Global Player in aufgewühlten Zeiten

Die Katholische Kirche hat in Zeiten von Globalisierung und weltweiten Fluchtbewegungen eine wichtige Rolle. Das ist bei Gesprächen von Kuratoriums-Mitgliedern in Rom deutlich geworden.

Es sind spannende Tage für bewusste Katholiken: In der Deutschen Bischofskonferenz tobt der „Kommunionsstreit“ zwischen Reformern und Konservativen. Ausgerechnet in Bayern, das sich viel zu Gute hält als das katholischste Land der Bundesrepublik, sind der CSU-Ministerpräsident und der oberste Bayerische Bischof über Kreuz wegen Söders Erlass, in allen Eingangshallen bayerischer Behörden und Einrichtungen gut sichtbar ein Kruzifix aufzuhängen. Und in Rom selbst sieht sich der bei den „einfachen“ Katholiken und weit darüber hinaus hoch beliebte Papst Franziskus immer wieder aufs Neue Intrigen und Angriffen auf seinen Kurs der vorsichtigen Öffnung ausgesetzt, die viele zur bangen Frage bewegt: „Wie lange hält Franziskus das aus und durch?“ Aktueller hätte die Reise von Kuratoriumsmitgliedern der Akademie nach Rom und in den Vatikan also gar nicht sein können. Und in der Tat  kam die 18-köpfige Reisegruppe unter Leitung von Akademiedirektorin Dr. Verena Wodtke-Werner mit inspirierenden  Eindrücken, hoch interessanten Hintergrundinformationen, aber durchaus auch mit gemischten Gefühlen und manch sorgenvollem Blick in die Zukunft der Kirche wieder zurück.

Die deutsche Regierung setzt auf die Erfahrungen der Kirche

Den Auftakt bildete ein Besuch in der deutschen Botschaft beim Heligen Stuhl. Annette Schavan, Theologin, frühere Bildungs- und Forschungsministerin und seit Juli 2014 Botschafterin beim Vatikan, empfing die Reisegruppe im Garten. Das Botschaftsgebäude befindet sich im römischen Stadtteil Parioli, nördlich der historischen Altstadt und wurde von dem Münchner Architekten Alexander von Branca entworfen und von 1979 bis 1984 erbaut. Allein die Tatsache, dass Deutschland neu gebaut hat, ist in Rom ungewöhnlich, weil in der Regel auf bestehende Palazzi zurückgegriffen wird. Auch das Gebäude selbst, ein Backsteinbau, der in moderner Architektursprache einer Stauferburg bis ins Detail nachempfunden ist, bricht mit römischen Bautraditionen.

Die Botschaft beim Heiligen Stuhl ist etwas Besonderes, denn die 1954 vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer ins Leben gerufene Beziehung gilt nicht direkt dem Staatsgebilde Vatikanstadt, sondern sie bestehen völkerrechtlich zum Heiligen Stuhl, also zum Oberhaupt der katholischen Weltkirche. Annette Schavan, die erste Frau auf diesem Posten, erläuterte die besondere diplomatische Rolle: „Die katholische Kirche ist der älteste global player. Sie vertritt 1,2 Milliarden Menschen.“ Das entspreche der Größenordnung von China oder Indien, allerdings nicht nur in einer Weltregion, sondern auf fünf Kontinenten. Und sie gewinne in der aktuellen weltweiten Migrations- und Flüchtlingsbewegung an Bedeutung durch ihre ganz spezifischen Erfahrungen. „Es ist ein schlichtes Fundament: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. Aber darüber gibt es eine bunte internationale Vielfalt.“ In praktisch allen aktuellen Krisen – vom Klimawandel über Flucht und Migration bis hin zu Krieg und Frieden engagiere sich der Papst. „Franziskus will einen Paradigmenwechsel – bei Fortschritt, Kultur, Zusammenhalt und Wirtschaft, denn er ist überzeugt davon, dass die aktuellen Paradigmen die Welt in den Abgrund führen.“ Es heiße nicht mehr, „nach uns die Sintflut, sondern neben uns die Sintflut“. Franziskus wolle den Blick auf die Peripherie richten. Mit seinen Reisen, etwa nach Lampedusa, wolle er der Welt zeigen, was sie nicht gerne sieht.

