Waffen statt Dialog

Die Akademie hatte mit dem Men-Preis die Verständigung mit Russland gefördert. Seit Putins Angriff auf die Ukraine herrscht Sprachlosigkeit, so Abraham Kustermann und Rainer Öhlschläger.



Von Miriam Hesse

Aleksandr Men sei „ein Mensch des Dialogs“ gewesen, „des offenen, auf Verstehen ausgerichteten Gesprächs unterschiedlicher Menschen, Gesellschaften, Religionen und Institutionen“ - so beschreibt Abraham Kustermann, ehemaliger Direktor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, den russischen Theologen, dem die Akademie ab dem Jahr 1995 einen eigenen Preis verlieh. Der Men-Preis ging an Personen, „die sich um die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland im Interesse des friedlichen und humanen Aufbaus des Europäischen Hauses verdient gemacht haben“.

Zerstörung der Zivilgesellschaft

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, den damit verbundenen Kriegsverbrechen und der zugleich von Präsident Putin vorangetriebenen Zerstörung der Zivilgesellschaft in Russland scheinen alle Bemühungen um eine Verständigung zunichte gemacht. Ludmilla Ulitzkaja, die Men-Preisträgerin von 2008, zeichne in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine düstere Perspektive für ihr Heimatland, sagt Kustermann. Es gebe in Russland keine Kraft, die Putin stoppt. Denn: Das Denken müsse sich ändern.

Es tue ihm leid für alle Partner und Freunde, die man über Jahrzehnte gewonnen habe, dürften sich heute in ihrer Heimat nicht frei äußern, sagt Rainer Öhlschläger, früherer Vorsitzender von Pax Christi und ehemaliger Leiter des Tagungshauses der Akademie in Weingarten. Er habe vorsichtig versucht, Kontakt aufzunehmen: „Es ist einfach traurig zu sehen, wie Sätze zurückkommen in der Verschlüsselung der Sowjet-Zeit.“

„Die Fratze der Religion“

Erschütternd sei auch die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche, ergänzt Kustermann: „Hier zeigt sich mal wieder die Fratze der Religion.“ So rechtfertigte etwa der Moskauer Patriarch Kirill die Gewalt im Donbass damit, dass „die Gläubigen vor Homosexualität geschützt“ werden müssten. Die Versuche der Kontaktaufnahme zur russisch-orthodoxen Kirche in Russland hätten sich immer schwierig gestaltet, erinnert sich Öhlschläger: „Der einzig substanzielle Kontakt, der entstand, war der zu Aleksandr Men.“ Er sei als Intellektueller bereit gewesen, sich mit westlicher Theologie, Philosophie und Kultur zu beschäftigen.