Die Welt im Kleiderschrank

An den Auswirkungen der Textilproduktion und des Kleidungskonsums zeigt sich die globale Verantwortung im Umgang mit Textilien. – Und hier sind wir alle gefragt.

Die Tagung „Hautnah – Kleidung, unsere zweite Haut“ konnte pandemiebedingt nicht wie geplant am 24.April 2020 stattfinden; dabei war der Termin mit Bedacht gewählt, handelte es sich doch um den siebten Jahrestag des Einsturzes der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem mehr als 1100 Menschen getötet und 2500 Menschen verletzt wurden. Dieser Unfall löste eine weltweite Debatte über die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie aus und sensibilisierte viele KonsumentInnen. Die Tagung, zu der Dr. Heike Wagner eingeladen hatte, fand nun online und in Kooperation mit Frau Prof. Dr. Marieluise Kliegel von der Pädagogischen Hochschule Weingarten statt. Die Wochenendveranstaltung widmete sich der Textilproduktion und dem Textilkonsum aus kulturgeschichtlicher, sozialer, ökologischer, ökonomischer und technischer Perspektive.

„Lebensbegleiter von der Wiege bis zur Bahre“

In ihrem Einführungsvortrag präsentierte Prof. Dr. Marieluise Kliegel, Professorin im Fach Alltagskultur und Gesundheit an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, einen Überblick über die Relevanz der Kleidung, unserer zweiten Haut. Textilien sind „Lebensbegleiter“, die oft nicht in ihrer komplexen Bedeutung wahrgenommen, sondern als alltägliches Wegwerfobjekt gering geschätzt werden. Dafür müssen allerdings Textilien sehr viel leisten: Sie dienen der Repräsentation und Distinktion des Trägers oder der Trägerin, sind Schmuck und Schutz zugleich, sie sind funktional und haben einen hohen Gebrauchswert. Außerdem unterstützen Textilien die menschliche Gesundheit, erhalten die Leistungsfähigkeit und ermöglichen Wohlbefinden, sie sind Ausdruck unseres ästhetischen Empfindens und sind nicht zuletzt ein wesentliches Mittel nonverbaler Kommunikation und Interaktion.
„Im privaten Kleiderschrank haben wir die ganze Welt.“, so Marieluise Kliegel. In dieser Metapher werden die globalen Verflechtungen zwischen Produktion und Konsum offensichtlich, weshalb ein verantwortungsvoller und nachhaltiger Umgang mit Textilien unbedingt als Alltagshandeln erlernt werden muss. Hieraus ergibt sich für Prof. Kliegel ein unbedingter Bildungsauftrag, den alle Schularten dringend erfüllen müssen, weil das Wissen um die Herstellung der Kleidung, die Pflege und Reparatur sowie ihre Wiederverwertung nicht mehr gegeben ist.

Neben all den positiven Eigenschaften, die der Kleidung zugeschrieben werden, ist sie als „Gift im Kleiderschrank“ auch gesundheitsgefährdend – sowohl für die in der Textilindustrie Beschäftigten, die während des Herstellungsprozesses mit Chemikalien und Verfahren der Ausrüstung in Berührung kommen, als auch für die KonsumentInnen, die die Kleidung auf der Haut tragen. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, dass das Wissen um die textile Kette als Baustein der Bildung für nachhaltige Entwicklung in alle Bildungspläne aufgenommen wird – so Frau Kliegels eindringliche Forderung.

Kulturgeschichte der Menschheit ist Textilgeschichte

Mit diesen prägnanten Worten wies Prof. Dr. Eva Schmidt, die 1972 das Fach Haushalt/Textil an der PH Weingarten aufgebaut hat, auf die Bedeutung der Kleidung als anthropologische Konstante hin und zeigte auf, wie eng verwoben die kulturelle Entwicklung der Menschen mit den Innovationen in der Textilherstellung ist. Sie beklagte die schwindenden Kenntnisse über Kleidung, ihre Herstellung und ihre Erhaltung, die zu einer Geringschätzung der Textilien führen. Ein wichtiges Anliegen von Prof. Eva Schmidt ist die Gebrauchswerterhaltung der Kleidung, zu der die richtige Wäschepflege und die Reparatur schadhafter Kleidungsstücke gehören. Dieses Wissen um den richtigen Umgang mit Textilien muss ihrer Meinung nach unbedingt wieder eingeübt werden. Wie wichtig die korrekte Pflege der Kleidung ist, zeigt sich für Eva Schmidt gerade jetzt in der Corona-Pandemie, in der der Hygiene eine herausragende Rolle zukommt.

