„Klimaschutz ist ein Auftrag der Kirche“

Den christlichen Glauben in umweltgerechtes Verhalten und schöpfungsfreundliches Handeln umzusetzen, ist eine zentrale Frage der Glaubwürdigkeit, betont der Bischof Gebhard Fürst.

Wie die sozial-ökologische Transformation gelingen kann, ist der Fokus der Frühjahrstagung des Leiterkreises der Katholischen Akademien Deutschlands, der sich in dieser Woche mit Bischof Gebhard Fürst im Tagungshaus Hohenheim trifft. Über Klimaschutz als zentrale Aufgabe der Kirche und die konkreten Umsetzungen in der Diözese spricht er im Interview.

Wie geht es Ihren Bienen, Bischof Fürst?

Sehr gut, vielen Dank. In diesem Jahr gibt es 45 Kilogramm bischöflichen Honig, im vergangenen Jahr waren es 25 Kilogramm. Die beiden Bienenstöcke vor dem Bischofshaus, die von Schülerinnen und Schülern des St. Meinrad-Gymnasiums in Rottenburg bemalt wurden, stehen aber nicht für sich, sondern sind Teil eines ganzen Maßnahmenbündels, mit dem das Bischofshaus im Lauf der Jahre immer mehr zu einem Symbol für die Anstrengungen unserer Diözese beim Klima- und Artenschutz wurde. Beispielsweise werden dort mittlerweile rund 60 Prozent des Verbrauchsstroms durch Sonnenkraft abgedeckt, es gibt eine durch Kollektoren gespeiste Stromtankstelle für das E-Auto vor Ort und auf dem früher mit Betonplatten gepflasterten Flachdach entstand eine "Wiese der Biodiversität", die dank ihrer Artenvielfalt eine große Zahl von Insekten anlockt. Gerne zeige ich diese Wiese meinen Gästen, und die sind immer beeindruckt davon, was auf einer relativ kleinen Fläche möglich ist.

Klima- und Artenschutz sind Ihnen Herzensanliegen. Wo liegt der Ursprung dieses Engagements?

Die Bewahrung der Schöpfung als Auftrag der Kirche ergibt sich aus den Grundlagen des christlichen Glaubens. Wir können nicht an Gott als Schöpfer der Welt glauben und zugleich unsere Mitwelt, die Natur, die Umwelt, das Klima zugrunde richten. Die Erde ist nicht einfach unser Besitz, mit dem wir nach Gutdünken verfahren könnten.

Sie ist uns zu treuen Händen anvertraut, um verantwortungsbewusst damit umzugehen. Für uns Christen ist es daher eine zentrale Frage der Glaubwürdigkeit, wie wir unseren Glauben an den Schöpfergott umsetzen, der uns in diesen wunderbaren, fruchtbaren, uns ernährenden und erfreuenden Garten gesetzt hat. Es ist eine Frage unserer Dankbarkeit für die Schöpfung, dass wir diesen Glauben in konkretes, umweltgerechtes Verhalten und schöpfungsfreundliches Handeln umsetzen, den Garten nicht ausbeuten und zerstören, sondern ihn pflegen und hüten.

Wir sind keine Zuschauer des Weltverlaufs, sondern aufgerufen, uns engagiert für soziale Rücksicht, für ökonomische Weitsicht, für ökologische Vorsicht und für die Würdigung unseres kulturellen Erbes einzusetzen. Wenn wir schöpfungsfreundlich handeln, leisten wir einen wichtigen Beitrag dazu, dass diese Erde ein bewohnbarer und Geborgenheit schenkender Ort ist und bleibt, in der auch kommende Generationen Heimat und gute Lebensqualität finden.

Bis zum Jahr 2050 soll die Diözese klimaneutral sein. Welche konkreten Anstrengungen werden dafür unternommen?

Ganz oben auf der Agenda steht die ökologische Bestandsentwicklung der rund 5500 kirchlichen Gebäude, und in Zukunft wird die Diözese hier noch verstärkt investieren und Photovoltaikanlagen als zentrales Element einplanen. Ein weiterer Baustein unserer Aktivitäten liegt in der Motivation für ein klimafreundliches Verhalten auf allen Ebenen und in allen Bereichen unserer Zuständigkeit.

Als einen zusätzlichen Ansporn für umweltgerechtes Handeln in den Kirchengemeinden lobte ich 2008 zudem einen Nachhaltigkeitspreis für ökologisch beispielhafte Projekte und Initiativen aus, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Die Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen und Privatpersonen sollen dadurch zu nachhaltigem, klimabewusstem Handeln motiviert werden. Und um die Kirchengemeinden zu inspirieren und zu motivieren, haben wir auch eine Klimaschutzmanagerin und einen Klimaschutzmanager eingestellt. Diese Aufzählung unserer Aktivitäten ist nun allerdings alles andere als abschließend.

Über welche Projekte, die bereits umgesetzt wurden, sind sie besonders glücklich?

Ich habe mit dem Bau einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Akademie der Diözese in Stuttgart-Hohenheim bereits vor Beginn meiner Amtszeit im Jahr 2000 ein Zeichen gesetzt. Im Jahr 2002 folgte dann eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Bischofshauses und im Jahr 2020 eine weitere Anlage dort, um Sonnenstrom für ein Elektroauto zu erzeugen. Mit dem Bau dieser Anlagen verband ich stets die Hoffnung, andere Verantwortliche in der Diözese ebenfalls zu klimaschonenden Maßnahmen zu motivieren. Viele sind dem Beispiel gefolgt und es gibt heute vielfältige Ansätze zur Bewahrung der Schöpfung und über sie alle in ihrer Gesamtheit bin ich sehr glücklich. Denn sie alle tragen dazu bei, unser Engagement für den Klima- und Artenschutz auszubauen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen.

Wie gelingt es, auf dem Weg zu einem besseren Umgang mit der Schöpfung alle mitzunehmen? Viele haben Sorge, dass dies nur schwer sozial verträglich umgesetzt werden kann.

Papst Franziskus betont in seiner Enzyklika 'Laudato Si', dass der Klimaschutz zu einer Schicksalsfrage der Menschheit weltweit geworden ist, und er zeigt darin die Zusammenhänge zwischen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Fragen auf. Besonders ausführlich geht ein Abschnitt der Enzyklika auf die soziale Teilhabe ein. Der Papst unterstreicht: Wir kommen heute nicht umhin zu erkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einem sozialen Ansatz wiederfindet. Oder sich in einen sozialen Ansatz verwandeln muss. Der soziale Ansatz muss die Gerechtigkeit in der Umweltdiskussion aufnehmen, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde. Auch müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die Folgekosten des Klimawandels sich allein in der Bundesrepublik Deutschland auf Hunderttausende Milliarden Euro summieren werden, wenn wir nach dem Prinzip 'weiter so' verfahren und nichts Entscheidendes beim Klimaschutz geschieht. Diese Unsummen werden uns belasten und bestehende soziale Ungleichheiten noch verstärken.

Welche Rolle kann die Kirche bei dieser sozial-ökologischen Transformation übernehmen?

Die katholische Kirche kann für die Zukunft einen entscheidenden Beitrag leisten: inhaltlich, von der Motivation und Sinnstiftung her, die im Schöpfungsglauben liegt, aber eben auch durch praktisches Mitwirken und exemplarisches, schöpfungsfreundliches Handeln. Davon bin ich überzeugt.

Die Fragen an den Bischof Dr. Gebhard Fürst stellte Miriam Hesse.

Dr. Gebhard Fürst, 11. Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.