68: Provinz-Revolte in Oberschwaben?

Ein Vortrag und eine Diskussion mit ZeitzeugInnen im Tagungshaus Weingarten zeigten eindrücklich, dass die Region Bodensee-Oberschwaben 1968 kein ruhiges Hinterland geblieben ist.

Seit Februar beleuchtete die Vortragsreihe „Revolution! Aufstände und Protestbewegungen in Oberschwaben“ in insgesamt vier Abendveranstaltungen das Verhältnis zwischen Provinz und revolutionärem Potential. Organisiert wurde die Reihe vom Fachbereich Geschichte in Kooperation mit der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur und dem Zentrum für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Vorträge zum Bauernkrieg von 1525 und den Revolutionen von 1848/49 und 1918/19 konnten zeigen, dass die aufständischen Bewegungen an der „Provinz“ Oberschwaben nicht spurlos vorbeigegangen waren.

Der letzte Abend der Reihe am Dienstag, 19. Juni, widmete sich den Ereignissen des zum Symbol gewordenen Jahres 1968. Dr. Stefan Feucht, der Leiter des Kulturamtes Bodenseekreis, zeigte in einem einführenden Vortrag auf, dass der Protest in der Region sich an den gleichen Themen entzündete wie im Rest der Republik – etwa an den als autoritär und undurchlässig empfundenen Bildungsverhältnissen, an den geplanten Notstandsgesetzen, am Vietnamkrieg, an der Empörung über die Springer-Presse, der eine Mitschuld an der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg in Berlin gegeben wurde, oder am Umgang mit der deutschen NS-Vergangenheit. Regionale Besonderheit war hier allerdings der NPD-Wahlkampf zur Landtagswahl im April 1968, der viele, vor allem junge Menschen provozierte und politisierte.

Von Konstanzer Unruhen sogar Berichte in China

Reich bebildert berichtete Feucht von verschiedenen Aktionen, etwa vom berühmt gewordenen Protest gegen Bundeskanzler Kiesinger in Biberach am 22. April 1968 oder von den „Konstanzer Studentenunruhen“ vom 24./25. Juni 1968, über die sogar in der Pekinger „Volkszeitung“ berichtet wurde. Beispielhaft konnte er so zeigen, dass der Protest zwar von einer kleinen, engagierten Minderheit ausging, dass dieser aber große Wirkung entfalten konnte. Längerfristig machte sich das auch in der Etablierung eines alternativen Milieus mit Jugendzentren, alternativen Medien und neuen Lebensformen bemerkbar. Fortan sei, wie es der Historiker Norbert Frei formuliert habe, „der ohne Begleitung seiner Partnerin den Kinderwagen schiebende Facharbeiter mit den etwas längeren Haaren auf dem schwäbischen Dorf“ zwar noch lange nicht die Regel, aber zumindest eine Möglichkeit gewesen. Feucht betonte: „Die Teilnehmer der Proteste wussten damals nicht, dass sie ‚Achtundsechziger‘ waren“ – sie hätten ganz unterschiedliche Prägungen und Motivationen gehabt, sich den Protesten anzuschließen.

Das zeigte sich auch in der anschließenden, von Feucht und Prof. Dr. Dietmar Schiersner (PH Weingarten) moderierten Diskussion. Christa Lauber aus Biberach, Alexander Plappert aus Überlingen und Jürgen Leipold aus Konstanz hatten sich 1968 in verschiedenen Formen an den Protesten beteiligt; der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete und Minister a.D. Ulrich Müller war 1968 als Tübinger Student und RCDS-Mitglied auf der konservativ-bürgerlichen Seite gestanden. 

