Literaturreihe „Es geht immer um alles!“

Dr. Michael Krämer und die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff haben über ihren neuesten Roman „Das Pfingstwunder“ gesprochen - und enthusiastisch Dantes „Göttliche Komödie“ gepriesen.

Dr. Michael Krämer und die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff haben über ihren neuesten Roman „Das Pfingstwunder“ gesprochen - und enthusiastisch Dantes „Göttliche Komödie“ gepriesen.

Warum stellt eine zeitgenössische Autorin Dante Alighieri in den Mittelpunkt ihres Gegenwartsromans?  „Weil die Sprache Dantes so wunderschön ist, dass sie einen auch nach 700 Jahren noch ergreift“, sagt Sibylle Lewitscharoff im vollbesetzten Saal des Tagungszentrums der Akademie in Hohenheim. Zweifelsohne sei für sie „La Commedia“ eine der größten Dichtungen der Menschheit – und bis heute sehr aktuell. So habe beispielsweise Primo Levi in Auschwitz die Erinnerung an Dantes drastische Beschreibung  der Hölle in wunderschöner Sprache als eine Art Überlebenshilfe empfunden. Auch gebe es verschiedene Berichte aus Kriegsgefangenenlagern, in denen regelmäßige Dante-Rezitationen stattgefunden hätten. Nie sei Dantes Sprache als Propagandasprache zu gebrauchen gewesen.

Nicht minder wesentlich sei auch, dass wir bis heute die gleichen Taten –  etwa Betrug, Totschlag und  Falschheit - als Sünde empfänden wie schon Dante.
Bis heute fasziniere an der „Commedia“ – so Lewitscharoff und Krämer – die  einsetzende Selbsterkenntnis des Autors. Hatte er sich über weite Strecken in seine „Hölle“ eingemischt und Sünder verstoßen, als handele er im Auftrag Gottes, erkennt er schließlich eigene Fehler und entwickelt für drei „edle Sünder“ Respekt und Mitgefühl, da sie die Größe besitzen, alles auf sich zu nehmen.     

In einer lebhaften Abfolge aus Lesung und Gespräch breitete Lewitscharoff  den Kosmos ihres aktuellen Romans „Das Pfingstwunder“ aus:  Renommierte Dante-Gelehrte aus aller Herren Länder tagen in Rom zur „Göttliche Komödie“. Einer der eifrig Debattierenden ist Gottlieb Elsheimer, Frankfurter Romanist und knochenharter Realist. Bei aller Begeisterung für den Forschungsgegenstand scheint ihm das zunehmend glückselige, geradezu unwissenschaftliche Verhalten seiner 33 Kollegen immer seltsamer. Als sie am Ende, mit dem Einläuten des Pfingstfestes, allesamt in den Himmel fliegen, bleibt er als Einziger übrig. Nur an ihm – dem sachlichen und zunehmend verzweifelten Chronisten – ist das Wunder  vorbeigegangen. 
Was  im Roman fehlt  ist das Paradies. Der Schluss bleibt offen. Zwar fängt sich Elsheimer nach Zeiten der Verwahrlosung wieder. Ob er erhört wird, bleibt jedoch unklar. 

Über 50 Dante-Übersetzungen ins Deutsche hat es über die Jahrhunderte gegeben – sieben davon, vor allem die frühen, so sieht es Lewitscharoff, seien lesenswert, da sie den Klang des großen Originals aufnähmen. (sj)

Sibylle Lewitscharoff erzählte lebhaft über Dantes Sprachkunst

Nach der Lesung hatten die Gäste Gelegenheit zum Gespräch mit der Schriftstellerin

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Dr. Michael Krämer