Zusammenhalt und Konfliktpotenzial

Die Tagung „Die jüdische Familie in der Frühen Neuzeit“ knüpft an die Bedeutung der Fragen nach der Herkunft für die Konstruktion der eigenen Identität innerhalb der jüdischen Geschichte an.

von Maximilian Grimm

Bereits zum 22. Mal tagte das Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur der Frühen Neuzeit am 5. und 6. Februar 2022 in Stuttgart-Hohenheim. Mit dem Titel „Die jüdische Familie in der Frühen Neuzeit“ knüpfte die Tagung an die große Bedeutung der Fragen nach der Herkunft für die Konstruktion der eigenen Identität innerhalb der jüdischen Geschichte an und widmete sich einer Thematik, die Anschluss für ein breites Feld interdisziplinärer Forschungsansätze bietet.

Die Wichtigkeit dieses Themenfelds spiegelte sich in Mirjam Thulins eröffnendem Beitrag wider, in dem die Entwicklung der jüdischen Familienforschung seit dem 19. Jahrhundert im Mittelpunkt stand. Ein Forschungsfeld, das sich entlang den wissenschaftlichen Trends entwickelte und mit den Themenfeldern der modernen Geschichts- und Familienforschung Schritt hielt. Franziska Strobel schloss daran mit einem Beitrag zu den Möglichkeiten der Digitalisierung an, um am Beispiel von Ehe- und Familienverbindungen der jüdischen EinwohnerInnen Fürths das Potential graphenbasierender Datenbanken für die Unterstützung der Forschenden zu Modellierung und Auswertung von komplexen Strukturen herauszustellen.

Heiratsverträge und Erbregelungen

Mit der Frage nach den Hintergründen der Protokollierungspflicht jüdischer Heiratsverträge im Florenz des 17. und 18. Jahrhunderts näherte sich Samuela Marconcini anhand einer anderen Perspektive dem Thema Ehe an und stellte die Frage, welchem obrigkeitlichen Interesse die Protokollierung entsprang. Paola Ferruta erweiterte diesen Fokus auf die Rolle der Ehe um eine Betrachtung von Heiratsverträgen und Erbregelungen in Triest um 1800. Im Mittelpunkt stand das Vorgehen, mittels gezielter Heiratspolitik das familiäre Netzwerk auszubauen und den Fortbestand des familiären Geschäfts zu sichern.

Zusammenhalt und Konfliktpotential lagen innerhalb der Familie nahe beieinander, wie Ivo Köth am Beispiel einer Frankfurter Familie nachzeichnete, deren Ansehen und wirtschaftliche Tätigkeit durch einen Zwist um Erbregelungen und rechtliche Auseinandersetzungen Schaden erlitt, woraus wirtschaftlicher und sozialer Abstieg in der städtischen Gesellschaft folgte. Tobias Stampfer konnte dem mit der Familie des Simon von Günzburg einen Fall gegenüberstellen, in dem der gezielte Einsatz der Söhne und Schwiegersöhne in Verhandlungen und die Bemühung um die Versorgung der Nachkommen einen Beitrag zu einem erfolgreichen wirtschaftlichen Handeln darstellte. Den Einflüssen der Familie auf die Reisetätigkeit über die wirtschaftliche Tätigkeit hinaus widmete sich Marie Buňatová. Anhand einer Vielzahl von Belegen wies sie die familienbedingte Mobilität Prager Juden und Jüdinnen nach, die sich aufgrund familiäre Ereignisse wie Hochzeiten, Beschneidungen, sonstigen Besuchen oder dem altersbedingten Aufenthalt bei nahen Verwandten über die Grenzen der Territorien hinwegbewegten.

Erfolgreiche weibliche Familienführung

Während häufig der Mangel an Quellen den Blick auf die Bedeutung jüdischer Frauen in der Familie und in wirtschaftlichen Tätigkeiten verhindert, konnte Christian Porzelt mit einem Beitrag zur Jüdin Esther und ihren Töchtern diese Perspektive deutlich erweitern und das Bild einer erfolgreichen weiblichen Familienführung nachzeichnen. Birgit Klein widmete sich in ihrem Vortrag schließlich jenen, die nach dem Tod eines Ehepartners in eine neue Eheverbindung eintraten. Sie richtete, unter Bezugnahme auf Eheverträge und rabbinische Gerichtsbarkeit, den Fokus auf den Umgang mit Kindern aus erster Ehe, dem Erbe und Geschäftsvermögen nach der Wiederverheiratung.

Vor allem die Bewertung von Heiratsverbindungen, vertraglichen Einigungen, Netzwerken und Handlungsweisen der jüdischen Akteure luden zum regen Austausch der Forschenden ein und bieten weiteren Anschluss für die Forschungsarbeit. An die Ergebnisse und die im Rahmen der Tagung entstanden Fragen möchte das Interdisziplinäre Forum Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit auch im nächsten Jahr anknüpfen und sich stärker sozialen Unterschieden innerhalb der jüdischen Gesellschaft zuwenden.

Darstellung des Sederabends im Kreis der Familie. Hagadah shel Pesaḥ [Ofenbakh], [Tsevi Hirsh Sega"l Śpits], [1794/1795].