Beim RCDS sah man eine „totalitäre Bewegung" am Werk

Jürgen Leipold trieb in den Sechzigern die Frage um, wie sich Eltern und andere Autoritäten im Nationalsozialismus verhalten hatten. Als „Mobilisierungsfaktor“ wichtig war für ihn aber auch die Ermordung Benno Ohnesorgs. Danach habe sich das Gefühl verbreitet, „das könnte auch uns passieren“. Für Christa Lauber war „der zündende Funke“ der Protest gegen einen Wahlkampfauftritt von Adolf von Thadden, des damaligen Bundesvorsitzenden der NPD, unter dem Motto „Adolf bleibt Adolf“. Aber auch mehrere kritische junge Lehrer hätten einen starken Einfluss ausgeübt. Alexander Plappert schließlich erinnert sich vor allem an die Bilder des US-amerikanischen Massakers in Mỹ Lai, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätten.

Ulrich Müller räumte ein, er habe manche Kritikpunkte der außerparlamentarischen Protestbewegung für berechtigt gehalten, etwa die Defizite im Bereich der Hochschulpolitik. Gestört habe er sich aber an den Methoden der Protestierenden, die sich vor allem über Regelverletzungen Aufmerksamkeit verschafft hätten. Er sei deshalb schnell zur Überzeugung gekommen, es handle sich um eine „totalitäre Bewegung“. Zu dieser Einschätzung beigetragen habe auch die große Anhängerschaft für Mao und andere Diktatoren innerhalb der Studentenbewegung.

In diesem Punkt stimmte ihm Alexander Plappert zum Teil zu. Zusammen mit Mitschülern hatte er, nachdem der autoritäre Direktor seines Gymnasiums über Nacht ohne Absprache Kreuze in allen Klassenzimmern aufhängen ließ, Bilder von Mao und Rudi Dutschke daneben geklebt – seine erste Protestaktion. Heute wisse er, dass Mao ein „blutrünstiger Diktator“ war; das sei ihnen damals nicht bewusst gewesen. Jürgen Leipold ergänzte, man hätte genau gewusst: „Wenn man ein Mao-Bild aufhängt, ist das eine zuverlässige Provokation.“

Deutlichen Widerspruch erregte jedoch Müllers Einstufung der Protestierenden als „totalitäre Bewegung“. Ganz im Gegenteil seien sie selbst angetrieben gewesen von der Einschätzung, die geplanten Notstandsgesetze würden eine totalitäre Gefahr für die Demokratie darstellen. Zudem habe es innerhalb der Protestierenden ganz unterschiedliche Strömungen gegeben, und die „Gewaltfrage“ sei äußerst kontrovers diskutiert worden. Jürgen Leipold räumte jedoch ein: Spätestens, als der erste Freund auf einem Fahndungsplakat auftauchte, habe man sich fragen müssen, wie man weitermachen wolle – „im Abseits“ oder durch konstruktive Mitarbeit „innerhalb des Systems“, in seinem Fall in der SPD.

Einig waren sich alle darin, wie prägend die Zeit um 1968 für ihre eigenen Biographien gewesen sei. Zu denken gab am Schluss die Frage einer jungen Zuhörerin, wie die ZeitzeugInnen die AfD einschätzen würden. Auch hier waren sie sich in ihrer Ablehnung einig. Alexander Plappert bemerkte, die NPD habe 1968 zwar heftige Gegenproteste hervorgerufen – „das waren aber vor allem alte Nazis, die noch einmal hochgekommen sind“. Die heutigen Erfolge der AfD hätten eine ganz neue, erschreckendere Qualität. Auch deshalb appellierte Plappert abschließend an die Jugend, sich wieder zu trauen, mehr Widerspruch zu äußern.

(Johannes Kuber)

Programm der Vortragsreihe: https://www.akademie-rs.de/fileadmin/user_upload/download_archive/geschichte/Programm_Vortragsreihe_Revolution_in_Oberschwaben.pdf

Dr. Stefan Müller, Ulrich Müller und Christa Lauber analysierten die Rolle der Protestierenden bei der Revolte 1968.


Dr. Stefan Feucht machte bei seinem Vortrag die Geschehnisse von 1968 wieder lebendig.