Nachhaltigkeit als Firmenkonzept

Die Sicht der Textilindustrie vertrat Catherine Haenle von der Firma Mey, die gemeinsam mit Ihrer Kollegin, Joy Leonie Defant, den Wäschehersteller aus Albstadt vorstellte. Die Firma Mey ist als 1928 gegründeter Familienbetrieb seit mehr als 90 Jahren der nachhaltigen Produktion verpflichtet. Mey setzt auf nachhaltiges Handeln als eine Säule, die den unternehmerischen Erfolg langfristig sichert. Konkret bedeutet dies, dass das Konzept der CR (Corporate Responsibility) mit der Auswahl der Rohstoffe und langjährigen Partnerschaften mit Lieferanten beginnt und sich durch alle Abteilungen des Unternehmens zieht: So werden die Stoffe selbst produziert, die Wertschöpfung geschieht zu mehr als 50 Prozent in Deutschland, und die Konfektion stammt zu mehr als 80 Prozent aus den eigenen Betrieben in Albstadt, Portugal und Ungarn. Wie sich die Firma Mey der Herausforderung der nachhaltigen Produktion und der Werteerhaltung konkret stellt, erklärte Catherine Haenle am Beispiel des „Schwäbischen Bügelbumerang“, für den die Firma Mey im Jahr 1998 den Deutschen Umweltpreis erhielt. Seit 1997 werden die Kleiderbügel aufbereitet und mehrmals wieder verwendet, womit 30 Tonnen Plastikabfall jährlich eingespart werden.

Wäsche für Männer in Szene gesetzt

Die makropolitische Ebene

Zu Beginn seines Vortrags „Textilproduktion: Ökologie und Menschenrechte“ zitierte Pfarrer Ralf Häussler, der Leiter des Zentrums für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) der Evangelischen Landeskirche, Bischof Medardo Gomez aus El Salvador in Mittelamerika, der die globale Perspektive auf Bekleidung auf den Punkt bringt: „Es muss im Norden anders werden, damit es im Süden besser werden kann!“

Seit den 1990er Jahren thematisiert das ZEB Kleidung und ihre Herstellung und nimmt dabei Kleidung als elementares Lebensbedürfnis aller Menschen in den Fokus. Das ZEB informiert über die Erfahrungen der Männer und Frauen, die Textilien für die ganze Welt produzieren, mit dem Ziel, ein Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen zu schaffen und damit an einer positiven Veränderung der Produktionsbedingungen mitzuwirken. Hierbei spielt Bildung eine zentrale Rolle.

Wie es gelingen kann, über verantwortungsvollen Textilkonsum zu informieren, wird an der Kampagne „Future Fashion“ der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit in Baden-Württemberg / SEZ deutlich; sie wendet sich an junge Leute und motiviert zu einem bewussten Umgang mit Kleidung.

Weitermachen wie bisher kann es nicht geben

Melina Figel vom Fachbereich Textil an der PH Weingarten stellte fest, dass wir mit einem Überangebot an Konsumartikeln leben, weshalb uns nicht nur der „Besitzinfarkt“ droht, sondern auch die Ressourcen immer knapper werden. Frau Figel forscht zu der Frage, wie es gelingen kann, den KonsumentInnen neue Wege im Umgang mit Textilien aufzuzeigen, die nicht auf Konsummaximierung basieren, sondern zur Konsumbefriedigung führen. Hierzu müssen neue Handlungsmuster gewonnen und ausprobiert werden. Viele KonsumentInnen wissen zwar über die Schattenseiten der Textilindustrie Bescheid, blenden diese Kenntnisse bei der Kaufentscheidung allerdings aus. Denn so lange eine Bedrohung nicht persönlich spürbar ist, spielt dieses Wissen bei der Kaufentscheidung keine Rolle. Für die Bildung stellt diese Handlungsweise eine Herausforderung dar.
Wie ein Umdenken bei Konsumentscheidungen gelingen kann, macht Frau Figel am Konzept des „Rethinking“ deutlich, das auf der Änderung der Denkweise des Verbrauchers/ der Verbraucherin basiert und somit zur Ausbildung neuer Lebensstile führt, die das Bedürfnis nach einer nachhaltigen Lebensweise bei den VerbraucherInnen wecken. Wichtige Lernziele dabei sind, dass Genuss und Mode mit Aufmerksamkeit und Verantwortung verbunden sind und Mode ein Prozess und kein Produkt ist.

Fairer Umgang mit gebrauchter Kleidung

Auch das Ende der textilen Kette muss in den Blick genommen werden, denn der Umgang mit abgelegter Kleidung ist der Spiegel unserer Haltung gegenüber Textilien. Die weltweite Kleidungsproduktion hat sich von 2000 bis 2014 verdoppelt, die Tragezeit eines Kleidungsstücks hat sich von 2002 bis 2017 halbiert. Anton Vaas, Geschäftsführender Vorstand der Aktion Hoffnung e.V., stellte in seinem Beitrag vor, wie praktisches Handeln am Ende der textilen Kette funktionieren kann und vor welchen Herausforderungen der Altkleiderhandel steht: Ein Markt, in dem in Deutschland jährlich 1,3 Millionen Tonnen gebrauchte Textilien anfallen und der so gesättigt ist, dass er, wenn keine gesetzgeberischen Maßnahmen ähnlich dem Grünen Punkt getroffen werden, nach Überzeugung von Anton Vaas bis 2025 kollabiert. Noch verschärft wird die Situation auf dem Altkleidermarkt durch die Corona-Pandemie; die Altkleidercontainer sind übervoll und die Entsorgungsketten unterbrochen.

