Charles Taylor erster Preisträger

Katholisch-Theologische Fakultät Tübingen verleiht neuen Auer-Preis

Tübingen (ars). Der weltbekannte kanadische Philosoph Charles Taylor (84) ist erster Preisträger des neu gestifteten Alfons-Auer-Ethik-Preises der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen. Dekanin Ruth Scoralick verlieh den mit 25000 € dotierten Preis am Freitag, 27. November, in Tübingen. Der Namensgeber Alfons Auer (1915–2005) war vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einer der bedeutendsten Moraltheologen in Deutschland und Anfang der 1950er Jahre Gründungsdirektor der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der ersten Einrichtung ihrer Art innerhalb der katholischen Kirche.

Der Religionssoziologe Hans Joas (Berlin) würdigt in seiner Laudatio Taylor als „einen der größten Philosophen unserer Zeit“. Als bekennender katholischer Christ und intellektueller Verfechter des Glaubens sei er der angesehenste katholische Denker weltweit, inzwischen auch in Vatikankreisen häufiger zitiert als Thomas von Aquin. Neben Giambattista Vico beschäftigte er sich besonders mit deutschen Geistesgrößen wie Herder, Hamann, Humboldt und Hegel. Vor allem seine Hegel-Monographie hatte seinen anhaltenden Ruhm als Philosoph zur Folge. Seine Themen waren die geistigen Wurzeln des Naturalismus und Szientismus sowie die Geschichte der Säkularisierung, die dazu führte, dass der Glaube nur mehr eine Option unter anderen ist. Seine Moralphilosophie bleibe nicht abstrakt, sondern werde immer konkret, sagte Joas.

In seiner auf Englisch gehaltenen Rede „The many forms of reason“ unterstrich Taylor die Notwendigkeit, bei der Bestimmung der Vernunft und der Wissenschaft der Gesellschaft immer das Selbstverständnis des Menschen mitzubedenken, um eine hinreichende Motivation zum moralischen Handeln zu haben. Dies erfordere einen prinzipiell offenen Interpretationsprozess. Taylors bekannteste Werke sind „Quellen des Selbst“ (1989) über die Entstehung der neuzeitlichen Identität, „Die Formen des Religiösen in der Gegenwart“ (2002) und „Ein säkulares Zeitalter“ (2009), wo er den „säkularen Konsens“ unter Ausblendung der religiösen Standpunkte kritisiert. Taylor ist international bereits vielfach ausgezeichnet worden, so 2007 mit dem Templeton-Preis, der als Nobelpreis der Religionen gilt.

Zu Beginn des Festaktes hatte der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Ehrensenator der Universität Tübingen, Erwin Teufel, den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Ulm, Siegfried Weishaupt, vorgestellt, „ein Vorbild in bürgerschaftlicher Gesinnung und einen der ganz großen Stifter in unserem Land“, auch des Auer-Preises. Sein in Schwendi bei Biberach an der Riss angesiedeltes Unternehmen, Weltmarktführer in Feuerungstechnik, befinde sich in Nachbarschaft zum Geburtshaus von Alfons Auer, der am 12. Februar 1915 in Schöneburg geboren wurde, das heute zu Schwendi gehört und wo eine Gedenktafel an den großen Sohn des Ortes erinnert. 

Die Lebensstationen seines Lehrers zeichnete der Moraltheologe Dietmar Mieth nach. Auer war nach Vikarsjahren in Stuttgart zunächst Studentenseelsorger in Tübingen und mitgründender Direktor der Akademie in Hohenheim, bevor er nach Promotion und Habilitation (über Erasmus von Rotterdam) 1955 seine erste Professorenstelle für Moraltheologie in Würzburg antrat. 1966 kehrte er nach Tübingen zurück und entwickelte hier seine für viele befreiend wirkende „Autonome Moral“ (1971) und nach seiner Emeritierung 1980 auch eine „Umweltethik“ (1985), als noch kaum jemand an den Schutz der Umwelt dachte. Das Ethische war für Auer ein „Implikat der Wirklichkeit“ und so nicht etwas, das sich ‚von oben’ oder ‚von außen’ meldet. „In der Erneuerung der katholischen Moraltheologie nach dem Konzil ist er eine weithin sichtbare und verehrte Größe geworden“, sagte Mieth, der auch auf das im Alter von 80 Jahren veröffentliche Werk Auers „Geglücktes Altern“ hinwies, das für viele Menschen ein Gewinn gewesen sei. Alfons Auer, der in der Kapelle „Auf dem Sand“ noch bis ins hohe Alter als Priester und Prediger gewirkt hat, starb vor zehn Jahren, am 19. November 2005.

Der Auer-Preis der Universität Tübingen soll künftig alle zwei Jahre verliehen werden. Die Akademie, die im Kuratorium vertreten ist, plant zu den Verleihungen jeweils eine Akademieveranstaltung. (ars/kwh)