Berührungspunkte von Kunst und Glauben

Beim Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler hat Bischof Dr. Fürst an die Endlichkeit des Lebens erinnert. Als Festrednerin lotete Prof. Dr. Dagmar Fenner Grenzen der Kunst aus.

Der Aschermittwoch steht in der katholischen Kirche unter dem Begriff der Umkehr. Er ist der erste Tag der österlichen Bußzeit, in der verdichtet die Möglichkeit besteht, inne zu halten, sein Leben zu reflektieren und neue Ausrichtungen zu wagen. Das Aschekreuz, das während der Eucharistiefeier an die Gläubigen ausgeteilt wird, soll an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erinnern. Es ist ein „starkes Zeichen“, sagte Bischof Fürst dazu in seiner Predigt. Die Worte „Gedenke, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst“, die der Priester  beim Austeilen des Aschezeichens spricht, sind eine zentrale Aussage - es ist die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende des Lebens sei.  „Die kommenden Wochen lassen auch Raum für das Scheitern, in der Beziehung, im Beruf, im Glauben“, ist eine tröstliche Formulierung der Predigt. Aber das Scheitern birgt auch die Möglichkeit zur Umkehr. Fürst zitierte Sören Kierkegaard, den dänische Philosophen und Theologen, der einst den Aphorismus prägte: „Keiner verirrt sich so weit weg, dass er nicht zu dir zurückfinden kann“.

Der Ausdrucksvorrat der Kunst hilft, wenn Worte fehlen

Diesem Gedankengut folgte auch die musikalische Konzeption durch Detlef Dörner, der die Gestaltung mit „Ich schreite aus ins Weite“ betitelte. Klaus F. Müller erzeugte mit seinem Akkordeon und Michael Speth mit der Violine bezaubernd meditative Klänge, die mit Kompositionen von César Franck zur persönlichen Spurensuche einluden. Dazu passte auch Fürsts Satz in seiner Predigt: „Worte kommen oft an ihre Grenzen, vor allem wenn sie in die Tiefe gehen sollen“. Da kann die Kunst mit ihrem „Ausdrucksvorrat“ ansetzen. Glaube und Kunst sind „Haftungspunkte außerhalb der Systeme“ und sind wichtig für das seelische Überleben.

Neben dem Aschermittwoch gab es am 14. Februar ein weiteres Fest, das kanonisch fest verankert ist und mittlerweile kommerziell regelrecht ausgeschlachtet wird: Der Valentinstag. Der Hl. Valentin, der als katholischer Märtyrer gefeiert wird,  wirkte im 3. Jahrhundert in Rom und soll in der Zeit der Christenverfolgung verbotenerweise Liebespaare getraut und ihnen Blumen aus seinen Garten geschenkt haben. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er Liebende zusammen führte und glaubte, dass Liebe sogar den Tod überwindet, wie Bischof Fürst seine Predigt einleitete. Auch im großen Saal der Akademie wurde an den Liebes-Tag mit einem kleinen Schokoladen-Herz gedacht, das alle Anwesende auf ihren Sitzen als kleines Zeichen der Wertschätzung vorfanden. Ebenso sollte die Musik, gleichfalls von Detlef Dörner organisiert, mit ihren beschwingten spanischen Klängen aus dem 20. Jahrhundert, dargebracht vom ensemble meandro (Klaus F. Müller, Michael Speth, Harald Lierhammer, Michael Sistek) dem Gedenktag Ehre machen.

Die Kunst und Künstler bieten Seelsorge in profanen Zeiten

Die Festrednerin Prof. Dr. Dagmar Fenner, die in Tübingen und Basel an der philosophischen Fakultät Ethik lehrt, überschrieb ihren Vortrag mit der Fragestellung „Was kann und darf Kunst?“ Diese Fragestellung sei berechtigt, meinte die Direktorin der Akademie Dr. Verena Wodtke-Werner, angesichts der kultur-politischen Ereignisse der letzten Jahre mit zunehmender Einschränkung der Kunst durch Zensur und religiöse Fanatiker. Sie leitete das Thema mit einem Zitat des ehemaligen Staatsintendanten der bayerischen Oper,  Sir Peter Jonas,  ein, der 1995 ebenfalls in einer Rede zum Aschermittwoch sagte: „Die Kunst und die Künstler können in der profanen Zeit der Kirche gewiss Seelsorge bieten, so wie die Kirche sich bemüht, für unsere Seele zu sorgen. Aber noch wichtiger, wir können der einzige unangreifbare Träger dessen sein, was ich gerne den gutartigen bürgerlichen Ungehorsam nenne. Mit Hilfe der Kunst können wir uns der Autorität um ihrer selbst willen widersetzen und dem Ethos in der Politik der Bequemlichkeit eine Absage erteilen. Dieser Aspekt des bürgerlichen Ungehorsams und das Bürgertum in der Kultur ist ihr größter gesellschaftlicher Wert. Wie vielleicht früher die Kirche, muss heute die Kultur bereit sein, bei der Verteidigung des sittlichen Gewissens des Menschen zum Märtyrer zu werden, indem wir uns bemühen, der Bequemlichkeit eine Absage zu erteilen und den Umbruch in unserer Gesellschaft zu bewältigen.“

