Dynamik und Desaster

Schön und katastrophal – zwischen diesen Polen bewegt sich die Kunst von Stefan Rohrer. Seine Auto- und Motorrad-Objekte verdeutlichen die Dynamik der Fahrzeuge, aber auch den Crash.

Aus einer Spannung heraus erhält die Ausstellung mit Arbeiten von Stefan Rohrer einen ganz besonderen Reiz: Das beginnt schon mit dem Ort der Ausstellung: Das Tagungshaus der Akademie im ehemaligen Kloster Weingarten ist wahrlich nicht der genuine Ort für Objekte mit einem Motorrad, einer Vespa oder gar Rennboliden. In den hohen barocken Gängen fällt der Blick auf das Hellblau des sich um einen Laternenmast windenden Rollers ebenso wie auf das Yamaha-Grün eines überlangen und dynamisch verformten Motorrads. Fünf Männer waren nötig, um dieses schwergewichtige Objekt aufzubauen. Fasziniert von Geschwindigkeit, Dynamik, von leuchtenden Farben und technischer Raffinesse ist freilich nicht nur Stefan Rohrer. Fasziniert zeigten sich auch Besucherinnen und Besucher der Vernissage.


In ihrer Begrüßung bezeichnete die Fachbereichsleiterin Kunst der Akademie, Dr. Ilonka Czerny, Rohrers Arbeiten als „racinghaft“; und in der Tat ist die Geschwindigkeit ein wesentliches Element der Arbeiten des gelernten Steinmetzmeisters Rohrer, sie scheinen in ihrem Schwung vorbeizufliegen, erinnern an Kurvenfahrten, bei denen man die Fliehkraft spürt.

Eleganz und Schnelligkeit, aber auch Crash und Blut

Werner Meyer, der langjährige Leiter der Göppinger Kunsthalle, beschrieb die Spannung in Rohrers Arbeiten mit den Worten „schön und katastrophal“. Auf der einen Seite symbolisiere Rohrer, der einst Automechaniker werden wollte, in seiner Kunst die Faszination Auto: seine Bewegung, Eleganz und Schnelligkeit. Auf der anderen Seite verdeutliche er auch das Risiko, den Crash, die Verformung – und erzähle damit dichte Geschichten von Katastrophen, bei denen Blut fließe, es zu abruptem Stillstand komme und Dynamik in Sekundenbruchteile eingefroren werde. Er wecke damit bei den Betrachtenden Assoziationen und Einbildungskraft.

Meyer verdeutlichte dies mit der hellblauen Vespa, die von einem blauen Himmel, schönen Augen, jugendlicher Leichtigkeit und Abenteuer ebenso erzählt wie von dem Moment, in dem sich alles verdichtet, in dem sich etwa ein Date in eine Katastrophe verwandelt, weil der Fahrer die Kontrolle verliert über das Fahrzeug. Die Dynamik, mit der sich die Vespa um den Laternenpfahl wickelt, zeigt zugleich das Scheitern, die Deformation, die Fliehkräfte, die wie eingefroren sind. All dies, so Meyer transportierten Rohrers Arbeiten. Sie seien zugleich aber auch grotesk und komisch. Dass die Menschen bei diesem Geschehen fehlten, rücke zugleich die Dinge in den Vordergrund.
Die Ambivalenz von Bewegung und Starrheit, von Ruhe und Bewegung machten den Augenblick zur Geschichte, erläuterte Meyer. Und zwei Protagonisten aus Rohrers Objekten, der Ford Capri als Sportwagen des kleinen Mannes sowie der Opel Manta als ein Synonym für wenig Hirn, aber viel Macho-Gehabe spiele mit Auto- und mit Heldentypen. In einer Videoinstallation erkennt Meyer die Ästhetik des Kaleidoskops, die hier zu Fragmenten eines Crashtests wird: Dekonstruiert und neu zusammengebaut. Immer wieder.

Fische aus Altöl symbolisieren Ambivalenz

Neben den Auto-Objekten sind in der Ausstellung auch Zeichenarbeiten aus Altöl zu sehen: Fische, die zunächst wie ein Fremdkörper zwischen den Auto-Objekten wirken. Der Kunsthistoriker Meyer weiß aber auch sie im Zusammenhang zu deuten: In ihrer Unterschiedlichkeit sieht er darin Prototypen, wie sie für die Entwicklung von Autos nötig sind. Doch in ihrer Schönheit werde auch hier Dialektik deutlich: Dass sie in Altöl gezeichnet seien, lasse die Katastrophe erahnen, die Autos für die Natur bedeuteten. Schönheit und Desaster – auch hier die beiden Seiten einer Medaille.

Meditative Klänge und Alarmismus

Es war Zufall, aber irgendwie die Ambivalenz von Rohreres Kunst fortführend, erklangen bei der Vernissage auch die Töne aus der Harfentrommel des Freiburger Perkussionisten Michael Kiedaisch. Ruhig, fast meditativ, drangen sie, zunächst von Klangschalen ergänzt, ans Ohr. Aufgeregt, fast alarmistisch tönte Kiedaischs Trommel beim zweiten Stück. Und dass das Stück just in dem Moment verklang, als die Glocken der benachbarten Basilika mit dem Zwölfuhr-Läuten immer lauter in den Saal drangen, symbolisierte den Ausstellungs-Titel „Kreuzung“ auf ganz besondere Weise.
(Barbara Thurner-Fromm)  

 

Info: Die Ausstellung ist zu sehen bis 17. Mai 2020. Sie ist werktags von 9 bis 18 Uhr, samstags und sonntags auf Anfrage geöffnet.

Der Künstler Stefan Rohrer ist fasziniert von Autos.


Fünf starke Männer waren nötig, um die Motorrad-Skulptur in Weingarten aufzubauen.


Das Vergnügen, das eine Vespa-Fahrt bereitet, kann man noch erahnen, die Kraft, die bei einem Unfall wirken kann, aber auch.


In Kawasaki-Grün leuchtet ein Motorrad, das Stefan Rohrer grotesk in die Länge gezogen hat.


Der Kunsthistoriker Werner Meyer führte in das Werk von Stefan Rohrer ein.