Wie wichtig die Bundesregierung das weltweite Netzwerk der Katholischen Kirche und ihr Engagement für die Armen und Flüchtlinge ist, belegt auch die Tatsache, dass Annette Schavan auch Botschafterin für den Malteserorden ist. Der Orden gilt als völkerrechtlich souveränes, nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt und ist weltweit nicht nur in der Flüchtlingsarbeit engagiert. So betreibt er etwa ein riesiges Flüchtlingslager mit mehr als Hunderttausend Flüchtlingen im Libanon. Angesichts des ungebrochenen Migrationsdrucks auf die Europäische Union ist es unabdingbar, Informationen und politische Handlungsoptionen zu gewinnen. Die Malteser sind auch Partner in schwierigen Verhandlungen etwa zwischen Syrien und der Türkei. In Libyen etwa seien sie die einzige Organisation, die alle Akteure an einen Tisch bringen könne. Und sie betreuten die Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen. Der größte Teil der Arbeit, das machte die Botschafterin deutlich, finde dabei aber nicht auf der offenen politischen Bühne statt, sondern hinter den Kulissen. Dass diese Arbeit in den aktuell aufgewühlten Zeiten von großer Bedeutung ist, erschloss sich aber unmittelbar.

Die Katholische Kirche steckt selber in der Krise

Um Krisen – wenngleich ganz anderer Art ging es auch bei einem Gespräch im Kardinal Walter Kasper im Päpstlichen Kolleg Teutonicum im Vatikan. Obgleich schon 85 Jahre alt, aber mit federndem Schritt und hellwach, beantwortete der aus Wangen im Allgäu stammende Kasper, der beim diesjährigen Blutfreitag in Weingarten die Festpredigt hielt, die vielen Fragen seiner Besucher. Zwar betonte er, „Mit 80 Jahren hört hier alles auf, man stirbt den kanonischen Tod“. Seine rege Reise- und Vortragstätigkeit straft diese Aussage freilich Lügen. Und auch, wenn er nicht mehr in Amt und Würden ist, so hält er mit seiner kritischen Meinung  zum aktuellen „Kommunionsstreit  der deutschen Bischöfe ebenso wenig hinterm Berg („So ein Streit ist ein Skandal“) wie über die Rolle der Frauen in der Kirche: „Ich erwarte mir von der historischen Kommission zum Diakonat der Frau keine neuen Erkenntnisse. Die liegen alle auf dem Tisch“.  Er lässt auch keinen Zweifel daran, dass ihm die Amtsführung von Franziskus gefällt, der damit Türen und Fenster für Veränderungen öffne für synodale Reformen und an der Omnipotenz des Vatikan rüttle. Gleichwohl sieht er auch die Gefahren, denen sich Franziskus mit diesem Kurs und seinem bescheidenen Lebensstil in der etablierten Machtzone aussetzt. Und ihn treibt am Ende seines priesterliche Lebens um, dass eine Diözese wie Rottenburg-Stuttgart nur noch über 25 Priester verfüge, die jünger als 45 Jahre alt sind. Er hält das für ein „katastrophales Problem“ der Kirche insgesamt.

Eine Krise der katholischen Kirche ist zweifellos auch das Thema sexueller Missbrauch. Die Schlagzeilen dazu reißen nicht ab, jüngster Skandal ist der Vorwurf gegen den Finanzchef des Vatikans, Kardinal George Pell aus Australien. Er muss sich nun persönlich vor dem Gericht in Melbourne verantworten. Kein Wunder, dass im Gespräch mit Dr. Manfred Bauer vom Officiale Disziplinarsektion der Glaubenskongregation, die Besucher das Thema interessierte. Die Glaubenskongregation ist, was nicht jedem Laien geläufig ist, dafür zuständig. Denn in ihren drei Abteilungen beschäftigt sie sich neben Fragen der theologischen Lehre und dem kirchlichen Eherecht auch mit dem Disziplinarrecht und „Straftaten gegen den Glauben, die Sitten und die Sakramente“. Sie ist nicht nur oberstes Verwaltungsorgan, sondern auch oberster Gerichtshof mit Entscheidungsbefugnis. Die dafür gültigen Regelungen hatte im Jahr 2001 der frühere Kardinal Ratzinger als oberster Glaubenswächter erlassen; 2010 unterzog er sie dann als Papst Benedikt XVI. einer Revision. Seither gilt eine Meldepflicht für alle Missbrauchsfälle.

