Islamische Theologie stark nachgefragt

Die Startprobleme für das Studium der islamischen Theologie sind behoben, die Nachfrage ist groß. Beim Theologischen Forum Christentum – Islam wurde eine positive Bilanz gezogen.

Das Projekt einer islamischen Theologie in deutscher Sprache ist noch jung: Seit 2010/11 gibt es sie an Universitäten in Frankfurt/Gießen, Münster/Osnabrück, Tübingen und Erlangen-Nürnberg und an mehreren Pädagogischen Hochschulen. Am Rande des 14. Theologischen Forums Christentum – Islam der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart schilderte Professor Dr. Bekim Agai aus Frankfurt die damit verbundenen Chancen: Damit erhielten Studierende die Möglichkeit, Theologie in der Pluralität unterschiedlicher islamischer Traditionen kritisch zu diskutieren. Während islamische Theologie etwa in arabischen Staaten singulär und zumeist auch nur in der jeweils vorherrschenden Ausprägung gelehrt werde, könne man in Deutschland islamische Theologie zugleich vergleichend mit anderen Religionen studieren. Der offene Diskurs ermögliche auch den Studierenden ein neues Selbstverständnis.

Die Leute aufwecken, ohne sie zu verschrecken

Besondere Chancen sieht Juniorprofessorin Dr. Muna Tatari von der Universität Paderborn im breiten Spektrum an Positionen in der islamischen Geschichte: Manches, was einigen heute als extravagante Sondermeinung erscheine, sei bei näherem Hinsehen durchaus traditionell verankert. Als Beispiel nannte sie die Befähigung von Frauen auch für hohe religiöse Funktionen sogar in als konservativ geltenden islamischen Rechtsschulen. Notwendig seien Formen der Anknüpfung, die ohne Engführungen auskommen und die keine eins-zu-eins-Übersetzungen vornehmen. Unabdingbar sei vielmehr eine Kontextualisierung auf heutige Fragen hin.

Professorin Tatari beschrieb die Aufgabe der Islamischen Theologie so: „Wir wollen die Leute aufwecken, ohne sie zu verschrecken“. Diese Form der islamischen Theologie habe auch positive Wirkungen für die islamischen Gemeinden. Ein Beispiel, so Professor Agai, sei wiederum die Rolle von Frauen: „Vor 20 Jahren hat niemand überhaupt bemerkt, dass in den Vorständen der Moscheegemeinden nur Männer waren. Wenn es jetzt viele hochqualifizierte Frauen gibt, werden sie auch in die Vorstände einziehen.“

Professor Dr. Mouez Khalfaoui, der den Lehrstuhl für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen innehat, sagte, die Anlaufphase habe lange gedauert und Lehrpläne seien aufwendig zu erstellen gewesen. Denn wie eine deutsche Islamische Theologie aussehen könnte, dazu konnte man keine fertigen Curricula oder Lehrmittel importieren, sondern das musste man gleichzeitig mit konzipieren. Inzwischen aber seien sieben Studiengänge am Laufen, die nicht nur für die wissenschaftliche Arbeit, sondern auch für unterschiedliche Berufsbereiche qualifizieren, wie den Religionsunterricht und neuerdings auch Bereiche der Wohlfahrtsarbeit. Gefragt seien die AbsolventInnen auch in Ministerien, Verbänden und gesellschaftlichen Organisationen. Die Nachfrage sei anhaltend stark und es gebe wesentlich mehr InteressentInnen als die 40 Studierenden, die man pro Jahrgang annehmen könne. Die Mehrheit von ihnen, mehr als zwei Drittel, seien Frauen.

Anschaulich beschrieb Professor Khalfaoui - als Professor für Islamisches Recht – die Bedeutung der Auseinandersetzung mit den islamischen Rechtsbeständen im akademischen Kontext. Dabei werde einerseits deutlich gemacht, dass in Deutschland das Grundgesetz und die entsprechenden deutschen Gesetze gelten und, dass die Anwendung der Scharia beispielsweise bei Erbschaftsfragen nach den gleichen Prinzipien wie die Anwendung anderen ausländischen Rechts ablaufe. Diese Anwendung habe ihre Grenze am ordre public, sodass durch die Anwendung fremden Rechts keine deutschen Verfassungsgüter ausgehebelt werden können.

Der interdisziplinäre und interreligiöse Austausch habe im Studium einen hohen Stellenwert: 10 bis 30 Prozent der Studienleistungen können an anderen Fakultäten erbracht werden, z.B. in den christlichen Theologien. Neu sei auch die Möglichkeit eines interreligiösen Team-Teachings, bei dem christliche und islamische TheologInnen gemeinsam lehren.

Viele Schulen im Land warten auf islamische TheologInnen

Gerade sind die ersten fünf in Tübingen ausgebildeten islamischen TheologInnen in ihr gymnasiales Referendariat gestartet. Zurzeit gibt es nach Auskunft von Professor Khalfaoui in Baden-Württemberg mehr als 100 Schulen, zumeist Grundschulen, aber auch drei Gymnasien, die islamischen Religionsunterricht anbieten – und weitere Schulen warten noch auf die dazu nötigen AbsolventInnen.

Anders als bei der katholischen Kirche oder den evangelischen Landeskirchen gibt es in Deutschland vielfältige muslimische Verbandsstrukturen. Das erfordere höheren Abstimmungsbedarf etwa bei der Berufung von ProfessorInnen oder bei der Erstellung von Curricula. Es ermögliche aber auch eine multiplikatorische Breitenwirkung in deren Strukturen hinein. Allerdings seien diese selbst noch im Aufbau und in Prozessen der Professionalisierung – und benötigten weitere Zeit und Ressourcen.

Auch aus anderen Praxisbereichen ereilen die Zentren für Islamische Theologie vielfältige Nachfragen. Um auf diese eingehen zu können, sei nicht nur wissenschaftliche Grundlegungsarbeit nötig, sondern auch spezifische Kompetenzen der Übersetzung und des Eingehens auf die jeweiligen Praxisbelange. Für beides, Wissenschaft und Transfer, stellt die im vergangenen Jahr neu gegründete Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) in Frankfurt, deren Direktor Prof. Agai ist, eine neuartige und standortübergreifende Plattform dar, deren Arbeit bis 2022 mit mehr als zehn Millionen Euro gefördert wird.

Die drei ProfesorInnen bewerteten diese Weiterentwicklung der islamisch-theologischen Wissenschaftslandschaft durchweg positiv. Khalfaoui sprach von der Notwendigkeit einer steten Weiterentwicklung theologischer Konzeptionen, für die Impulse aus anderen Ländern und Disziplinen wichtig seien. Man müsse aktuellen Herausforderungen gerecht werden, wie sie auch im Zentrum der diesjährigen Tagung des Theologischen Forums Christentum – Islam mit dem Verhältnis von Religion und Macht stehen.

Junior-Professorin Dr. Muna Tatari leitet das Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn.


Professor Bekim Agai leitet in Frankfurt die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft.