Zeitungen in der Krise

Die Bedeutung klassischer Medien nimmt ab. Damit gerät auch die Demokratie in Gefahr. Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund beleuchtet die Akademie die Folgen der Zeitungskrise.

Von Barbara Thurner-Fromm

Klimakrise weltweit, vor der Haustür Krieg, eine Pandemie, die noch nicht überwunden ist, jetzt auch noch Unruhen im Iran. Millionen Menschen auf der Flucht und das immer bedrohlichere Weltmachtstreben Chinas  - die Welt ist aus den Fugen geraten. Die Menschen werden durchgeschüttelt von schlechten Nachrichten, von Unsicherheiten und von Problemen in einer Dimension, wie wir sie lange nicht mehr gekannt haben. Auch die journalistische Binsenweisheit, dass schlechte Zeiten gute Zeiten für Zeitungen sind, gilt nicht mehr. Zwar ist der Bedarf der Menschen nach Information gewaltig; Medien spielen aktuell eine große Rolle. Doch die Digitalisierung hat auch hier für einen Wandel gesorgt; immer mehr Printprodukte stehen vor dem Aus, weil die Kommunikation im Internet stattfindet und der Strukturwandel weg vom Papier hin zur online-Information sich drastisch beschleunigt.

Besonders deutlich wird dies aktuell in der Region Stuttgart. 2016 wurden die bis dahin unabhängigen Redaktionen von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zusammengelegt, nach zweimaligen Personalabbau werden nun auch die traditionellen Fachressorts wie Politik oder Feuilleton aufgelöst; an ihre Stelle treten 19 „Themen-Teams“, deren teils erkennbar sehr zeitgeistiger Arbeitsschwerpunkt das Internet ist; der Erfolg bemisst sich hier an Klicks und Likes, die gedruckte Ausgabe wird mehr und mehr zur Resterampe des Online-Angebots.  

Bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion des DGB Baden-Württemberg und der Akademie der Diözese ging es im Stuttgarter Willi-Bleicher-Haus deshalb um den Strukturwandel in den Medien und seine Folgen für unsere Demokratie. In der Landtagspräsidentin Muhterem Aras, dem Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung, Dr. Michael Blume, der Chefredakteurin Digital der Stuttgarter Zeitungsgruppe, Swantje Dake, sowie der Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung (LKZ), Ulrike Trampus, stellten sich so engagierte wie kundige Medienschaffende und -nutzende den Fragen von Andrea Gregor (DGB) und Paul Kreiner (Akademie).

„Es geht etwas verloren"

Das Interesse des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Thema betonte Landesvorsitzender Kai Burmeister mit dem Satz: „Die Gewerkschaften sind auf den öffentlichen Diskurs angewiesen; gut aufbereitete Informationen sind wichtig dafür.“  Burmeister beklagte, die Redaktionen stünden „immer stärker unter Druck, personell zwar diverser, in ihren Meinungsbeiträgen aber immer uniformer werden.“ Er kritisierte auch, der Strukturwandel im Stuttgarter Zeitungshaus werde zu Lasten der Beschäftigten vom Ausstieg aus der Tarifbindung begleitet. Bei dieser Kritik gehe es nicht darum, den Stab über eine Redaktion zu brechen, sagte Burmeister, aber es gehe etwas verloren, wenn Verleger ihrer Verantwortung nicht gerecht würden.

Wie Mediennutzung sich ändert, machte schon die erste Frage deutlich. Während Muhterem Aras „ganz old school“ morgens die Stuttgarter Zeitung in der Papierausgabe aufschlägt, greift Swantje Dake zum Handy, und Ulrike Trampus bekennt, dass sie am Abend bereits die Online-Ausgabe ihrer Zeitung liest, am Morgen dann auch das dazugehörige Print-Produkt – das bei der Ludwigsburger Kreiszeitung gegen den allgemeinen Abwärtstrend leicht an Auflage gewinnt. 

Die Landtagspräsidentin stellte klar, für die Politik, vor allem aber für die Demokratie sei eine vielfältige Medienlandschaft essentiell. „Ich freue mich nicht über jeden Artikel, aber es geht auch nicht darum, Politiker und Politikerinnen glücklich zu machen, sondern über Politik und politische Entscheidungen zu informieren und sie einzuordnen.“ Über die Landespolitik werde recht vielfältig berichtet, sagte Aras. In Stuttgart vermisst sie aber zunehmend lokale Berichterstattung und Informationen über Kommunalpolitik. Dabei sei es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger darüber zu informieren, was im Stuttgarter Rathaus passiere, sagte sie und verwies auf eine Studie in der Schweiz, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen kommunaler Berichterstattung und Wahlbeteiligung festgestellt hat. Aras äußerte Verständnis dafür, dass Zeitungen sich wirtschaftlich tragen müssten, und kritisierte am Verhalten der Leserschaft, dass ein Abo oft das erste sei, was abbestellt werde, um zu sparen.

