es: Man kritisiere nur den großen Satan Israel, das habe mit Antisemitismus nichts zu tun.

Stefan Christoph verwies darauf, dass Verschwörungstheorien und Populismus eine Gemeinsamkeit haben: die Vereinfachung. Damit könnten sie von oben herunter eingesetzt werden, seien zugleich aber auch interessant für die Subkultur. „Sie sind attraktiv für Verlierer und relative Verlierer“:

Michael Butter verwies auf eine Studie, wonach weiße Männer jenseits der 40 Jahre und mit einem technischen Beruf – etwa Ingenieur - besonders anfällig für Verschwörungsgedanken seien. Es seien wohl strukturell konservative Männer, die ihre Männlichkeit in Gefahr sehen durch die Relativierung der traditionellen männlichen Versorgerrolle. Dieser Lebensentwurf verliere an Bedeutung; zugleich seien Menschen mit eher mechanistischem Berufen daran gewöhnt, Probleme nach klaren Regeln zu lösen. Doch die Welt sei bunter und vielfältiger geworden; diese Bandbreite auszuhalten falle häufig schwer.

Ute Caumanns war gleichwohl wichtig, bei dem Thema nicht so zu tun, als ob es nur Verschwörungstheorien gebe: „Es gibt auch Verschwörungen“. Und es sei auch normal, dass man den Dingen auf den Grund gehen wolle. Oft gelinge dies nicht, weil etwa Archivdokumente, die Aufschluss geben könnten, lange Zeit unter Verschluss bleiben. „Als Zeitgenosse kann man vieles nicht gleich erkennen, entscheidend ist, ob man auch korrekturfähig bleibt.“ Für Jan Rathje ist deshalb als pragmatischer Ansatz nicht nur wichtig, dass es bei öffentlichen Behauptungen etwa in Talk-Shows Kontrollinstrumente wie den Faktencheck gebe. Man müsse bei offensichtlich falschen und menschenfeindlichen Äußerungen auch klaren Widerspruch formulieren und jungen Menschen klarmachen, dass es in unserer Gesellschaft auch Widersprüche gibt, die nicht umgehend aufgelöst werden könnten. Mit Ute Caumanns einig war er sich zudem in der Einschätzung, dass es wichtig ist, politische Gegner nicht zu Feinden werden zu lassen, um gesprächsfähig zu bleiben.

(Barbara Thurner-Fromm)

 

Dokumentation

Tagungsbericht in der Schwäbischen Zeitung

Bericht im Deutschlandfunk als Script

Bericht im Deutschlandfunk als Audio-Datei

Podiumsdiskussion auf dem Akademiekanal

Johannes Kuber diskutierte im Tagungshaus Weingarten mit Professor Michael Butter und Stefan Christoph ( von rechts).


Auf dem Podium saßen auch die Historikerin Dr. Ute Caumanns und Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung.