Kretschmann fordert mehr Engagement

Christen müssten für Europa kämpfen, denn ihre Werte prägten es. Dazu hat Ministerpräsident Kretschmann im Gespräch mit Bischof Dr. Fürst und der Vaude-Chefin Dr. von Dewitz aufgerufen.

Europa hat viele Mängel, und niemand würde wohl bestreiten, dass die Europäische Union eine tiefe Krise durchlebt. Doch angesichts massiver politischer Angriffe auf die EU vor allem von Seiten rechtspopulistischer, nationalistischer Kräfte und autokratischer Regierungen wie in Polen und Ungarn melden sich zunehmend auch die Freunde Europas zu Wort und mahnen, die Errungenschaften des vereinten, friedlichen und freiheitlichen Europas nicht aufs Spiel zu setzen. Eine tiefe Verbundenheit zu den Werten und der freiheitlich-demokratischen Verfasstheit Europas prägte denn auch die Veranstaltung der Akademie im ehemaligen Kloster in Weingarten zum Thema „Freiheit und Verantwortung. Mehr Mut zu Europa?!“. Mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Gebhard Fürst, sowie der Tettnanger Unternehmerin Dr. Antje von Dewitz hatte der Abend im voll besetzten großen Saal des Tagungshauses leidenschaftliche Fürsprecher Europas. 

Europa bedeute geschichtlich einen „großartigen Reichtum“, sagte die Akademie-Direktorin Dr. Verena Wodtke-Werner zum Auftakt der Veranstaltung. Und sie konstatierte: „Der einstige Flickenteppich der Länder hat durch die EU einen Knoten bekommen“. Zugleich beklagte sie, dass die Medien eher unter einem nationalen Blickwinkel statt mit dem Blick auf das große Ganze über Europa berichteten. Dabei sei angesichts der politischen Krise der EU ein breiter Diskurs über die Bedeutung der EU-Wahlen für die künftige Richtung nötig. Initiativen wie „Pulse of Europe“ und „friday for future“ stellten sich aber immerhin der Frage, „wie kann man Europa erzählen?“

Kretschmann: Klöster sind Leuchttürme der europäischen Zivilisation 

Ministerpräsident Winfried Kretschmann brachte den Gästen Europa in seiner Rede vom Veranstaltungsort her nahe – dem ehemaligen Benediktiner-Kloster sowie der prächtigen benachbarten Basilika: „Diese Orte waren nicht nur wichtig für die Christen, sondern für Europa“, sagte Kretschmann und erinnerte an die 10 000 Klöster Europas, die  „Leuchttürme der europäischen Zivilisation“ seien. Sie hätten „Überragendes für Kunst, Kultur, Wissen, Forschung und Zivilisation geleistet.“ Kretschmann bezeichnete die lateinische Sprache als „allererstes Internet der Menschheit“, weil sie gemeinsame Kommunikation ermöglichte. Er erinnerte auch an die Alphabetisierung und die Verbreitung von Kulturtechniken in Klosterschulen – ob im Acker- und im Weinbau oder in den Grundlagen für die moderne Medizin und Wissenschaft. Das Christentum sei aber auch wichtiger Nährboden für die heutigen Werte Europas wie Barmherzigkeit und Solidarität. Archetypen dieser Kultur seien nicht die Schönen und Reichen, sondern der Heilige Martin, der seinen Mantel geteilt habe, um einem Armen zu helfen. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit - diese Gedanken entwickelten auch heute noch eine gewaltige Kraft, wenn man sie ins Politische übersetze. Kretschmann erinnerte an den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der einst sinnbildlich sagte, Europa sei auf drei Hügeln gebaut: Golgatha, die Akropolis und das Kapitol in Rom.  Diese Einheit bilde das kollektive Gedächtnis Europas, sagte Kretschmann; er beschrieb Freiheit, Solidarität und Emanzipation als unser Erbe, das aus Humanismus hervorgegangen sei.

Der baden-württembergische Ministerpräsident erinnerte zudem daran, dass Europa seit 70 Jahren Frieden sichere. „Der Weltkrieg ist nur aus Nationalismus hervorgegangen“ sagte er. Krieg sei Jahrhunderte lang der Normalzustand gewesen. Der Nationalismus sei noch nicht überwunden, mahnte der Stuttgarter Regierungschef. Man müsse deshalb immer wieder daran erinnern: „vier Fünftel unserer Habe sind europäisches Gemeingut.“ Die „Aufklärung“ hat aus uns Bürger gemacht, eine Gemeinschaft der tätig Handelnden“. Es gehe nicht um Abstammung und Volksgemeinschaft, sondern es gelte der Satz „Es kommt nicht darauf an, woher einer kommt, sondern wohin er will.“

Kretschmann mahnte aber auch, das bei vielen Menschen verbreitete Gefühl von Kontrollverlust ernst zu nehmen. Für den Brexit sei mit der Parole geworben worden „taking back control“; nun zeige sich, dass genau das Gegenteil erreicht worden sei: „Der Brexit ist eine schlimme politische und wirtschaftliche Selbstverstümmelung und ein verlorenes Jahrzehnt für Großbritannien“, analysierte er und erinnerte an den britischen Spruch: „Wenn Du nicht mit am Tisch sitzt, stehst Du auf der Speisekarte“. Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen ließ der Ministerpräsident keinen Zweifel daran, dass es bei der EU-Wahl im Mai um eine „fundamentale Richtungsentscheidung“ gehe: Nötig sei „neue Leidenschaft“ für die EU, „denn nur mit der EU gibt es eine Chance in der Welt für die europäischen Werte“. Das bedeute nicht, dass sich die EU von der Wasserversorgung über die Struktur der Sparkassen bis hin zum Wohnungsbau in alles einmischen solle, sagte Kretschmann. Vielmehr biete die katholische Soziallehre ein sehr gutes Strukturprinzip: Man müsse die Dinge von unten nach oben denken. Aber im Jahr 2050 mache die Bevölkerung Europas nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung aus. Man setze Freiheit, Frieden und Wohlstand aufs Spiel, wenn man  angesichts dieser Entwicklungen nicht gemeinsam handle.

