Konzepte für eine neue Welt

Die Corona-Pandemie hat viele vermeintliche Gewissheiten ins Wanken gebracht. Sie hat Schwachstellen und Brüche offen gelegt. Deshalb diskutieren wir neue Konzepte für die Zukunft.



ALLES BLEIBT ANDERS! – Viele Menschen haben in der weltweiten Corona-Krise erlebt, dass der Verlust der Normalität des bisherigen Lebens enorm verunsichert; doch genauso spüren sie, dass es die frühere Normalität so nicht mehr geben wird, dass anderes als vorher wichtig wird, dass vermeintlich Wichtiges eigentlich entbehrlich ist. Das gilt im Kleinen, aber auch für große Themen wie die Umweltzerstörung, die soziale Ungleichheit und andere Probleme der globalisierten Welt. Doch es wird nicht nur viel auf den Prüfstand gestellt, es braucht auch neue Konzepte, die neue Wege aufzeigen. Die Akademie hat deshalb eine neue Veranstaltungsreihe konzipiert, in der sich Politik und Wissenschaft diesen Themen widmen. Die frühere Kultus- und Wissenschaftsministerin Annette Schavan sowie der Zukunftsforscher Ortwin Renn stellen gemeinsam mit einem Gast des Abends drei Sachbücher vor, die sich mit den Fragen der neuen Zeit beschäftigen und diskutieren sie – zusammen mit dem aus Pandemie-Gründen online zugeschalteten Publikum.  

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Zum Auftakt präsentierte Professor Ortwin Renn das Buch des langjährigen Geschäftsführers des Wuppertal Instituts und neuen Oberbürgermeisters von Wuppertal Uwe Schneidewind: "Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels" Es ist ein Gemeinschaftswerk, das Schneidewind mit vielen Kolleginnen und Kollegen des Wuppertaler Instituts verfasste und das vier Schritte von individuellen Veränderung benennt, die Renn so beschrieb: 1. Ignoranz ("Was geht mich Klimawandel oder Biodiversität an?") 2. "Ich sehe die Veränderung, aber das ist nicht mein Problem." 3. "Doch, ich muss auch was tun, aber ich kann es nicht."  und 4. "Ich kann auch was ändern und frage mich: Ist, was ich tue, auch wirklich sinnvoll?"

Wir leben vom Kapital der Natur

Diesen Erkenntnisprozess verdeutlicht etwa der Konsum. Vor der Corona-Krise lag die durchschnittliche Halbwertszeit für ein T-Shirt bei 38 Tagen. Dann wurde es statistisch gesehen weggeworfen und es gab ein neues. Inzwischen sei den Menschen bewusst geworden, dass wir nicht von den Zinsen der Natur, sondern vom Kapital leben. Deshalb sei eine Wohlstands- und Konsumwende mit vier "E" notwendig: Entrümpelung, Entschleunigung, Entflechtung und Entkommerzialisierung". Wende will Schneidewind dabei nicht unbedingt verstanden wissen als radikale Wende, sondern dies sei auch in einem Prozess der Transformation möglich. Sie müsse aber Politik, Zivilgesellschaft, Institutionen und Wissenschaft als Akteure einbeziehen und sich ein Ziel setzen (etwa Klimaneutralität). Unternehmen müssten für Nachhaltigkeit Verantwortung übernehmen. Nötig seien neue Technologien, neue Ökonomiemodelle, neue politische Maßnahmen und eine kulturelle Transformation. Vor allem der letzte Punkt tritt dabei stärker als bisher ins Bewusstsein: Kunst als Selbstausdruck des Menschen sei ein wichtiger Schritt, um die ästhetische Dimension für Nachhaltigkeit noch plastischer zu machen.

Die politische Ökonomin und Transformationsforscherin Professorin Maja Göpel stellte danach das Buch vor von Christian Stöcker: "Das Experiment sind wir. Unsere Welt verändert sich so atemberaubend schnell, dass wir von Krise zu Krise taumeln. Wir müssen lernen, diese enorme Beschleunigung zu lenken". Der promovierte Psychologe und Spiegel-Wissenschaftsredakteur unternimmt darin einen Brückenschlag zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit und beschreibt die Digitalisierung als fundamentale neue Form der Interaktion, der Distribution von Waren und Kommunikation durch bisher ungekannten Wissenszuwachs. Dies markiere eine neue menschliche Ära. Dies bedeute, dass wir unser bisheriges Wissen und Denken immer wieder hinterfragen müssen. "Wir müssen die Exponentialfunktion verstehen, um präventiv handeln zu können, denn es gibt Kipp-Punkte, die ein gezieltes Handeln nicht mehr möglich machen" erläuterte Göpel die Herausforderung.

Globale Herausforderung als Chance sehen

Angesichts solcher globaler Herausforderungen ist das Buch nach Ansicht von Annette Schavan ein Muss für die Bildungselite, denn es gehe auch darum, wie das Lernen für die Zukunft aussehen müsse. Zugleich begegnete sie der angesichts der Veränderungen verständlichen Veränderungsangst mit einem Buch von Papst Franziskus: "Wage zu Träumen! Mit Zuversicht aus der Krise" Das Buch sei ein Zusammenspiel zwischen dem, was die Wissenschaft sagt und dem, was daraus dem Christentum erwächst, sagte Schavan, "denn jetzt ist Cairos für Veränderung, der Moment, die Paradigmen für Wohlstand und gutes Leben kritisch zu hinterfragen". Der Papst wolle, dass seine Kirche mit ihren Möglichkeiten in die Transformation einsteige und die Zeitenwende für Transformation nutze, "denn unsere Paradigmen sind nicht mehr tragfähig". Transformation im Sinne des Papstes könne nur gelingen, wenn man dafür an die Ränder gehe, bei den Armen, Betrogenen und Ausgeschlossenen wurden Ideen kommen für das, was wichtig ist.

Die Diskussion über die drei Bücher war lebhaft, das Publikum beteiligte sich rege daran. Es war ein guter Start in die neue Reihe, bei der die Akademie mit der Buchhandlung Osiander kooperiert. Das macht Lust und dürfte auch Interesse wecken für den nächsten Abend am Dienstag, 20. Juli 2021, mit dem Soziologen und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa.

 

Bücher zur Diskussion

  • Annette Schavan: Papst Franziskus „Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise“ 20,- € (D). Kösel Verlag. ISBN: 978-3-466-37272-0
  • Prof. Ortwin Renn: Uwe Schneidewind „Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“. 12,- € (D). Fischer TB. ISBN: 978-3-596-70259-6
  • Prof. Maja Göpel: Christian Stöcker „Das Experiment sind wir. Unsere Welt verändert sich so atemberaubend schnell, dass wir von Krise zu Krise taumeln. Wir müssen lernen, diese enorme Beschleunigung zu lenken.“. 22,- € (D). Blessing Verlag. ISBN 978-3-89667-677-1

(Barbara Thurner-Fromm)

Prof. Dr. Maja Göpel