Heißgeliebte Tante Clarissa

Früher liebten wir unsere Tante aus Amerika, weil sie für uns den Duft der weiten Welt verkörperte. Erst später haben wir verstanden, was für eine tolle Frau sie war. Von Barbara Thurner-Fromm

Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, von meiner Tante Clarissa zu erzählen. Obwohl die ältere Schwester meiner Mutter kein einziges Mal mit uns gemeinsam Weihnachten gefeiert hat. Aber Clarissa schickte uns jedes Jahr ein Weihnachtspaket – und davon schwärmen wir nach mehr als einem halben Jahrhundert noch. Wenn wir dieses Paket öffneten, wehte immer der Duft der weiten Welt in unser Haus im oberschwäbischen Weingarten. Denn aus eleganten Hutschachteln von Geschäften der Fifth Avenue in New York zogen wir für unsere Mutter chicke Kleider, Röcke und Pullis. Wir Kinder freuten uns über schöne Schlafanzüge oder Gummistiefel, die es so quietschbunt bei uns natürlich nicht gab. Und für jedes von uns fünf Kindern gab es obendrauf noch einen Dollar. Den zeigten wir zuerst stolz unseren Freunden und dann brachten wir ihn zum Umtauschen auf die Bank, denn damals war so ein Dollar noch vier Mark wert!

Clasrissa war die ältere Schwester meiner Mutter. Sie war Kinderkrankenschwester, ihr Leben lang ledig und als junge Frau nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Familie eines amerikanischen Generals, dessen Kinder sie betreut hatte, in die USA ausgewandert. Eigentlich hieß sie Clara Elisabeth Scheuermann, in Amerika machte sie daraus Clara E. Scheuermann. Für uns, ihre 15 Nichten und Neffen, bleibt sie aber unsere heiß geliebte Tante Clarissa. Erst viel später, als wir mehr verstanden, kam Bewunderung und Respekt dazu. Denn was sie aus ihrem Leben machte, klingt noch immer wie ein märchenhaftes Abenteuer.

Aus kleinen Verhältnissen zum Weltstar

Nachdem die Generalskinder aus dem Gröbsten heraus waren, wechselte sie in die Familie von Richard Tucker (mehr). Sein Name sagt hier nur noch sehr kenntnisreichen Opernfans etwas, in den USA aber wird er noch immer als einer der größten Tenöre des 20. Jahrhunderts gefeiert. Aufgewachsen in Brooklyn in einer jüdischen, aus Bessarabien stammenden Familie, sang Tucker auf den großen Bühnen der Welt in London, Wien oder Mailand, doch die Metropolitan Opera in New York war zeitlebens „sein“ Opernhaus. In der Nähe der Met, beim Lincoln Center, ist ein Platz nach ihm benannt. Richard Tucker war befreundet mit der Familie Kennedy und sang auf ihren Wunsch beim Requiem für den ermordeten Senator Robert Kennedy. Als Tucker 1975 starb, fand die Trauerfeier für ihn auf der Bühne der Met statt – diese Ehre wurde davor und danach niemand anderem zuteil.

In diesem inspirierenden Umfeld lebte und arbeitete Clarissa. Sie sprach schon lange perfekt Englisch – das sie sich über die tägliche Zeitungslektüre beigebracht hatte. Sie bildete sich auch kulturell umfassend durch ihre Möglichkeit, an Theater- und Opernkarten zu gelangen. Uns schickte sie Tuckers Langspielplatten mit Widmung und Autogramm. Seinen, „ihren“ Kindern blieb sie ihr Leben lang verbunden.

Als Ersatzoma noch einmal ausgewandert

Aber sie suchte sich neue Herausforderungen und wechselte noch einmal: in die jüdische Familie von Kenneth „Ken“ Lipper, dessen Frau Eve, eine Ärztin, innerhalb weniger Jahre vier Mädchen bekam (mehr).Der heute 79-jährige Investmentbanker war in den 80er Jahren Stellvertreter von News Yorks Bürgermeister Ed Koch und Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister. Er hat den Roman „Wall Street“ geschrieben, der erfolgreich verfilmt wurde, und erhielt 1999 selber einen Oscar als Produzent der legendären Dokumentation „Die letzten Tage“ über die NS-Judenverfolgung und den Holocaust. Die Gespräche mit Überlebenden sollte die Erinnerung an die fürchterlichen Geschehnisse der Judenverfolgung der Nachwelt wach halten.

Clarissas Arbeit für diese jüdische Familie hatte vor diesem Hintergrund etwas von einer ganz persönlichen Wiedergutmachung im Kleinen. Und die Zuneigung, mit der diese jüdische Familie die tief gläubige Katholikin in ihre Familie aufnahm, ist auch ein sehr berührendes Zeichen von Vergebung. Clarissa, schon länger im Rentenalter, wollte ihren Lebensabend eigentlich nahe ihrer eigenen Familie in ihrer Heimatstadt Heilbronn verbringen. Doch die Rückkehr aus ihrem spannenden Leben in einer Weltmetropole in das seit dem Bombenangriff vom 4. Dezember 1944 ziemlich gesichtslose Heilbronn schmerzte nicht nur sie; sie fehlte auch der Familie Lipper. Die Lipper-Girls riefen ihr immer wieder an und baten sie, als Ersatz-Oma zurück zu kommen. Und so packte Clarissa wieder ihre Koffer und wanderte noch einmal aus. Die Lippers finanzierten ihr ein schönes 3-Zimmer-Appartement nicht weit weg vom Sitz der UN. Als sie später demenzkrank wurde, engagierte die Familie für Sie eine Pflegerin, die ein bisschen aussah wie Whoopi Goldberg und sie rund um die Uhr zuhause betreute. Und als Clarissa im Januar 2005 starb, nahm die Familie Lipper standesgemäß Abschied von ihr: Mit einer Anzeige in der „New York Times“.

Paid Notice: Deaths
SCHEUERMANN, CLARA ELIZABETH
Jan. 20, 2005 SCHEUERMANN--Clara Elizabeth. The Lipper family is deeply saddened by the loss of Clara Elizabeth Scheuermann. With noble altruism and deep religious faith Clara devoted her life to educating and caring for children. Dearly beloved, greatly admired and forever appreciated, her memory lives on in the hearts, minds and spirits of her family and loved ones. Visitation Friday January 21st from 2-5pm at the John Krtil Funeral Home, 1297 First Ave (70th St). Mass of Christian Burial on Saturday, January 22nd at 10AM, St. John The Evangelist RC Church, 348 East 55th Street.

 

 

Clara E. Scheuermann als junge Frau vor ihrer Auswanderung

Kinder waren ihr Lebensinhalt. Hier hält sie ein Baby aus ihrer deutschen Verwandschaft auf dem Arm.