Professorin Fenner gliederte ihren Vortrag in zwei Teile. „Beim ersten Teil der Frage „Was kann Kunst?“ geht es um den positiven Beitrag der Kunst entweder zu einem guten, glücklichen Leben der Individuen oder zu einem besseren, gerechteren Zusammenleben“, so Fenner. „Demgegenüber zielt der zweite Teil der Frage „Was darf Kunst?“ auf die Bestimmung legitimer Grenzen der Kunst, wo sie negative Konsequenzen für die Menschen hat. Antworten auf diese Fragen müsse eine Ethik der Kunst oder Kunstethik geben, als eine weitere Bereichsethik der noch jungen Angewandten Ethik. Im Unterschied zu den sich mit anderen aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzenden Bereichsethiken wie „Bioethik“ und „Wirtschaftsethik“ sei  sie aber noch nicht etabliert.

Satire erlaubt mehr als eine Meinungsäußerung - aber nicht alles

Einen Punkt, der uns im Zusammenhang des Aschermittwochs der Künstlerinnen und Künstler schwerpunktmäßig interessieren kann, soll aus ihrem Manuskript aufgeführt werden:
„Ein häufig gegen Kunst erhobener Vorwurf ist derjenige der Blasphemie, also des Verspottens von Glaubensinhalten, Kirchen oder Religionsgemeinschaften. Eine zu weit gehende Schranke für eine sich mit religiösen Themen beschäftigende Kunst wäre sicherlich die Forderung, sämtliche religiösen Gefühle bedingungslos zu schützen. Wünschbar wären durchaus Bemühungen in den Glaubensgemeinschaften selbst, die Gläubigen zu mehr Gelassenheit, Humor und Distanz zu den eigenen religiösen Gefühlen anzuleiten.  Gleichwohl  ist auch im Kunstbereich gebührender Respekt sowohl gegenüber Gläubigen als auch im Umgang mit ihren religiösen Symbolen und Überzeugungen angebracht.  Je größer dabei die Bedeutung der Symbole für eine Glaubensgemeinschaft ist wie das Kreuz für Christen, desto mehr Behutsamkeit ist erforderlich.“ Fenner  erwähnte etwa Andres Serranos „Piss Christ“, die heftig umstrittene Fotografie eines mit Künstler-Urin getränkten Kreuzes und sagte, die Verantwortung der Künstler steige in einem bereits angeheizten Klima religiöser Spannungen, in dem große Gewaltpotentiale vorhanden sind. Als Beispiele nannte sie die Mohammed-Karikaturen, die zu einer Reihe von gewalttätigen Ausschreitungen führten.

Fenner betonte, „sicherlich kann sich ein Künstler in einer Satire oder Karikatur mehr erlauben als in einer normalen Meinungsäußerung. Wer diese Kunstform kennt, weiß, dass hier in ironisch-witziger bis polemisch-anklagender Weise Personen oder gesellschaftliche Missstände typisiert, verzerrt und übertrieben dargestellt werden.“  Bei Individualkarikaturen gelte allerdings die Grundformel: „Je höher der Anteil der kritischen oder beleidigenden Meinungsäußerung gegenüber demjenigen ästhetischer Gestaltung und Fiktionalisierung ausfällt, desto verwerflicher sind Herabwürdigungen von Personen.“  Tagespolitische Sachkarikaturen seien demgegenüber deswegen problematisch, weil sie notwendig komplexe Sachverhalte verkürzten und Stereotype oder vorgefasste Meinungen bestätigten. Statt eine sachliche, gehaltvolle Debatte anzuregen, werde damit lediglich die Kluft zwischen den Meinungsgegnern vertieft: „Die Gleichgesinnten werden emotional eingeschworen und ergehen sich in Spott und Schadenfreude, wohingegen die Verspotteten ärgerlich bis aggressiv reagieren dürften.“  

Eine unsachgemäße, emotionalisierende und sensationelle Darstellung lag nach Fenners Ansicht  auch bei vielen Mohammed-Karikaturen vor, die eher Meinungsäußerungen mit zeichnerischen Mitteln als Kunstwerke darstellten. „Mohammed mit einer Bombe im Hut zu zeichnen ist in ästhetischer Hinsicht nicht originell, vielschichtig oder emotional und intellektuell faszinierend, sondern bedient mit der hergestellten Verbindung islamischer Religion und Gewalt lediglich ein diskriminierendes Klischee“, sagte Fenner. Oft sei das Pochen auf Kunst- oder Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit Blasphemie nur ein vorgeschobenes Argument, um dahinter das Interesse am Provozieren und lächerlich machen der Andersgläubigen zu verstecken. Auf diese Weise würden die tiefer liegenden interkulturellen Konflikte verschärft und der notwendige Dialog zwischen den Kulturen und Religionen blockiert. (Dr. Ilonka Czerny)

Bischof Dr. Gebhard Fürst machte den Gottesdienstbesuchern das Aschekreuz auf die Stirn.


Festrednerin Professorin Dr. Dagmar Fenner im Gespräch mit Bischof Dr. Gebhard Fürst.


Spanischen Klänge aus dem 20. Jahrhundert vom ensemble meandro (Klaus F. Müller, Michael Speth, Harald Lierhammer, Michael Sistek) umrahmten den Aschermittwoch.