Fürst: Der Martinsweg ist ein Lehrpfad für Barmherzigkeit

Bischof Dr. Gebhard Fürst stieß ins gleiche Horn. Er erinnerte daran, dass „das Christentum das Gesicht Europas wesentlich geformt“ habe und die EU durch das christliche Menschenbild geprägt sei. Fürst fragte aber: „Ist die EU auch in unseren Herzen angekommen?“ und sprach von „einer Schicksalswahl“ für die Europäische Union. Er verwies darauf, dass es allein in Stuttgart 149 katholische Gruppierungen und Gemeinden gebe und fragte „Was würde wohl in der Stadt passieren, wenn die alle unter nationalistisch-völkischem Denken aktiv würden?“ Getaufte Christen seien universal, sagte der Bischof und: „Wir sind eine universelle Religion“.  Fürst erinnerte daran, dass die Europäische Union im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis erhalten habe und mahnte: „Das soziale Europa steht auf dem Spiel“.

Für den Bischof ist deshalb Martin von Tours, der Heilige des Teilens, eine Leitfigur für ein humanes Europa. Geboren in Panonien – dem heutigen Ungarn – danach als Mönch und Bischof in Italien und Frankreich – sei Martinus nicht Zuschauer geblieben, sondern Akteur geworden und einer der Väter des christlichen Abendlandes. Seine Mission für Arme und in Not Geratene sei eine inspirierende Botschaft gegen Ausgrenzung. Seit 1700 Jahren stehe Martin für christliche Nächstenliebe, die Revolutionen bewirken könne. Er sei eine  Quelle der Spiritualität und Generosität. Der internationale Martinsweg, der ihm zu Ehren von Ungarn über Österreich, Deutschland, Luxenburg bis Frankreich führt, sei deshalb auch ein geistlicher Weg, der Orte der Barmherzigkeit und des Teilens erfahrbar mache. „Es ist ein Lehrpfad für menschliche Zuwendung auf Augenhöhe“, beschrieb Fürst den Pilgerweg „und ein begehbares Zeichen gegen Abschottung“. 

Antje von Dewitz fordert Gemeinwohl-Ökonomie

In der anschließenden Podiumsdiskussion sagte die Geschäftsführerin des Tettnanger Outdoor-Ausrüstungsunternehmens, Dr.Antje von Dewitz, sie nehme eine starke Orientierungslosigkeit und eine Sinnsuche wahr, etwa zu Themen des Klimawandels und der Ungezügeltheit von globalen Unternehmen. „Wir haben keine Antworten, beklagte von Dewitz, „weder die Politik noch die Kirchen“. Aber es gebe Kraft, wenigstens die Themen auf den Tisch zu packen, wie es etwa derzeit die schwedische Umweltaktivistin Greta vormache. Von Dewitz forderte eine „Gemeinwohlökonomie“, in der sie eine wichtige Analogie zur katholischen Soziallehre sieht. Für die Unternehmerin ist die EU „die beste aller Wertegemeinschaften und es ist Zeit aufzustehen, für diese Werte einzustehen und für Toleranz und Freiheit zu kämpfen“. Unternehmer sollten deshalb ihre Belegschaften auffordern, an der EU-Wahl teilzunehmen. Von Dewitz kritisierte zudem, dass sich nicht alle Folgen des Handelns von Wirtschaft und Konsumenten im Preis wiederspiegelten. Sie wünsche sich Lieferketten, in denen die Zukunft der Welt und soziale Mindeststandards festgeschrieben seien. Sie forderte deshalb die Politik auf, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass nachhaltiges Wirtschaften zur Grundlage gemacht wird und nicht als Freiwilligkeitsleistung von Unternehmern angesehen wird. „Wir sind innovativ und schaffen Lösungen, sobald es politische Impulse gibt“, ermunterte sie den Ministerpräsidenten.

(Barbara Thurner-Fromm)

Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bischof Dr. Gebhard Fürst und die Unternehmerin Dr. Antje von Dewitz forderten mehr Engagement für Europa.


Die Akteure des Europa-Abends (von links nach rechts) Moderator Dr. Hendrik Groth, Bischof Dr. Gebhard Fürst, Vaude-Geschäftsführerin Dr. Antje von Dewitz, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Akademie-Direktorin Dr. Verena Wodtke-Werner.


Der Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, Dr. Hendrik Groth, im Gespräch mit Bischof Dr. Gebhard Fürst.


Ministerpräsident Kretschmann unterhält sich mit Antje von Dewitz.


Über Wirtschaft und Europa unterhielten sich ( von links) Professor Berthold Löffler, Wirtschaftsförderer Walter Rogg und das Unternehmerehepaar Wolfgang und Elisabeth Grupp.