Liturgische Erfahrungen im Netz

Über liturgischer Ausdrucksformen im Netz haben sich WissenschaftlerInnen und kirchliche MitarbeiterInnen ausgetauscht: Dabei wurde deutlich, dass die digitale Kommunikation noch in den Kinderschuhen steckt.

Das Internet prägt für viele Menschen – bei den jüngeren sind es alle – den Alltag bis in den letzten Winkel. Davon bleibt die Kirche nicht unberührt. Weihbischof Dr. Gerhard Schneider beschrieb bei einer Tagung unter dem Titel „Online zu Gott“ im Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim etwa ein Traugespräch, bei dem das Paar, geprägt durch YouTube-Videos, eigene personelle Erfahrungen machen will, die sich mit denen des Internets decken. Nun gelte es, beides zusammen zu bringen.

Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn, der Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte der Philosophie und Theologische Propädeutik an der Theologischen Fakultät Paderborn erinnerte in seinem Eröffnungsvortrag an Walter Benjamin, der 1935 fürchtete, dass das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit Echtheit und Aura verliere. Auch die Kirche stand schon zweimal vor einer ähnlichen Frage, als es darum ging, christliche Liturgie im Rundfunk und später im Fernsehen zu übertragen. „Die Bedenken waren unberechtigt“, bilanzierte Irlenborn.

Das Christentum – eine mediale Religion

Seit dem Beginn des digitalen Umbruchs vor etwa 30 Jahren löste sich die zweigeteilte Welt – hier Realität, dort virtuelle Welt – immer mehr auf. Neu sei, dass die digitale Onlinewelt in die Offline-Welt eindringe und immer mehr mit ihr verschmelze. „Es gibt eine Wirklichkeit, die real und virtuell ist, ein Reality-Virtuality-Continuum“. Dieser Umbruch habe vielerlei Folgen für den christlichen Glauben. Nach Ansicht von Irlenborn trifft er auf eine „mediale Religion“, denn Christus sei das Medium, die Immanenz mit der Transzendenz verbindet. Christus sei Medium und Botschaft zugleich, der christliche Glauben also per se medienaffin. Allerdings unterscheidet er zwischen „religion online“, bei dem eine hierarchische Institution die neuen Medien nur als Werkzeuge benutzt und „online religion“, eine Art religiöse Graswurzelbewegung, die Partizipation gegen Autorität setzt. Letztere sei die Zukunft.

Allerdings, so Irlenborn, gebe es auch Problemanzeigen. So gehe es um die Frage der Legitimität von liturgischen Online-Erfahrungen. Bedeutend ist demnach nur die Bedeutung für den jeweiligen Rezipienten. Wenn der User über Avatar „teilnehmen will“, nimmt er dann auch teil? Und wie sieht es mit den Sakramenten aus? Gibt es virtuell die Kommunion? Das Lehramt lehnt dies ab. Dagegen gibt es aber eine kritische Öffentlichkeit und das Argument: „Ein Avatar kann Brot und Wein über Avatar empfangen, weil es der inneren Logik des Mediums folgt“. Es bleibe schließlich ein Gnadenakt Gottes, der nicht an Raum und Zeit gebunden sei, denn was in der Feier gesagt werde, gelte auch für jene, die es über Medien verfolgen. Schließlich, so erläuterte Irlenborn, gehe es um Präsenz und Kopräsenz. Irlenborn unterscheidet dabei Körperlichkeit und Leiblichkeit. Leiblichkeit setze Körperlichkeit voraus, leiblich präsent zu sein bedeute aber nicht unbedingt auch körperlich präsent zu sein. Sein Fazit: die Digitale Technologie sei „eine Chance für liturgische Feierformen im Sinne der Transformation des Glaubens“.

Professor Dr. Stefan Böntert vom Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Ruhr-Universität Bochum beschäftigte sich mit der Frage, ob das Internet einen Raum der Liturgie darstelle. Er konstatierte eine Pluralisierung der theologischen Interpretationen der kirchlichen Feiern und Inszenierungen. Dabei divergierten mediale Rezeptionen und theologische Deutungen. Die katholische Kirche etwa halte die Deutung ihrer Vollzüge nicht mehr in den eigenen Händen. Vielmehr gebe es plurale Riten im Netz: Friedhöfe, Meditationen, Cyber-Wallfahrten und anderes – es gebe einen Marktplatz, auf dem neue Spielräume entstehen und die Kirchen kein Monopol mehr haben. Vielmehr schafften digitale Medien Nähe und Verbindung, man könne sich in virtuellen Kathedralen oder im virtuellen Heiligen Land bewegen.

