Mary McAleese – eine Brückenbauerin

Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen und die Akademie würdigen die ehemalige Präsidentin Irlands für ihr Engagement für Frauen und die moralische Erneuerung der Kirche.

Die frühere Präsidentin der Republik Irland, Professor Mary McAleese, hat dieses Jahr den „Alfons Auer Ethik-Preis“ der Akademie und Universität Tübingen erhalten. Damit würdigen Universität und Akademie ihr Engagement als Christin und Wissenschaftlerin bei der Umsetzung ethischer Werte in der politischen Praxis. Der Preis ist mit 25000 Euro dotiert und wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich durch ethisches Engagement im religiösen, wissenschaftlichen und/oder gesellschaftlichen Bereich auszeichnen. Er wurde 2015 vom Unternehmer Siegfried Weishaupt zum Gedenken an den Moraltheologen Alfons Auer gestiftet.

Mary McAleese habe sich besonders am Schnittpunkt von Ethik und Politik engagiert und Impulse zur moralischen Erneuerung in der Katholischen Kirche gesetzt, so die Begründung des Kuratoriums. Nach ihren Möglichkeiten arbeite sie daran, das Evangelium in den Konflikten der Gegenwart als eine Botschaft der Nicht-Diskriminierung, der Versöhnung und des Friedens zu entfalten. Der öffentliche Festakt zur Übergabe fand am 30. Oktober 2019 im Hörsaal des Theologciums statt. Die Laudatio hielt Professorin Hille Haker von der Loyola University Chicago (USA).

Im Bürgerkrieg aufgewachsen

Mary McAleese wurde 1951 im nordirischen Belfast geboren. Aufgewachsen mit einem Bürgerkrieg „vor der Haustür“ wurden Friedensbildung, Demokratisierung und Versöhnung zu ihren Lebensthemen. Sie studierte Jura an der Queen’s University Belfast und wurde 1975 Professorin für Criminal Law, Criminology and Penology am Trinity College Dublin. Ab 1987 war sie Professorin an der Queen’s University, wo sie 1994 als erste Frau das Amt der Prorektorin übernahm.

Von 1997 bis 2011 amtierte Mary McAleese als 8. Präsidentin der Republik Irland. Danach studierte sie Katholisches Kirchenrecht an der Gregoriana in Rom und ist nach einer Promotion im Fach Kirchenrecht seit 2018 „Professor of Children, Law and Religion“ an der University of Glasgow, Scotland. Als Präsidentin verstand sie sich stets als Brückenbauerin: zwischen Nord- und Südirland, zwischen Gewinnern und Verlierern des wirtschaftlichen Aufschwungs und zwischen allen Teilen der Gesellschaft, in denen sich Spannungen und Brüche auftun. In ihrer Amtszeit wurden der „Employment Equality Act“ (1998) und der „Equal Status Act“ (2000) eingeführt, welche Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verbieten. Heute gehört sie dem Council of Women World Leaders an, ein Netzwerk aus Premierministerinnen und Präsidentinnen, das sich für Frauenrechte einsetzt.

Mit diesen Themen engagiert sie sich auch für Reformen in der Katholischen Kirche. Sie thematisiert Kinderrechte und die Diskriminierung von Frauen, fordert eine Anerkennung von LBGT-Lebensweisen und kritisiert den strukturellen Klerikalismus der Kirche. In den letzten Jahren tritt McAleese immer stärker für Veränderungen in der Bewertung der Sexualmoral ein: für die Korrektur der Enzyklika Humanae Vitae, für Veränderungen in der Bewertung von Homosexualität und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen. Diese Themen verbinden sie mit Alfons Auer, der Mitglied der päpstlichen Kommission zur Empfängnisregelung war. Er arbeitete dort an dem breit unterstützten Mehrheitsvotum mit, dem sich der Papst bekanntlich nicht anschloss. Damals setzte sich eine kleine Minderheit mit Hilfe der päpstlichen Autorität durch. Alfons Auer hat sich später die Frage gestellt: Ist die Kirche heute noch „ethisch bewohnbar“?

Der Alfons Auer Ethik-Preis

Der Alfons Auer Ethik-Preis wurde 2015 erstmals von der Katholisch-Theologischen Fakultät und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart an den kanadischen Sozialphilosophen Professor Charles Taylor vergeben, 2017 an den Menschenrechtler Heiner Bielefeldt. Die Auszeichnung ist dem Tübinger Theologen Alfons Auer gewidmet (1915–2005), der Gründungsdirektor der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart (1951–1953) war, bevor er 1955 auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Universität Würzburg berufen wurde. Von 1966 bis zu seiner Emeritierung 1981 war er Ordinarius für Moraltheologie an der Universität Tübingen. Auer gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Moraltheologen des 20. Jahrhunderts, der sich um einen Dialog von Kirche und Welt im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils bemühte. Kennzeichnend für seinen ethischen Ansatz war die zentrale Stellung der menschlichen Vernunft in Fragen der christlichen Sittenlehre, die er in einer positiven Sicht von Mensch und Schöpfung verankerte.

Den gleichnamigen Preis stiftete der Unternehmer Siegfried Weishaupt zu Auers 100. Geburtstag. Weishaupt ist geschäftsführender Gesellschafter der Max Weishaupt GmbH. Das weltweit tätige Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern und Hauptsitz im schwäbischen Schwendi wurde von seinem Vater Max Weishaupt, Ehrensenator der Universität Tübingen, gegründet. Seit mehr als 50 Jahren ist Weishaupt zudem leidenschaftlicher Kunstsammler, die „Sammlung Siegfried und Jutta Weishaupt“ ist seit 2007 in der Kunsthalle Weishaupt in Ulm zu sehen.

(Antje Karbe, Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen)

Mehr über den Preis und die bisherigen Preisträger

 

 

Prof. Michael Schüßler und Mary McAleese bei der Preisverleihung.


Mary McAleese bei ihrer Dankesrede in Tübingen.


Mary McAleese hört der Laudatio zu.