Sexueller Missbrauch hat die Glaubwürdigkeit erschüttert

Seither werden nach Angaben von Dr. Bauer jährlich etwa 700 Fälle weltweit gemeldet, darunter seien allerdings zahlreiche Altfälle; gleichwohl machen Fälle sexuellen Missbrauchs etwa 90 Prozent aller Fälle aus, mit denen sich die Glaubenskongregation im Disziplinarrecht beschäftigt. Rom hört dazu die Betroffenen nicht persönlich an und entscheidet auch nicht strafrechtlich; vielmehr prüft sie strafrechtliche Ermittlungs- und Gerichtsakten im Hinblick auf disziplinarrechtliche Sanktionen. „Wir haben inzwischen Präventionsmaßnahmen getroffen und sind bei diesem Thema heute viel sensibler“, sagte Bauer. Man versuche nicht nur den Opfern zu helfen und anerkenne das Leid durch Entschädigungszahlungen. Straffällig gewordene Priester würden auch nicht mehr nur versetzt, wie dies früher der Fall gewesen sei, sondern es werde auch darauf geachtet, dass sich solche Taten nicht widerholen könnten.

Durch die Verlängerung der Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch auf 20 Jahre nach der Vollendung des 18. Lebensjahres gebe es mehr Anzeigen und damit auch disziplinarische Fälle; Im Kirchenrecht gibt es keine keine Verjährung für den Missbrauch. Allerdings seien die Priester bei Bekanntwerden der Vergehen oft schon sehr alt. Stirnrunzeln löste Bauer allerdings mit seiner Aussage aus, dass kirchliches Strafrecht als „geistliches Strafrecht“ anders ausfalle als das staatliche Strafrecht. Alte Priester müssten zur Strafe etwa pilgern oder Rosenkränze für die Opfer beten.

Die inspirierende Kraft der Gemeinschaft St. Egidio

Gedanklich weit weg von den düsteren Themen der Kirche war der Besuch bei der Gemeinschaft St. Egidio bei der Basilika von Santa Maria in Trastevere. Wie sehr die Idee dieser Gemeinschaft, die vor 50 Jahren als Antwort junger Leute auf die 68er Studentenbewegung  gegründet wurde, noch immer leuchtet und inspiriert,  verdeutlichte ihr Generalsekretär Cesare Zucconi, der seinerzeit als Schüler aktiv wurde. „Es war der Geist des Wagemuts nach dem Vatikanischen Konzil“, beschrieb Zucconi – übrigens in astreinem Deutch – die Anfänge, in der Nicht-Theologen daran gingen, die Bibel auszulegen. Ihr Treffpunkt war die Gemeinde Sankt Egidio.  „Wir haben damals die Bibel entdeckt, und wir haben bis heute nicht aufgehört. Psalm 19 ist das Licht auf unserem Pfad. Wir haben auf die Stadt geschaut und die Armen entdeckt. Wenn wir als Christen leben wollen, können wir nicht an den Armen vorbeigehen“.  Anders ausgedrückt: Das was Papst Franziskus heute für viele medienwirksam vormacht, lebt diese Gemeinschaft seit 50 Jahren mehr oder weniger im Verborgenen.

Sie beten und helfen inzwischen nicht nur in St Egidio, sondern in 40 Gemeinden in Rom und in 73 Ländern der Welt. Jenseits dieses Engagements führen ihre Mitglieder ganz normale bürgerliche Existenzen, haben Familien und gehen ihrem Beruf nach. „Es gibt ein tägliches Gebet am Abend, die Bibel wird ausgelegt, unsere Türen sind offen, jeder ist willkommen“,  erläutert Zucconi die drei P der Gemeinschaft: Pray, Poor, Peace. „Viele Kinder der 68er sind heute konservativer als ihre Eltern, aber wir glauben noch immer, dass man die Welt verändern kann“, sagt Zucconi.  „Arme, Einsame, Alte, Kranke sagen uns, dass die Welt nicht stimmt. Doch die Veränderung muss im eigenen Leben beginnen.“  Als immer größere Herausforderung begreift St. Egidius die Friedensbemühungen. Wichtig ist ihnen dabei nicht-ideologisches und pragmatisches Vorgehen. Durch ihre Vermittlung kam 1992 der Frieden in Mosambik zustande, der nun seit 26 Jahren hält. Sie waren aktiv in Guatemala, der Elfenbeinküste, im Niger und in Albanien, der Zentralafrikanischen Republik und sie sind auch im Sudan und in Syrien aktiv. „Friede ist immer möglich, wenn der Wille dazu da ist“, zeigte sich Zucconi überzeugt. „Das Gebet hat eine historische Kraft und kann die Geschichte ändern.“

(Barbara Thurner-Fromm)

Auf dem Programm der Reisegruppe stand ein Besuch in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl.


Botschafterin Annette Schavan empfing die Besucher im Garten ihrer Residenz.


Pfarrer Brendle begrüßt Kardinal Walter Kasper vor dem Päpstlichen Kolleg Teutonicum.


Monsignore Oliver Lahl (zweiter von links) führte die Gruppe durch die Vatikanischen Museen.