„Sich einbringen lernt man im Lokalen"

Welch hohen Stellenwert Michael Blume den Medien für die Demokratie zuschreibt, verdeutlichte er damit, dass er das Thema an die erste Stelle seines Antisemitismusberichts gestellt hat. Schon bisher habe jede grundlegende Veränderung des Mediensystems die Gesellschaft umgewälzt, relativierte er das Gefühl vieler, es passiere aktuell etwas ganz Neues. Blume erinnerte an die Alphabetisierung, an den Buchdruck, die Einführung des Rundfunks und die Erfindung des Fernsehens. Das aktuell Neue sei nicht nur die Digitalisierung, sondern auch die Tatsache, dass immer mehr Menschen gleichzeitig Medien konsumieren und zugleich auch selber herstellen. Besonders wichtig sei aber gerade in solchen Umbruchzeiten die lokale Berichterstattung. „Die Grunderfahrung, dass sich in der Welt was ändert, mache ich im Lokalteil oder gar nicht“, sagte Blume. Er befürchtet: „Wenn das verschwindet, nehmen Verschwörungstheorien zu.“ Denn auf der lokalen Ebene lerne ein junger Mensch, dass er sich einbringen und damit etwas verändern kann: „Die Selbstwirksamkeit entsteht im Lokalen.“ Blume ist nicht gegen den Wandel: „Wir müssen mitmachen, aber wir müssen es klug machen.“ Er plädiert deshalb dafür, dass Gemeinderats- und Landtagsfraktionen mehr eigene Blogs und Podcasts anbieten.

Auch Swantje Dake verwies auf den Wandel zur „redaktionellen Gesellschaft“. Sie sagte: „Wir können alles mitteilen und alles kommentieren.“ Jugendliche würden aber keine Zeitung mehr, sondern nur noch online lesen: „Unsere Print-Abonnenten werden immer älter und weniger.“ Informationen könne man anders als früher an vielen Stellen bekommen, deshalb müsse sich auch die Berichterstattung ändern. Dake hat das neue Konzept der Stuttgarter Medien mitverantwortet, das wachsende Kritik auch deshalb erzeugt, weil inzwischen der Tampon-Automat in der Herrentoilette des Rathauses offenbar wichtiger erscheint als die Tatsache, dass die Stuttgarter ungebührlich lang auf einen Termin im Bürgerbüro warten müssen, und wichtiger als die Informationen darüber, wie der Radwegeplan aussehen soll. Dake verteidigte den neuen Kurs und widersprach dem Vorwurf, das Angebot würde seichter und boulevardesker.  Die Kommunalpolitik sei weiter fester Bestandteil der Berichterstattung, allerdings habe man sich entschlossen, sie „mit anderem Blick“ zu betrachten. Daran zweifelte allerdings nicht nur die Landtagspräsidentin mit dem Verweis, dass das sublokale Redaktionsbüro im Stuttgarter Westen mit 55 000 Einwohnern  geschlossen worden ist. Auch aus dem Publikum kam Kritik: Ein Mitglied im Stadtseniorenrat bemängelte, der neue Zeitungskurs habe dazu geführt, dass man nicht einmal mehr einen Veranstaltungskalender anbiete, in dem über Seniorenveranstaltungen und -aktivitäten informiert werde.

Der Brandbrief der Landräte

Was der neue Stuttgarter Kurs konkret bedeutet, machte Ulrike Trampus deutlich: „Wir von der Ludwigsburger Kreiszeitung sind in den Gemeinderäten oft die einzige Presse.“ Die LKZ ist auch die einzige Zeitung in der Region, die nicht zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) und zu deren Zeitungsgruppe Stuttgart (ZGS) gehört. Trampus sieht es als „ureigene und öffentliche Aufgabe“ der Presse, zur Meinungsbildung beizutragen. Obwohl die LKZ noch eine Vollredaktion habe, stehe das Lokalgeschehen im Mittelpunkt. Politik etwa werde immer auch unter dem Fokus betrachtet, wie sie sich auf die Kommunen im Kreis Ludwigsburg auswirke. Dass die fünf Landräte der Region Stuttgart in einem gemeinsame Brandbrief an das Pressehaus gewarnt haben vor den Gefahren des neuen Medienkonzepts für die kommunalpolitische Berichterstattung und vor den Folgen für die Öffentlichkeit, dass dieser Brief den Stuttgarter Zeitungsleserinnen und -Lesern aber nicht zur Kenntnis gebracht wurde - auch das wurde scharf aus dem Publikum kritisiert. Dabei hätte diese Warnung eine breite Debatte durchaus verdient.  Schließlich, sehr bemerkenswert, baten die Landräte die Journalisten ja auch darum, „Verwaltungen kritisch zu hinterfragen.“

Trotz der breiten Kritik am neuen Konzept im Stuttgarter Pressehaus ging es nicht darum, nur einen konkreten Fall an den Pranger zu stellen; der wirtschaftliche Niedergang von Tageszeitungen ist ja kein spezielles Stuttgarter Thema. Vielmehr, so formulierte es Akademie-Direktorin Dr. Verena Wodtke-Werner zum Abschluss als Appell: „Demokratie muss uns was wert sein. Wo Medien eingeschüchtert werden, gehen sie und die Demokratie vor die Hunde.“

Das Podium.