Bücher fürs Sofa

Zwischen den Jahren ist es in unserer Akademie still; die Kollegen und Kolleginnen genießen den Trubel der Feiertage und die Ruhe zwischen den Jahren. Das Sofa ist da ein guter Platz - mit einem Buch. Eine persönliche Auswahl.

„Ich war bei Martin Walser im Literaturhaus“, berichtete Bettina Wöhrmann aus dem Fachbereich Kunst. „Ich war überrascht und angetan! Obwohl ich Walser ansonsten nicht besonders mag, würde ich mir sein neues Buch: Spätdienst: Bekenntnis und Stimmung  zulegen. Es entspricht keiner gängigen Literaturgattung,  besteht „nur“ aus Vierzeilern (aus seinen Tagebüchern), ist aber durchaus lesenswert und tiefgründig, vergleichbar mit den Aphorismen von Hans Magnus Enzensberger, sehr persönlich, vermutlich sein persönlichstes Werk und sehr lesenswert!“

Martin Walser oder Minutengeschichten

Sabine Ilfrich, die Kollegin aus dem Fachbereich Migration und Menschenrechte, empfiehlt die Biografie Wie man wird, was man ist von Irvin D. Yalom. „Nachdem ich seine Romane und vor allem seine Bücher über Fallbeispiele mit großer Begeisterung gelesen habe, wollte ich wissen, wie der berühmte amerikanische Psychologe sein eigenes Leben bewältigt hat“, erklärt sie ihren Vorschlag. Wie immer spreche er auch in seiner Biographie sehr offen über alle wichtigen Fragen. Ihr Fazit: „Nicht zuletzt in dieser Offenheit, aber auch in seiner großen Neugier scheint das Geheimnis seines gelungenen Lebens zu liegen.“

Hussein Hamdans Lesetipp outet ihn als Spanienliebhaber. Ihn haben besonders inspiriert die Erzählungen von der Allhambra von Washington Irving.  Hamdan, der bei der Akademie die Islamberatung leitet, sagt: „Ich bin ein großer Fan Andalusiens. Zwei Mal habe ich die Region bereist und ich denke bereits schon an die nächste Reise. Sevilla, Cadiz, Cordoba oder Malaga… Das sind wunderschöne Städte.“ Aber Granada habe es ihm  besonders angetan. Granada, der Ort,  an dem eines der schönsten historischen Bauwerke steht, die Allhambra. „Wer sich mit diesem Bauwerk näher beschäftigen möchte, der kommt an den „Erzählungen von der Allhambra“ des 1859 gestorbenen amerikanischen Autors  Washington Irving nicht vorbei.“  Irving kam 1829 als Diplomat nach Granada und  lebte eine Zeitlang in der damals bewohnten Allhambra. Fasziniert von diesem Ort und den Menschen,  stellt Irving den Lesern eine Sammlung von Erzählungen rund um die Allhambra zur Verfügung und beschreibt Erfahrungen und Eindrücke seines Aufenthalts. Dabei, so Hamdan, „gibt er immer wieder Einblicke in die Geschichte der Allhambra sowie der islamischen Herrschaft in Andalusien.“  Das Buch sei unterhaltsam geschrieben, mache nachdenklich und könne zum Träumen anregen.  

Wer ein kleines Kind hat wie unser Kollege Dr. Thomas König, (der den Fachbereich Gesellschaft leitet),  dem fällt zur Frage „was liest Du denn besonders gerne“ etwas ganz anderes ein. Denn Lesen bedeutet bei ihm: Vorlesen.  Baden, kämmen, Pipi machen. Meine allerersten Minutengeschichten von Manfred Mai (Autor) und Marlis Scharff-Kniemeyer (Illustratorin) empfiehlt er wie aus der Pistole geschossen und sagt: „Das bei  Ravensburger erschienene Büchlein  beschreibt  Aktivitäten des täglichen Lebens – uns allen vertraut, doch wer weniger als drei Jahre alt ist, für den ist das alles neu und spannend. Elf kleine Geschichten, die in jeweils einer Minute vorgelesen werden können, begleiten kleine Menschen durch ihr tägliches Leben. Ob Haare waschen, Nägel schneiden oder sich schon ganz allein die Zähne putzen; ganz oft vorgelesen und ganz oft angesehen helfen die Geschichten Kindern, Vertrauen in den Alltag zu entwickeln und ihn zu leben.  Und wer das zu profan findet, dem empfiehlt Tomas König aus der gleichen Reihe: „Lachen, weinen, mutig sein“: Trösten und traurig sein, Mut und Schüchternheit, Trotz und Tapferkeit – alles, was im Leben wirklich wichtig ist.