Die Aktion Hoffnung e.V. leistet einen wertvollen Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit Bekleidung. Sie sammelt, sortiert und vermarktet gebrauchte Kleidungsstücke und Textilien. Mit den Erlösen, die unter anderem durch den Verkauf von Second Hand Mode in den vier Secontiquen in Aalen, Albstadt, Ulm und Stuttgart erzielt werden, unterstützt Aktion Hoffnung Eine-Welt-Projekte.

Nachhaltigkeit für den Textilkonsum  

Als Referentin von FEMNET e.V. lud die Entwicklungspolitologin und Textilgestalterin Dagmar Rehse die TeilnehmerInnen ein, in Gedanken einen Ausflug in den eigenen Kleiderschrank zu unternehmen. Nicht ohne Grund, denn im Durchschnitt besitzen Menschen in Deutschland 95 Kleidungsstücke (ohne Socken und Unterwäsche) und kaufen jährlich 60 neue Kleidungsstücke (Stand 2019). Frau Rehse plädierte für einen bewussteren Umgang mit Kleidung und gab praktische Empfehlungen für den Einkauf und die Kleiderpflege. FEMNET hat sich zum Ziel gesetzt, Arbeits- und Menschenrechte für Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie einzufordern und durchzusetzen. Die Aufklärung der KonsumentInnen über Produktionsbedingungen und den Umgang mit Bekleidung liefert hierzu einen wichtigen Beitrag.

Der Grüne Knopf

Im öffentlichen Abendvortrag stellte Sebastian Herold vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit dem Grünen Knopf das staatliche Siegel für nachhaltige Textilien zur Diskussion, das seit 2019 am Markt ist und KonsumentInnen Orientierung bei den über 40 existierenden Textilsiegeln bieten soll. Der Grüne Knopf beinhaltet unternehmens- und produktbezogene Anforderungen und verbindet soziale mit ökologischen Kriterien. Bei einer Umfrage des Branchenmagazins Textilwirtschaft gaben 73  Prozent der Fashion-Hersteller an, dass „Nachhaltigkeit das drängendste Problem unserer Zeit“ sei. Der Grüne Knopf soll nun dabei helfen, das Thema Nachhaltigkeit in die Breite zu tragen. Wie dringlich dies ist, wird daran deutlich, dass die Textilindustrie der größte Umweltverschmutzer nach der Erdölindustrie ist, wie Dr. Heike Wagner in ihrer Einführung betonte. Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FEMNET, begrüßte den Ansatz des BMZ, Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen, kritisierte in der anschließenden Podiumsdiskussion andererseits auch, dass in der aktuellen Pilotphase des Grünen Knopfes, die bis Ende 2021 geht, weder die gesamte Lieferkette abgedeckt wird noch die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern in die Zertifizierung mit einfließen.

„Textil ist nicht ohne Chemie zu machen.“

Mit diesem Statement führte Jan Beringer von den Hohenstein Laboratories in seine Präsentation ein und leitete daraus die Frage ab, wie Textilien „grüner“ produziert werden können. Denn auch wenn die Rohmaterialien wie Wolle oder Baumwolle „sauber“ sind, so ist der Produktionsprozess nicht ohne Chemie denkbar – schon bei gefärbtem Garn stellt sich die Frage nach der biologischen Abbaubarkeit. Dieser Herausforderung stellt sich das Institut Hohenstein, das seine Forschungsaufträge aus der Industrie erhält, – denn viele Firmen wollen „nicht schmutzig produzieren“. Beringer forderte dazu auf, zu Textilien eine andere Beziehung zu entwickeln und das Ende der Textilen Kette schon beim Kauf im Blick zu haben. Und dies heißt aus der Sicht des Naturwissenschaftlers, dass Textilien so beschaffen sein sollten, dass sie nach Ende der Tragezeit dem Rohstoffkreislauf wieder zugeführt werden können, die Bioabbaubarkeit von Textilien also zum Standard von Recycling gehört.

Fazit der Tagung: Die Welt erstickt in der Überproduktion von Textilien und die aktuelle Corona-Pandemie verschärft die Situation zusätzlich. Daraus ergeben sich klare Handlungsanweisungen an Hersteller wie KäuferInnen: Weniger Kleidung produzieren und diese zu höheren Preisen verkaufen sowie höherwertige Kleidung kaufen und diese länger tragen. Denn Kleidung wird von Menschen gemacht, die die gleichen Rechte auf gute Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne und eine intakte Umwelt haben wie diejenigen, die die Kleidung vermarkten oder tragen. Eine Handlungsperspektive bietet das Eintreten für ein Lieferkettengesetz in Deutschland, der EU und auf der Ebene der UN.

(Kerstin Hopfensitz)

Info: Die Tagungsbeiträge werden im Online-Journal der Akademie veröffentlicht.

 

Sebastian Herold, Ralf Häussler, Dr. Gisela Burckhardt, Dr. Heike Wagner, Prof. Dr. Marieluise Kliegel bei der Podiumsdiskussion zum Grünen Knopf

Melina Figel zeigt, warum wir „neu“ konsumieren lernen müssen.

Sebastian Herold stellte den Grünen Knopf in einem öffentlichen Abendvortrag vor.