Dialogische Formate statt klassischer Verkündigung

Junior Professor Wolfgang Beck von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen gab Einblicke in das pastoral-theologische Verhältnis von Kirche und Medien: Im Netz werde gebetet, es auf sakramentale Formen zu reduzieren, wäre eine Deformation der Praxis. Social Media sei als Phänomen der Kommunikation in der Welt und damit auch eine digitale Partizipationsofferte. Es habe einen Demokratisierungseffekt, denn das Netz sei ein Desiderat breiter Beteiligung kirchlicher Akteurinnen und Akteure, nicht nur der Bischöfe. Erwartet würden dialogische Formate statt klassischer Verkündungsformate. Als Ansätze für eine „Digitalekklesiogenese“ nannte Beck die Kombination von Örtlichkeit und Virtualität, die bisherige Grenzen sprenge. Verfestigte gemeindliche Sozialformen würden destabilisiert. Es gebe Kombinationsformen für neue Communio-Konzepte mit „szenischer Weite“: Gemeinschaft als offenes Gewebe von Beziehungen. Religiöse Praxis im digitalen Kontext finde statt und sei real.

Über mediale Kommunikation als Auftrag für die Kirche sprach zum Auftakt des zweiten Tages Dr. Gebhard Fürst, der in der Deutschen Bischofskonferenz als Medienbischof fungiert. Er verwies auf Papst Franziskus, der in Evangelii Gaudium die „Einsenkung des Evangeliums“ gefordert habe. Dafür brauche es die Gesellschaft und die Medien. Das Netz gehöre zum Alltag der Menschen, deshalb müsse sich die Kirche um Präsenz im Netz bemühen. Dies funktioniere nicht wie eine Predigt top-down, sondern sei ein ekklesiologisches Lernfeld. Die Journalistin und Publizistin Dr. Ursula Weidenfeld beschäftigte die Frage, was die Menschen zusammenhält: „Wie groß ist das Wir?“ fragte sie angesichts der Tatsache, dass gemeinsame Unterhaltungen weniger werden, weil sie sich auseinander dividierten durch Alter oder Bildungshintergrund. „Wo sind die wärmenden Lagerfeuer, um die herum sich die Gesellschaft versammelt?“ fragte Weidenfeld. Austausch finde heute nicht mehr über die Institutionen statt, sondern über Menschen. Doch was passiere mit Regionen, in denen Zeitungen als gemeinsame Informationen verschwinden, in denen kein gemeinsamer Austausch organisiert werde? Was passiert da mit meiner Stimme? Erste Untersuchungen aus solchen Regionen in den USA und Canada zeichnen ein düsteres Bild: die politische Partizipation nimmt ab, der Extremismus wächst, die Menschen wählen radikaler, die örtlichen Hierarchen machen, was sie wollen. Die Kirche als traditionelle gesellschaftliche Vorfeldorganisation dürfe sich deshalb den neuen Möglichkeiten des Netzes nicht entziehen.

Die Kirche – Menschenfischer, aber mit Luft nach oben

Sie sei derzeit „ein Menschenfischer im Netz, aber mit viel Luft nach oben“, sagte Weidenfeld bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Die Medienunternehmerin Ariadne Klingbeil, die auch die Bischofskonferenz berät, beklagte, die Kirche habe noch erhebliche Wissensdefizite bei diesem Thema. Alexander von Schönburg, BILD-Redakteur, warnte allerdings davor, dass sich die Kirche zu sehr dem Mainstream anpasse; dies sei die falsche Medienstrategie. „Mut zum Anderssein ist nötig“ forderte er. Mehr Mut und mehr kirchlichen Zuspruch wünschte sich auch Pfarrer Christian Olding, der sehr erfolgreich im Netz mit neuen Formaten und auf einem eigenen YouTube-Kanal unterwegs ist und als Pop-Kaplan Massen in die Kirche anzieht. Er vermisst ideelle und finanzielle Unterstützung für sein Engagement im Netz. Die Tagung machte ein Feld von Möglichkeiten und neuen Lernfeldern auf und ist erst der Anfang einer neuen Ära von Kirche im Netz, weil Kirche bereit sein muss, sich selbst davon verändern zu lassen – wieweit, das ist die große Frage.

(Barbara Thurner-Fromm)

Weihbischof Dr. Gerhard Schneider sieht im Internet Herausforderung und Chance für die Kirche.


Diskutierten über die Kirche im Netz (von links nach rechts): Katrin Müller-Walde (Moderatorin),Bischof Dr. Gebhard Fürst, Dr. Ursula Weidenfeld, Pfarrer Christian Olding, Ariadne Klingbeil und Alexander Graf von Schönburg-Glauchau.


Pfarrer Christian Olding hat einen eigenen YouTube-Kanal.


Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn (links) hielt den Eröffnungsvortrag. Neben ihm Akademiedirektorin Dr. Verena Wodtke-Werner und Weihbischof Dr. Gerhard Schneider.