Geschmackstoffe oder Geschichte der Menschheit 

Judith Herzig, die dieses Jahr als geschäftsführende Management-Assistentin zur Akademie gestoßen ist, kocht gerne zur Entspannung. Ihr Vorsachlag:  Salz, Fett, Säure, Hitze von Samin Nosrat. „In den meisten Kochbüchern wird  beschrieben,  wie man etwas tut,  z.B. wie man aus verschiedenen Zutaten eine Bechamel-Sauce zubereitet", erklärt Judith Herzig.  In „Salt Fat Acid Heat“ lerne man, „warum“ man beim Kochen etwas tut. Warum man zum Beispiel das Kochwasser für Pasta reichlich salzen sollte oder warum Säure und Fett so wichtig dafür sind, dass etwas gut schmeckt. „Und genau das bringt einem ja niemand bei. Irgendwann hat man durch viel Übung zwar ein gewisses Gespür, aber kein wirkliches Wissen. Durch Samin Nosrats Kochbuch versteht man nun, wie und wodurch Geschmack entsteht. Nun muss man sich nicht mehr an Rezepte halten, sondern kann zu improvisieren beginnen. Und damit beginnt der Spaß erst richtig!“

Unsere Praktikantin Jennifer Francke  interessiert sich für ganz anderes. Sie findet Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari spannend. „Das Buch ist zwar schon 2011 erschienen, aber für einen jungen Menschen auch heute noch aufschlussreich“, findet sie. Warum?  „Wer sich schon immer mal dafür interessiert hat, zu erfahren, wie wir Menschen es geschafft haben, so lange als Spezies in einem empfindlichen Ökosystem wie der Erde überleben zu können und uns als angebliche „Krone der Schöpfung“ zu etablieren, der wird dieses Buch kaum noch weglegen können“, sagte die junge Kollegin. Das Buch fasse auf knapp 500 Seiten die wichtigsten Ereignisse und die revolutionärsten Veränderungen der menschlichen Geschichte zusammen und versuche so, den heutigen Fortschritt unserer Gesellschaft sprachlich in den Zusammenhang zu stellen. „Wo wir waren, wo wir sind und in welche Richtung wir uns im aktuellen Jahrhundert noch bewegen werden – all dies sind Fragen, auf die Yuval Noah Harari einen näheren Blick wirft. Die zahlreichen spannenden Anekdoten und Ausführungen über das menschliche Dasein machen das Buch auf jeden Fall zu einer Lektüre, die man auch nach Jahren immer mal wieder gerne zur Hand nimmt“, sagt die junge Frau.  

Krimi oder Kritik der Gesellschaft

Beate Schnarr, die rechte Hand unserer Direktorin, ist eine große Pferdenärrin, hat sich nach Zögern dann aber doch dafür entschieden, nicht die gerade erst erschienene Biografie von Isabell Werth zu empfehlen (wahrscheinlich, weil sie dieser Ausnahmereiterin und ihren Pferden lieber live jedes Jahr in der Schleyer-Halle zusieht). Sie plädiert für den Kriminalroman Böse Leute von Dora Heldt  als bessere Alternative für einen breiteren Lesegeschmack.  Dabei sei das gar kein Krimi im typischen Wortsinn. Eine Rentnertruppe - ein Gläschen Eierlikör muss immer dabei sein -  ermittelt auf der Insel Sylt, weil die Polizei nicht sehr erfolgreich ist. „Das ist sehr komisch und unterhaltsam und außerdem sehr spannend“, findet Beate Schnarr. „Ich habe den Krimi sehr schnell weggelesen, mich dabei köstlich amüsiert und spontan lachen müssen, einfach herrlich!“

