Wider die Ohnmacht

Bei einem hochkarätig besetzten Podium der Akademie wurde über den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch und dessen Opfern diskutiert.

Von Miriam Hesse

Mit Worthülsen kann man Robert Köhler nicht kommen. Er ist gewappnet. Wann immer die Betroffenen aus dem Blick zu geraten drohen, zückt er ein eine Armlänge breites weißes Stoffband mit der Aufschrift „Wir wissen Bescheid“ – Kern eines Projektes, das der Verein der Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer aufgesetzt hat, um eine breite Öffentlichkeit gerade in lokalen Bezügen, nah an den Tatorten des Missbrauchs, zu sensibilisieren: Möglichst viele Gemeinden sollen das Logo „Wir wissen Bescheid“ an der Kirchentüre, am Pfarrhofeingang oder im Schaukasten anbringen und damit Position beziehen. Und natürlich zeigt Köhler, der als Schüler im Kloster Ettal Opfer von Übergriffen wurde, auch auf dem Podium der Akademie beim Katholikentag in Stuttgart Ende Mai Flagge.

Dickes Fragezeichen hinter der Unabhängigkeit

Es diskutierten neben Köhler der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der SPD-Politiker Lars Castellucci, die Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic und Pater Klaus Mertes unter dem Titel „Der freie Blick – Wie gelingt die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs?“ Die Frage stelle sich dringlich und mit einem dicken Fragezeichen angesichts der so genannten unabhängigen Aufarbeitungskommissionen zum sexuellen Missbrauch, welche die katholische Kirche in Deutschland eingerichtet hat, betonte die Akademiedirektorin Verena Wodtke-Werner, die die Veranstaltung moderierte. Immerhin würden die Taten mittlerweile nicht mehr rein innerkirchlich als Zölibatsverletzung klassifiziert, sondern als Straftat. Zudem habe der Papst eine Meldepflicht für Bischöfe bei Verdachtsfällen erlassen. Allerdings seien es auch die Bischöfe, die die Aufarbeitungskommissionen einberufen.

Hier geht es zum Bericht von Deutschlandfunk Kultur.

Die Kirche könne den Missbrauch in ihren Institutionen nicht allein aufarbeiten, betonte Bischof Ackermann, der sein Amt als erster Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz gerade abgegeben hat. Wegweisend sei die „Gemeinsame Erklärung“ über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch gewesen, die man vor zwei Jahren mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unterzeichnet habe.

Im Bistum Trier gebe es mittlerweile multiprofessionelle Krisenteams und Schutzkonzepte, sagte Ackermann. Zum einen sei man aber weit davon entfernt, einen Abschluss in der Aufarbeitung zu finden („Wir werden damit befasst bleiben“), zum anderen habe man etwa in Österreich ein gelungeneres Modell der Aufarbeitung umsetzen können als in Deutschland. Er warnte allerdings davor, „das materielle Anerkennungssystem gleichzusetzen mit Aufarbeitung“. In ihrer Kommission seien „Fachleute, aber bewusst keine Kirchenleute“, betonte Waltraud Klasnic, die unabhängige Opferschutzanwältin der katholischen Kirche Österreichs: „Der Kardinal selbst hat erst kurz vor der Pressekonferenz erfahren, wer in der Kommission sitzt.“

Lesen Sie hier den Bericht der Katholischen Presseagentur Österreich.

Katholische Kirche hat Neuland betreten

Betroffene fühlten sich oft ohnmächtig, weil sie bei der Anerkennung ihres Leids „an der Tür der Institution anklopfen müssen, die ihnen das angetan hat“, erklärte der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci, religionspolitischer Sprecher seiner Fraktion. In einem ihm bekannten Fall habe der Opferbeauftragte eines Bistums erst ein Jahr danach auf die Erstmeldung eines Betroffenen reagiert. Die Bundesregierung, die laut Koalitionsvertrag der unabhängigen Missbrauchsbeauftragten eine Berichtspflicht an den Bundestag geben will, müsse die Aufarbeitung noch deutlicher zu ihrer Sache machen, fordert Castellucci: „Wir brauchen Ausschüsse, Berichterstattende und Debatten im Bundestag.“ In der gesamten Gesellschaft müsse man eine „Kultur des Hinsehens“ verankern. Damit die Kirche wieder „Kraft findet, nach vorn zu sehen“, müsse auch ein konkreter Zeitplan mit Zwischenzielen festgelegt werden: „Die Kirche kann etwa gegenüber Sportvereinen, die noch gar keine angemessene Aufarbeitung betreiben, als Beispiel fungieren.“

Ziel könne und werde es nicht sein, dass am Ende alle zufrieden sind, betonte Pater Klaus Mertes, der 2010 als Rektor des Canisius-Kollegs die Missbrauchsfälle in der Schule öffentlich gemacht hatte. Die katholische Kirche habe Neuland betreten: „Es gibt jetzt viele, die uns zusehen, wie wir stolpern, fallen, wieder aufstehen.“ Sehr komplexe Fragen seien zu klären, zu denen letztlich auch die Frage nach dem Umgang mit den Tätern gehöre. Dies unterstrich Robert Köhler vom Ettaler Opferverein: „Es muss auch für Täter ein Setting geben, in dem sie weiterleben können, ohne andere zu gefährden.“

Auf dem Podium beim Katholikentag diskutierten (von links): Akademiedirektorin Verena Wodtke-Werner, die Opferschutzanwältin Waltraud Klasnic, Jesuitenpater Klaus Mertes, Robert Köhler vom Ettaler Opferverein, der SPD-Abgeordnete Lars Castellucci und der Trierer Bischof Stephan Ackermann.