Ziemlich flatterhafte Gäste

Ins Tagungshaus Weingarten verirren sich dieser Tage immer wieder Fledermäuse. Sie leben eigentlich im Glockenturm der Basilika, haben aber auch schon den Barockmaler Cosmas Damian Asam fasziniert, der die Basilika ausgemalt hat. Eine – auch – kunsthistorische Betrachtung aus gegebenem Anlass von Dr. Ilonka Czerny

Abends, wenn es dunkel wird, fliegen derzeit vereinzelt kleine schwarze ‚Gesellen‘ durch die Gänge und durch angrenzende Räume des Tagungshauses Weingarten. Es sind Fledermäuse, die sich ins ehemalige Kloster-Gemäuer verirrt haben, ungewollt in die Akademie geraten sind und am liebsten gleich wieder entfliehen möchten. Leider sind die nachtaktiven Tiere sichtlich irritiert und finden nur schwer wieder ins Freie. Am Morgen können die dann ermatteten, tageslichtscheuen Wesen mit einem Köcher eingefangen und zur Versorgung zu Betreuern oder – falls notwendig – zum Tierarzt gebracht werden. Dieses Schauspiel ist nur wenige Wochen im September und Oktober zu beobachten, wenn die Fledermäuse Paarungszeit haben und deshalb aktiv sind. Drei verschiedene und schützenswerte Fledermausarten halten sich vorrangig in den Glockentürmen der Basilika auf: Zwergfledermäuse, Große Mausohren und Hufeisennasen. Auf diese bedrohten Arten wird auch bei baulichen Sanierungsmaßnahmen Rücksicht genommen.

Fledermäuse orientieren sich mit den Ohren

Fledermäuse bevölkern bereits seit 50 Millionen Jahren unseren Planeten und sind neben den Flughunden die einzige Säugetierart, die fliegen kann. Sie ernähren sich hauptsächlich von Insekten. Die Orientierung im Dunkeln erfolgt durch extrem hohe Laute im Ultraschallbereich, die sie von sich geben, deren Echo sie hören und dadurch die Entfernung eines Objektes einordnen können. Diese Nachtflug-Künstler sehen so zu sagen mit den Ohren.

Es gibt auch eine Fledermaus, die ausschließlich in der Basilika zu finden ist. Sie zeigt sich aber anders als ihre Artgenossen nur bei Tages- oder elektrischem Licht. Hoch oben im dritten Joch des Mittelschiffes ist am unteren Rand des Deckenfreskos mit dem Titel „Die Glorie des heiligen Benedikt“ eine graue Fledermaus mit ausgespannten Flügeln gemalt. Cosmas Damian Asam hat mit den Deckengemälden in Weingarten, die zwischen 1716 und 1720 entstanden, sein erstes Meisterwerk geschaffen. Asam malte das kleine Säugetier mit spitzen bedrohlichen Zähnen direkt vor eine Gewitterwolke, neben der hexengleichen Zornwütigen. In der unmittelbaren Nachbarschaft liegt der herabstürzende Teufel, dargestellt mit Fledermaus ähnlichen Flügeln und neben ihm die Personifikation der Eitelkeit. Diese Gesellschaft möchte keiner zum Freund haben.

Die Tiere wurden lange dunklen Mächten zugeordnet

Warum existiert diese negative Konnotation in Verbindung mit den letztlich harmlosen Tierchen? Die nächtliche Flugfähigkeit war für die Menschen in den früheren Jahrhunderten unerklärbar und wurde den dunklen, bösen Mächten zugeordnet, die im Reich der Finsternis leben. Die Bedeutungsebenen der tierischen Nachtschwärmer konnten demzufolge nicht positiv ausfallen. Ebenso die unzulänglichen, im Reich der Mythologie angesiedelten, bevorzugten Aufenthaltsorte wie Ruinen, abgelegene Gemäuer oder dunkle Speicher warfen kein günstiges Licht auf die Säugetiere, die sich – laut Aberglauben – von Blut ernährten. Die ungewöhnlich hängende Schlafhaltung gab gleichfalls Anlass für teuflische Spekulationen. Erst das kenntnisreiche Wissen über die Einzigartigkeit der Flugtiere beugte dem Aberglauben vor. Vielleicht trug auch der Comic-Held Batman, der in einem Fledermaus-Kostüm seit 1939 auf Verbrecherjagd geht und gegen das Böse ankämpft, zum verbesserten Image der Tiere bei. Sicherlich sorgt der Tierschutz dafür, die Fledermäuse ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken und hilft mit, dass ihr Platz auf Erden nicht vollkommen ausgelöscht wird. Die Basilika Weingarten bietet einen Schutzraum für die bedrohte Tierart. Hier dürfen sich alle wohlfühlen: die Gläubigen, die Touristen und eben auch die Fledermäuse!

 

Hinweis: Der Naturschutzbund Deutschland bietet Fledermaus-Patenschaften an:  www.nabu.de

 

 

 

Eine ermattete Fledermaus, die den Weg aus dem Tagungshaus nicht mehr gefunden hatte, wird eingefangen und versorgt.


Ausschnitt aus dem Deckengemälde des Barockmalers Cosmas Damian Asam in der Basilika.


Im Barock hielt man Fledermäuse für Wesen, die mit den Mächten der Hölle zu tun haben, wie auf dem Bild links unten zu sehen ist.