Ganz anders gestrickt ist der Vorschlag von Stefanie Jebram, die unsere aktuelle Veranstaltungsreihe „Nachgefragt“ betreut. Ihr Tipp: Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland, Tropen Verlag, 2018, 20 Euro. Und sie schreibt dazu: „Schon sein Name legt den Siegertyp nahe: Victor, steinreicher Investmentbanker und hellsichtiger Zyniker, hat längst alles erreicht, wonach er einst strebte. Als Partner einer M&A-Bank gehört er zur finanziellen Elite mit besten Kontakten in die Bundespolitik; seine formidable Villa prangt in schönster Taunuslage. Allein Antonia, seine Ehefrau und Mutter der gemeinsamen kleinen Tochter, hat ihn vor kurzem verlassen.
Victor, der nun noch ein Stück mehr auf sich selbst und seinen alles sezierenden Intellekt zurückgeworfen ist, sucht angeekelt von materieller und geistiger Langeweile nach neuen Inhalten: Nichts weniger als ein politischer Umbruch muss her. Was als hurtig niedergeschriebenes wahnwitziges Manifest zur Rettung der Mittelstandsgesellschaft beginnt, für das sich Victor – „um das deutsche Volk zu einen“ -  sozialistischer, rechter und libertärer Ideen bedient, entwickelt sich über eine erfolgreiche populistische Bewegung hin zu einem Technokraten-Regime. Was bleibt, ist ein Land, das positive Utopie und Dystopie gleichermaßen sein könnte." Stefanie Jebrams Fazit: „Alexander Schimmelbusch gelingt es, gesellschaftliche Fragen und aktuelle politische Gefühlslagen gekonnt zuzuspitzten. Bitterböse und sarkastisch ist sein Roman – er besticht durch Fabulierlust, Humor und ein fundiertes Wissen über das Investmentbankermilieu, dem der Autor selbst jahrelang angehörte.  Schimmelbuschs Gesellschaftssatire ist möglicherweise keine Lektüre für die romantische  Adventszeit – dafür aber ein großer intelligenter Lese-Spaß für das gesamte nächste Jahr."

Und zum Schluß: Pure Poesie

Es war reiner  Zufall, der Barbara Thurner-Fromm,  die in der Akademie für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist, zu dem Buch von Natalie Knapp geführt hat: „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind.“  Das 2015 erschienene Buch der Philosophin, dessen bereits 6. Auflage dieses Jahr gedruckt wurde,  hat der „Süddeutschen Zeitung“ gut gefallen ( „Nach zwei Stunden mit Natalie Knapp fühlt man sich viel aufgeräumter"), dem  Deutschlandfunk Kultur aber nicht („Natalie Knapp hat einen kitschverliebten Selbsthilferatgeber geschrieben“)  Wie auch immer!  Aber in dem Buch findet sich ein Satz von Hilde Domin: „Ich setzte den Fuß in die Luft,  und sie trug.“  Wow, das ist Poesie! Kann man Vertrauen in schönere Worte fassen? Kann man Mut, dessen Begleiter doch immer auch die Angst ist, heiterer, leichter ausdrücken?  „Und so“, gestand die langjährige Pressefrau,  „begann ich erstmals in meinem Leben  Gedichte von Hilde Domin zu lesen.“ Natürlich kennt man den Namen der 2006 hochbetagt in Heidelberg gestorbenen Schriftstellerin; in Kreuzworträtseln wird nach der Lyrikerin gefragt und Abiturienten müssen immer mal wieder ein Gedicht von ihr vergleichend interpretieren. Aber erst jetzt habe sie die Schönheit ihrer Sprache entdeckt.  Eine Kollegin hat daraufhin ihr „Lieblingsgedichtchen“ vorgetragen, das wir hiermit gerne weiterreichen:

   
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Wenn es draußen kalt und ungemütlich ist, verzieht man sich gern aufs Sofa mit einem Buch.


Jennifer Francke interessiert sich für die Geschichte der Menschheit.


Stefanie Jebram empfiehlt „Hochdeutschland".


Hussein Hamdan schwärmt für die Alhambra.


Beate Schnarr liebt Pferde und Krimis wie "Böse Leute" von Dora Heldt.


Barbara Thurner-Fromm entdeckte im Buch von Nathalie Knapp plötzlich die Schönheit der Poesie von Hilde Domin.


Sabine Ilfrich findet den amerikanischen Psychologen Irvin D.Yalom sehr spannend.


Judith Herzig kocht nach den Prinzipien von Samin Nosrat: Salz, Fett, Säure, Hitze.