Annäherung an den Meister von Meßkirch

Über den Meister von Meßkirch weiß man noch immer relativ wenig. Aber seine Bilder faszinieren die Menschen noch heute. Das belegt die große Nachfrage bei unserer Kunsttagung.

Noch bis zum 2. April ist eine einzigartige Präsentation mit einer Vielzahl von Tafelwerken aus aller Welt in der Staatsgalerie  Stuttgart zu sehen. Ein Studiennachmittag, der auf großes Interesse stieß und mehr als 200 Personen anlockte, widmete sich diesem Meister. Insgesamt acht kunsthistorische Führungen ermöglichten es allen Teilnehmern,  die Ausstellung fachkundig zu betrachten.

Der „Meister von Meßkirch“ ist ein Notname, seine Identität ist auch nach Jahrhunderten noch nicht ganz geklärt. Fest steht, dass er im süddeutsch-schwäbischen Raum, vor allem in Meßkirch, tätig gewesen ist. Mittlerweile, so erklärte der Referent Dr. Benjamin Spira,  gehe man von einer ganzen Werkstatt aus, die der Meister beschäftigte. Spira ist seit Mitte 2017 kuratorischer Assistent bei der Ausstellungsvorbereitung und –durchführung. Er nahm die Tagungsteilnehmer mit auf eine Annäherung an den Meister. Er widmete sich zunächst den katholischen Auftraggebern, beschrieb die Ikonographie und Ikonologie der Altartafeln und versuchte die Ausschmückung der Meßkirchner St. Martinskirche zu rekonstruieren.

Weitreichende Bildwirkung und großer Gestus

Nachweislich sind Einflüsse des großen deutschen Altmeisters Albrecht Dürer beim Meister von Meßkirch erkennbar. Beim Vergleich mit Dürers Holzschnitt-Passion und Passionsszenen beim Meister von Meßkirch sind eindeutige formale Anleihen erkennbar, die der süddeutsche Künstler übernahm, aber motivisch modifizierte und kombinierte. Auch müsse der Meister ein Handbuch mit verschiedenen Attributen besessen haben, wie es viele Werkstätten hatten und den Folgegenerationen weitergegeben haben, stellte Spira mit Hilfe von Bildmaterial dar. Spira konnte auch anhand von stilistischen und formalen Untersuchungen gekonnt nachweisen, dass der Meister von Meßkirch auch als Vorbild für nachfolgende Künstler fungierte, so wie es einem großen Meister würdig ist.

Eine kirchengeschichtliche Verortung des Meisters von Meßkirch versuchte Dr. Milan Wehnert vom Diözesanmuseum in Rottenburg mit seinem brillanten Vortrag, der die Frage stellte „Alte Kirche – Neue (Bild)macht?“. Dabei ging er dezidiert auf kleine Details beim Meister von Meßkirch ein, die alle eine weitreichende Bildwirkung und einen großen Gestus enthielten. Für die heutige Generation kaum mehr erkenn- und deutbar sind Hand- und Körperhaltungen, die von Wehnert gekonnt dechiffriert und mit reformatorischen Pamphleten verglichen wurden. Der Papst (bzw. das Papsttum per se) wurde von den Reformatoren gleichermaßen als Antichristen bezeichnet und von Karikaturisten der damaligen Zeit dementsprechend verunglimpft. Die zynische Bildpropaganda der Reformatoren im Vergleich mit den Gemälden des Meisters von Meßkirch eröffnete eine neue Perspektive auf die wohl überlegten und differenzierten Formgebungen der Werkstatt des Meisters.

Theologischer Sachverstand hinter den Bildern

Aber auch das Zusammenspiel des einmaligen Kolorits, für das der Meister gleichfalls bekannt ist, verstand der Referent anschaulich zu vermitteln. „Lichtgestalten“ wie der Heilige Laurentius wurden ebenso koloriert und strahlten aufgrund der Farbgebung in lichten Gelb-Weiß-Gold-Tönen. „Die Intention des Meisters von Meßkirch ist es gewesen, den Betrachter zu erziehen“, sagte Wehnert resümierend. Das dürfte dem Maler seinerzeit durchaus gelungen sein. Anhand von hochaufgelöstem Fotomaterial, das Wehnert von der Staatsgalerie zur Verfügung gestellt bekam, konnte er kleinste formale und farbliche Nuancierungen verdeutlichen, die den theologischen Sachverstand und Hintergrund der Tafelgemälde veranschaulichten und die der Referent kompetent vermittelte.

Das an die Referate anschließende Podiumsgespräch, an dem sich gegen Ende auch das Publikum beteiligen konnte, wurde von der Direktorin der Staatsgalerie, Prof. Dr. Christiane Lange, moderiert. Sie versuchte den Blick zunächst auf die damaligen Kirchenbesucher zu richten und fragte: „Wie haben die Gläubigen auf die Werke des Meisters von Meßkirch reagiert?“ Auf dem Podium saßen neben den Referenten auch der Stuttgarter Stadtdekan Msgr. Dr. Christian Hermes. Alle Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der Blattgoldbesatz des Hintergrundes und der Heiligenscheine sowie der kostbaren Gewänder der Altartafeln sehr mystisch beim damaligen Kerzenschein gewirkt haben müsse, eine Aura, die der Künstler wohl auch beabsichtigte hatte und die den Gläubigen eine wirkmächtige Abwechslung und einen regelrechten Glanzpunkt vom tristen grau-braunen Alltag bot. Die Moderatorin Lange kam auch auf den theologisch durchdachten Gehalt der Bilder zu sprechen, der kaum von einem Handwerker, wie der Meister von Meßkirch es gewesen ist, eigenständig erdacht werden konnte. Dr. Spira wusste darauf zu antworten, der Auftraggeber Werner von Zimmern habe ein geistliches Zentrum in Meßkirch gründen wollen und es sei anzunehmen, dass dieser von seinem Hofprediger theologisch beraten worden sei. Dieses externe Wissen sei in die Tafeln eingeflossen.

Kirche hat Chance vertan, Zugang zu Künstlern zu bekommen"

Auch das Trienter Konzil (1545-1563) wurde bei der Diskussion angesprochen, das in 25 Sitzungen versuchte, auf die Reformationswirren zu reagieren. Dr. Wehnert erinnerte daran, die gegenreformatorische Bewegung sei ein Prozess gewesen, der sich nur langsam ausbreitete, im Konzil von Trient manifestierte und noch weitere Jahre benötigte, bis die Dekrete großflächig ausgeführt wurden. Der Meister von Meßkirch, der zwischen 1515 und 1540 tätig gewesen ist, sei mit seiner Form- und Farbgebung durchaus seiner Zeit voraus gewesen. Auch diese Feststellung mache die Größe des Meisters aus. Eine der letzten Fragen zielte von Lange auf die Gegenwart ab. Sie formulierte: „Warum hat es die christliche Kunst in der heutigen Zeit so schwer?“ Dr. Hermes antwortete darauf, die christliche Kunst sei früher die Basis gewesen. Heute sei sie eine Möglichkeit von vielen. Es gäbe auch kein Zurück mehr, so der Stadtdekan, das wäre reaktionär. Er sagte, die Kirche habe durch das II. Vatikanum eine erneute Chance verspielt, bessere Zugänge zu den Künstlern zu erhalten, denn nach wie vor verlange sie, die Künstler müssen sich nach der Kirche richten. So sei aber keine gute Kunst für die Kirche zu erwarten. Auch ginge es nicht allein um Wissensvermittlung bei der Kunstvermittlung, es müsse auch wieder gestaunt werden dürfen vor Bildern, forderte Hermes. Wehnert ergänzte, ein ikonografischer Grundkurs sei nicht wichtig beim Betrachten, sondern es müsse ein ganz menschlicher Zugang bei Führungen ermöglicht werden. Die Kunst, so Hermes abschließend, könne die Grundfragen der menschlichen Existenz stellen.

Kunsttagung über Rubens-Ausstellung in Frankfurt

Der Meister von Meßkirch nimmt in seinen Altartafeln einige Gestaltungsmittel vorweg, die für die spätere gegenreformatorische Kunst im Zeitalter der Konfessionalisierung charakteristisch werden sollten. Im Zusammenhang mit der gegenreformatorischen Kunst möchten wir auf eine Veranstaltung am 22. April 2018 besonders hinweisen: Peter Paul Rubens – Superstar des Barocks. Diesem wichtigsten Maler der Gegenreformation widmet der Fachbereich Kunst der Akademie einen Thementag in Frankfurt. Nach einem  einführenden Vortrag über „Peter Paul Rubens – Kunstdiplomat, Friedensstifter und Glaubensverkünder“ besuchen die Teilnehmer die große Ausstellung im Städel Museum: „Rubens – Kraft der Verwandlung“.
(Dr. Ilonka Czerny)

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Bei der Podiumsdiskussion ging es auch um die Katholische Kirche und ihr Verhältnis zur Kunst heute.

Stadtdekan Dr. Christian Hermes im Gespräch mit der Direktorin der Staatsgalerie, Professorin Dr. Christiane Lange.